Pro Mittelstand NRW

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Populismus scheuen Sozialisten bei Anderen wie der Teufel das Weihwasser, denn es war und ist ihre eigene Erfolgstaktik!

 

 

Revolution

Gesetze der Revolution  die Welt 17.2.2011

Was sich 2010/2011 in Ägypten abspielte, das haben zu anderen Zeiten auch andere Länder durchlebt. Die Muster ähneln sich - über Kontinente und Jahrhunderte hinweg

Also was ist das nun? Ein Aufstand?", fragte König Ludwig der XVI. "Nein, Sire", antwortete der Herzog von Rochefoucauld-Liancourt, "es ist eine Revolution." Vor drei Wochen gab es wahrscheinlich einen ähnlichen Dialog zwischen Husni Mubarak und seinen Höflingen. Damals war es der Juli 1789, Ludwig XVI. hatte gerade vom Fall des Bastille-Gefängnisses gehört. Dessen Erstürmung war das Symbol dafür, dass das Regime die Macht verloren hatte. In Peking war 1989 das Symbol die Besetzung eines Platzes - Tiananmen; in Bukarest war es das öffentliche Ausbuhen Ceausescus. Solche Symbole markieren den Sieg einer Revolution. Und in Ägypten war es der Tahrir-Platz.

Die Kommunistische Partei Chinas hatte damals zwei Trümpfe: den respektierten Führer Deng Xiaoping und die Rote Armee. Beide hatten den Nimbus, den Willen und die Rücksichtslosigkeit, ihr Regime zu retten, indem sie den Platz zurückeroberten - egal, wie viele Menschenleben dies kosten würde. Das ist eine Möglichkeit. Aber je länger das Patt dauert, desto größer wird das Risiko von Gewalt, wenn das Regime dann fällt. Die arabische Welt erschaudert noch immer bei der Erinnerung an die Schändung der Leichname von König Faisal II. und seiner Familie durch den Mob während der irakischen Revolution 1958; mit dem Kopf des Premierministers Nur al-Said wurde Fußball gespielt.

Niemand kann das Schicksal von Revolutionen voraussagen, und ihre tiefe Bedeutung wird erst Jahrzehnte später offenbar. Das meinte auch der chinesische Premier Zhou Enlai mit seiner ironischen Bemerkung, für die Beurteilung der Französischen Revolution sei es noch "zu früh". Das bleibt auch im Zeitalter von 24-Stunden-Nachrichten und Twitter so. Viele Experten glauben, dass wir gerade ein arabisches 1989 erleben. Aber es könnte sich genauso gut um ein neues 1848 handeln: Eine Revolution, die mit einem Aufstand in einem kleinen Königtum begann (Neapel - man denke heute an Tunesien), griff innerhalb von Wochen auf Paris und Wien über und fegte den König Louis-Philippe und Metternich aus dem Amt. Aber schon nach wenigen Jahren waren wieder konservative Herrscher am Ruder. Eines ist sicher: Die aktuelle Revolution könnte welthistorisch so bedeutsam werden wie jene von 1789 und 1917. Ägypten ist das Cockpit der arabischen Welt. Metternich sagte einst, "wenn Paris hustet, bekommt Europa eine Erkältung". Wenn heute Kairo niest, bricht der Mittlere Osten zusammen. Zwischen dem 10. und 16. Jahrhundert wurden das heutige Israel, Libanon und Syrien über lange Zeiträume von Kairo aus beherrscht - vom Kalifat der Fatimiden, dann von Saladin und seiner kurdischen Dynastie, danach von der Militärjunta der Mameluken. Als Gamal Abdel Nasser und seine Bewegung der Freien Offiziere fast ohne Blutvergießen die Macht übernahmen in der Revolution vom 23. Juli 1952, beendete er die Dynastie von König Farouk, die seit 1805 geherrscht hatte. Der eloquente, gut aussehende, charismatische Nasser wurde der populärste arabische Herrscher, seit Saladin 1187 Jerusalem eroberte. Aber er baute auch jenen Polizeistaat auf, der ihn an der Macht hielt und mit dessen Hilfe er die Muslimbrüder unterdrückte.

"Dynastien", schrieb Ibn Chaldun, der brillante arabische Historiker des 14. Jahrhunderts, "haben eine natürliche Lebensdauer wie Individuen." Die Herrscher der ägyptischen Freie-Offiziere-Bewegung ähneln einer Dynastie: Es gab nur drei Präsidenten in 60 Jahren: Nasser, Sadat und Mubarak, alle Männer des Militärs. Die große Schwäche solcher Regime ist die Nachfolgefrage. Es gibt kein System der Machtübergabe und kein Ventil, um den Zorn des Volkes abzulassen. In Russland - auch ein Regime, das eines Tages mit einer Revolution aus der Mitte des Volkes konfrontiert sein könnte - muss jeder Präsident (ob Jelzin oder Putin) den Nachfolger persönlich auswählen, um seine eigenen Interessen und die der regierenden Zirkel zu sichern.

In der arabischen Welt gibt es eine große Tradition des Pharao-Sultans. Nasser war überall einfach nur "der Boss". Das Problem ist nur, dass die heutige Jugend dieser Länder die halb einbalsamierten, geriatrischen Potentaten mit ihren wie bei alternden Kreuzfahrtsängern schwarz gefärbten Haaren einfach nicht mehr respektiert. Mubarak hatte erwogen (wie Kolonel Gaddafi in Libyen), seinen Sohn zum Nachfolger zu küren. Auf Hafis al-Assad, der 1969 in Syrien die Macht ergriff, folgte nach dessen Tod im Jahre 2000 sein Sohn Baschar, ein Augenarzt, der derzeit bestimmt aufmerksam nach Ägypten schaut. Da haben Monarchien Vorteile: Dort gibt es immer einen jungen, frischen Nachfolger. Jordanien und Marokko werden von jungen Königen regiert, und beide verfügen über eine heilig-charismatische Stärke: die direkte Abstammung vom Propheten. Den Saudis fehlt dieser Vorteil, sie haben sich dafür eng verbündet mit dem puritanischen Asketentum des wahabitischen Klerus. Ob das erfolgreich ist, muss sich noch erweisen.

Autoritäre Staaten sind extrem effektiv darin, die oppositionellen Parteien zu infiltrieren und zu zerstören. Deshalb gab es in Mubaraks Ägypten bis auf die Muslimbrüder kaum organisierte Opposition. Ähnlich im zaristischen Russland, wo alle revolutionären Parteien einschließlich der Bolschewiki so infiltriert waren von der Geheimpolizei, dass Lenin witzelte: "Die Revolution wird nicht mehr zu meinen Lebzeiten stattfinden." Monate später war es dann so weit.

Die Abwesenheit eines Führers oder einer Bewegung kann aber auch ein Vorteil sein. Die erfolgreichsten Revolutionen sind führerlos, unvorhersehbar, ausgelöst entweder durch ein kleines Ereignis - etwa die Selbstverbrennung eines Protestierenden oder einen moralischen Aufschrei wie bei der Ermordung des Oppositionsführers Aquino auf den Philippinen - oder durch einen grotesken Skandal. Napoleon glaubte, dass die Halsband-Affäre (ausgelöst durch ein Kollier der Königin Marie Antoinette) genauso bedeutend für die Beschleunigung der Französischen Revolution war wie andere wichtige Faktoren. Es liegt eine machtvolle Magie in der Spontaneität: Im Februar 1917 konnten hungrige Massen Nikolaus II. einfach absetzen, ganz ohne Zutun von Bolschewiki oder Menschewiki, die in ihrer Mehrheit im Ausland waren. Wenn die erste Spontaneität vorüber ist, geht es vor allem um Organisation: Die Fähigkeit dazu haben in Ägypten nur die regierende Elite, das Militär und die Muslimbrüder.

Revolutionen haben auch die Angewohnheit zu schrumpfen. Sie fangen mit breitester Unterstützung an und geraten dann in die Hände einiger weniger gut organisierter und passionierter Radikaler. Im demokratischen Russland des Oktobers 1917 hatten nur die wenigen radikalen Sozialisten, die Bolschewiki unter Lenins und Trotzkis Führung, den eisernen Willen, die Macht zu ergreifen. Lenins eiskalter, analytischer Witz macht ihn zum ultimativen Kommentator von Revolutionen. Jede radikale revolutionäre Organisation brauche das Feigenblatt von Galionsfiguren und wohlmeinenden Zentristen - Lenin nannte sie "nützliche Idioten". Als Khomeini 1979 im Iran die Macht ergriff, erlaubte er zunächst eine Vielfalt von Meinungen und ernannte Mehdi Bazargan, einen Demokraten, zum Premierminister (der klassische Fall eines nützlichen Idioten), bevor er eine theokratische Diktatur mit sich selbst als oberstem Führer errichtete. 1952 in Ägypten benutzte Nasser den General Naguib als seinen - später immer weniger nützlichen - Idioten.

Und dennoch: Das komplexe, kulturreiche, raffinierte und mächtige Ägypten könnte allen bisherigen Prototypen trotzen und mithilfe seiner brodelnden Jugend von Facebook-Revolutionären und Twitter-Studenten eine Demokratie errichten, die den Gang der arabischen Geschichte verändert und alle Vorurteile über islamische Gesellschaften widerlegt. Das wäre ein aufregender, wunderbarer Moment. Doch erhörte Gebete können der größte Fluch werden: So wie durch die palästinensischen Wahlen die terroristische, islamistische Hamas an die Macht kam, so könnte ein Erdrutschsieg der Muslimbrüder dem Mittleren Osten einen Krieg bescheren, in dem sich Israel umzingelt sähe von einem Hisbollah-kontrollierten Libanon im Norden und einem aggressiven Ägypten im Süden.

Am Ende reduziert sich alles auf die unergründliche Alchemie der Macht. In dem Kaleidoskop aus Dynamik, Macht, Angst und Hoffnung, das wir Revolution nennen, lautet die entscheidende Frage, wer am Ende wen kontrolliert. Oder gemäß der berühmten Formulierung Lenins: "Wer wen?"




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Stand: 18. Februar 2011.