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Experte
hält Anschlag mit Ehec für möglich
(FTD
4.6.2011)
Nachdem
Wissenschaftler festgestellt haben,
dass das Bakterium eine Mutation
ist, bleibt immer noch die
entscheidende Frage offen: Woher
kommt der Erreger? Selbst ein
terroristischer Angriff ist
mittlerweile im Gespräch. Die
Regierung verneint dies entschieden.
Bei
der Ehec-Epidemie wird auch
ein krimineller Hintergrund
nicht ausgeschlossen. Der
Berliner Hygiene-Experte
Klaus-Dieter Zastrow hält
einen Anschlag für möglich.
Die Bundesregierung hat nach
eigenen Angaben keine
Hinweise auf einen
verbrecherischen
Hintergrund.
"Es
kann durchaus sein, dass ein
Schwachkopf unterwegs ist
und denkt, ich bringe mal
ein paar Leute um oder
verpasse 10.000 Leuten
Durchfälle. Das aus dem
Blickfeld zu nehmen, halte
ich für einen Fehler und
geradezu fahrlässig", sagte
Zastrow, Chefarzt für
Hygiene an den
Vivantes-Kliniken in Berlin,
der Agentur dapd. Einen
Terroranschlag halte er
allerdings für
unwahrscheinlich: "Dafür
wären Bekennerschreiben
typisch - und die gibt es ja
nicht."
Der
Mediziner betonte, die
Bakterien könnten durchaus
von Kriminellen oder
Terroristen produziert
werden. Wer Geld habe,
könnte Labore beauftragen,
die sich mit solchen Dingen
beschäftigten. Gerade die
Tatsache, dass es sich um
einen völlig neuen Stamm
handele, lasse ja auch an
ein Kunstprodukt denken.
"Wenn wir es jetzt mit einem
völlig neuen Keim zu tun
haben, muss man auch fragen,
woher er kommt", sagte
Zastrow. Ein Sprecher des
Bundesinnenministeriums
sagte, es gebe keine
Hinweise auf
bioterroristische
Aktivitäten.
Die
Zahl der beim
Robert-Koch-Institut (RKI)
gemeldeten Ehec-Erkrankungen
stieg unterdessen weiter:
Bis Donnerstagnachmittag
registrierte das RKI 1213
Fälle, 520 Patienten litten
am Hämolytisch-Urämischen
Syndrom (HUS). Bundesweit
werden mittlerweile
mindestens 19 Todesfälle mit
Ehec in Verbindung gebracht.
Die
Hamburger Polizei ermittelt
nach dem Fund der vier mit
Ehec belasteten Gurken gegen
zwei Großhändler und ein
Restaurant. Auch wenn sich
herausgestellt habe, dass
diese Gurken nicht für die
aktuelle
Ehec-Infektionswelle
verantwortlich seien, müsse
von einer Gesundheitsgefahr
ausgegangen werden, sagte
eine Sprecherin. Den Angaben
zufolge ermittelt die
Polizei wegen eines
möglichen Verstoßes gegen
das Lebensmittel- und
Futtermittelgesetz.
Wegen
der hohen Zahl der
Ehec-Fälle führen Kliniken
erstmals ein bundesweites
Register über
Behandlungsergebnisse ein,
wie der Präsident der
Deutschen Gesellschaft für
Nephrologie, Reinhard
Brunkhorst, sagte. An der
Datenbank, in der alle
Patienten mit dem HUS
erfasst würden, beteiligten
sich derzeit 15
Krankenhäuser, darunter die
Universitätskliniken in
Hamburg, Hannover und Kiel.
Der Ehec-Erreger grassiert
vor allem in
Norddeutschland. Besonders
viele der inzwischen
bundesweit rund 1500
Erkrankungsfälle sind in
Hamburg, Niedersachsen und
Nordrhein-Westfalen
aufgetreten
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Verzweifelte
Suche nach EHEC-Quelle
die Welt 4.6.2011
Eine erste heiße Spur führt
nach Lübeck
BERLIN
– Der Ursprung der EHEC-Infektionswelle
bleibt mysteriös. Das E.- Coli-Bakterium könnte auch aus einem Krankenhaus
stammen. In einem Interview mit der „Welt“ sagte der Direktor des Instituts für
Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle, Alexander Kekulé:
„Ein Patient könnte den neuen Keim unter einer Antibiotikatherapie ausgebrütet
haben.“ Die Erkrankungen könnten nach Ansicht des Hygiene-Experten
Klaus-Dieter Zastrow auch durch einen Anschlag ausgelöst worden sein.
Inzwischen gibt es mehr als 1200 Fälle, 520 Patienten leiden an dem HUSyndrom.
Die Zahl der Todesopfer stieg auf 18. Unterdessen verfolgen Wissenschaftler eine
erste heiße Spur. Insgesamt 17 Menschen seien erkrankt, nachdem sie Mitte Mai
ein Lübecker Restaurant besucht hatten, berichteten die „Lübecker Nachrichten“.
„Die Lieferantenkette kann möglicherweise den entscheidenden Hinweis geben“,
sagte ein Mikrobiologe am Universitätsklinikum Lübeck dem Blatt. 19
EHEC-Patienten werden derzeit in den Berliner Kliniken betreut, elf davon leiden
am lebensbedrohlichen HU-Syndrom mit Schädigung der Gefäßwände und
Nierenversagen. Bei den Berliner Patienten handelt es sich ausschließlich um
Personen, die vor Krankheitsbeginn in Norddeutschland an der Nord- oder Ostsee
waren oder die aus dem Gebiet zwischen Berlin und Hamburg in die Charité verlegt
wurden. Letztlich gibt es also weiterhin zwei Anhaltspunkte für eine
Infektionsquelle. Es muss etwas sein, das aus der Region Norddeutschland
kommt. Und es hat mit Nahrung zu tun. Auch die Politik unternimmt nun bei
der Fahndung nach der Infektionsquelle zusätzliche Anstrengungen – ob sie nun
sinnvoll sind oder nicht. Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) ordnete
etwa im Rahmen eines „Landesuntersuchungsprogramms Bayerisches Gemüse“ an, Ware
aus den wichtigsten Anbaugebieten auf mögliche Gesundheitsbelastungen zu
untersuchen. In den vergangenen Wochen seien in Bayern bereits 250 Proben
genommen worden. Dabei sei bei keinem der untersuchten Gemüseprodukte der
EHEC-Keim gefunden worden. Seit gestern Morgen werden nun 400 zusätzliche
Stichproben bei Gurken, Tomaten und Salat genommen. „Wir wollen uns einen
Überblick verschaffen“, begründete Söder das Programm - dabei gibt es bislang
kein einziges Indiz, dass die verseuchten Lebensmittel noch aus einer anderen
Region kommen außerhalb Norddeutschlands.
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Und
Greenpeace schweigt
die Welt /Ulli Kulke 4.6.11
Deutschland ist in Aufregung
wegen eines Lebensmittelskandals. Das ist keine neue Situation. In aller Regel
aber hat sich bei so einer Gelegenheit seit vielen Jahren vor allem ein Verband
veranlasst gesehen, das Wort zu ergreifen: die Umweltschutzorganisation
Greenpeace. Nicht nur von sich aus: Vor allem in den diversen Fernsehkanälen des
Landes sind die Vertreter aus dem Haus an der Hamburger Großen Elbstraße bei
solchen Anlässen gefragte Sachverständige. So sehr, dass man schon fast geneigt
ist zu glauben, in Deutschland gebe es keine Experten mehr an Universitäten oder
anderen Forschungsinstituten. Jetzt, bei der EHEC-Epidemie, scheint es
Greenpeace die Sprache verschlagen zu haben. Offenbar braucht dieser Verband,
wenn er Stellung beziehen will (oder danach gefragt wird), ein klares Feindbild.
Das sind bei den Lebensmittelskandalen – oder besser: den sogenannten Skandalen
– dann stets die Agrarkonzerne, die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln oder
die Pflanzenzüchter. Sind hier keine vordergründigen schnellen Zuordnungen
möglich, scheint der Sachverstand der Hamburger in Sachen gesunder Nahrung zu
versagen. Und er ist, wie es aussieht, in diesen Fällen auch nicht gefragt.
Dabei zeigt das Drama um den EHEC-Erreger, wo die wirklichen Gefahren in unseren
Nahrungsmitteln lauern. Keineswegs dort nämlich, wo nach all den produzierten
Aufgeregtheiten die gefühlten Risiken liegen, etwa in
Pflanzenschutzmittel-Rückständen (oder Pestiziden, wie es gruseliger klingt),
selbst wenn deren Mengen hier und da tatsächlich die zulässigen Grenzwerte
überschreiten. „Bei uns ist noch niemand durch Pflanzenschutzmittel erkrankt“,
sagt der Mann, der es wissen muss: der Präsident des Berliner Bundesinstitutes
für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel. Von Todesfällen durch Pestizide
einmal ganz zu schweigen. Erst recht gilt dies für die grüne Gentechnik, deren
Hinterlassenschaften ja bisweilen in Spurenelementen irgendwo mit dem Mikroskop
aufgespürt werden. Skandal, Skandal! Anders sieht es dagegen aus bei der
Lebensmittelhygiene und unserem persönlichen Umgang mit der Nahrung. Beim BfR
geht man von deutschlandweit einer Million Fällen von Lebensmittel-vergiftung
aus – pro Jahr. Hunderte, wenn nicht Tausende sterben daran, ohne dass dies
größere gesellschaftliche Aufregung verursachen würde. Da es sich dabei
großenteils um die Folgewirkungen des Verzehrs von vergammelter Nahrung
handelt, darf man auch durchaus einmal darauf hinweisen, dass
Konservierungsstoffe der Gesundheit dienen und nicht schaden, wie dies in
unserer verkehrten Welt heute fast einhellig vermutet wird. Die alltäglichen und
alljährlichen Krankheiten und Todesfälle, die uns schädliche Nahrung bescheren,
bilden ein gewaltiges statistisches Gebirge, vor dem selbst die derzeitige
EHEC-Epidemie als kleine Erhebung kaum auszumachen ist – so schlimm sie im
Einzelnen ist, und so wichtig es ist, den Pfad des unheimlichen Erregers endlich
auszumachen. Dass die Gefahr durch verdorbene Lebensmittel früher, in den Zeiten
vor Konservierungsmitteln, Tiefkühlkost und Konserven, noch weit schlimmer war,
darf uns natürlich nicht in falscher Sicherheit wiegen. Es gibt noch viel zu
verbessern, auch die immer noch unfassbar unterbesetzte Lebensmittelkontrolle
gehört dazu. Auf Pflanzenschutz und moderne Zuchtmethoden zu verzichten wäre
aber der absurdeste Weg. Diese vermeintliche Lösung hätte mit den wirklichen
Risiken nicht das Geringste zu tun. Auch der Ruf nach mehr Biolandwirtschaft ist
derzeit in keiner Weise zielführend – vor allem deshalb, weil der EHEC-Erreger
offenbar ein natürlicher ist, der gerade keinem Unternehmen der Agrochemie
entsprungen ist. Und das ist wohl auch der tiefere Grund, warum die selbst
ernannten Nahrungswächter dieser Tage verstummt sind. Nicht auszudenken, was
heute im Land los wäre, könnte man die immer noch begrenzte Welle von
Lebensmittelvergiftungen, wie wir sie heute erleben, auf menschengemachte
Substanzen zurückführen, etwa auf Kunstdünger oder Pflanzenschutzmittel.
Auszurechnen wären die Folgen einer solchen Vision allerdings schon: Nach allen
Erfahrungen der letzten Monate würde wohl die schwarz-gelbe Koalition ein
Programm auflegen, nach dem Deutschland binnen zehn Jahren aus der
konventionellen Landwirtschaft ausstiege und qua Gesetz nur noch Biolandbau
erlaubt wäre. SPD, Linke und vor allem die Grünen würden sagen, das hätten sie
schon immer gefordert – und natürlich wären dann auch wieder die üblichen
Verbandslobbyisten in der Öffentlichkeit: Greenpeace würde am Brandenburger Tor
eine Mahnwache postieren, bundesweite Aktionswochen organisieren und mit all
ihren Gleichgesinnten den sofortigen Agrarumbau fordern, spätestens aber nach
zwei Jahren. Deutschland wäre von einem öko-apokalyptischen Basso continuo
durchdrungen, der die Zustimmung zu dieser Kehrtwende auf 80 oder 90 Prozent
schrauben könnte. Eine absurde Vorstellung? Nun, bei dem derzeitigen
Lebensmittelskandal haben wir inzwischen 18 deutsche Todesopfer zu beklagen. Der
Atomunfall von Fukushima dagegen forderte nicht ein einziges Menschenleben, und
nach allem, was man weiß, liegt auch kein verstrahlter Mensch in Japan im
Sterben. Dennoch gibt es tatsächlich ein Land am anderen Ende der Welt, unseres
nämlich, in dem die Regierung darüber von Sinnen gerät und das, wenn auch
realiter nicht die Ernährungsbasis des Landes, so doch die Grundlage seiner
gesamten Wirtschaft, die Versorgung mit Energie nämlich, auf den Kopf stellt.
Zurück aber ins Hier und Heute: Wenn das derzeitige EHEC-Drama eines bieten
könnte, so ist es die Chance, die wahren Risiken in unserem Land besser
einzuordnen – im Nahrungsbereich, aber eben nicht nur dort. Es würde uns gut
anstehen, uns künftig vor unnötigen Aufgeregtheiten einfach einmal zu hüten.
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