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Kopf in den Sand – so verspielen wir die Zukunft welt 28.1.2012 Hoffnung siegt über Realpolitik: Die Menschen ahnen mehr, als sie wissen wollen. Die unangenehmen Wahrheiten werden verdrängt – auf privater wie auf staatlicher Ebene.Das Orakel von Delphi hatte eine hinterhältige Art, Ratsuchenden die Wahrheit zu offenbaren. Zum Beispiel dem sagenhaften Krösus, König von Kilikien, der Appetit hatte auf ein Nachbarland. Das Orakel, sicherheitshalber befragt, gab Antwort: "Wenn Du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören." Krösus tat es – und das Reich, das er zerstörte, war das Seine. Seitdem ist mancher Halys überschritten worden, vielerlei Strategien endeten im Desaster. Dies zu vermeiden, gibt es Astrologen, graue Eminenzen, Leitartikler, Sachverständige. Aber nicht immer wird ihr Rat gehört, und nicht selten ist es, nachträglich betrachtet, auch besser so. Dabei kommt die Nachricht von historischem Format, Weltenwende à la 1989, selten vor. Denn nicht einmal der Untergang der Sowjetunion, von ihrem langen Niedergang in den Jahrzehnten zuvor nicht zu reden, kam gänzlich unerwartet, seitdem 1985 der Ölpreis auf zehn Dollar pro Barrel gesunken war. Und auch von der Rückkehr Chinas in den Kreis der Lebenden konnte sich nur überraschen lassen, wer nichts weiß von den Gezeiten der chinesischen Vergangenheit. "Älter als die Geschichte", wie General de Gaulle einst sagte, leistete sich China einige Jahrhunderte der Schwäche und taumelte im 20. Jahrhundert von Katastrophe zu Katastrophe. Seit einer Generation aber ist das Reich der Mitte, alias Volksrepublik China, wieder da, Zivilisation mehr als Nationalstaat. Allgemein gilt: Die Menschen ahnen mehr, als sie wissen wollen. Die unangenehmen Wahrheiten werden verdrängt. Das gilt nicht nur für die privaten Dinge, sondern auch für die Politik, und die Demokratien sind davon nicht ausgenommen. Die Qual des Wissens Am einfachsten ist noch immer die aus dem klassischen Altertum wie aus der Bibel bekannte Methode, den Boten für die Botschaft zu bestrafen. Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab") hat erfahren, wie Wunschdenken über Erfahrung siegt. Die EU will, seitdem amerikanische Rating-Agenturen den Gesundheitszustand der Euro-Zone herabstufen, die schlechten Nachrichten verbieten. Bei Hofe die Wahrheit zu sagen, ist ohne Gefahr für Leib und Leben von jeher allein dem Narren gestattet. Im Kassandra-Mythos beschrieben die alten Griechen die Qual des Wissens: Trojas schöne Königstochter war vom Gott Apollo begnadet, die Zukunft zu schauen, und zugleich verdammt, niemals Glauben zu finden. Kassandra hat auch seit 40 Jahren die bedrohlichen Erkenntnisse der Demografie verkündet. Seitdem liegen sie auf den Schreibtischen der Politik, überwiegend folgenlos. Kann jemand, der Zahlen und Trends ernst nimmt, die geltende Rentenformel nachhaltig finden? Arbeiten bis 67, wenn es denn sein muss – aber doch bitte nicht jetzt und nicht hier: Es würde Stimmen kosten. So kalkulieren die Taktiker von Münchens Staatskanzlei bis zur IG Metall. Dabei weiß jeder, dass die Menschen länger leben als zu der Zeit, da das Rentenalter festgelegt wurde. Der deutsche Sozialvertrag, aus Bismarcks Zeiten, Weltkrieg, Republik und Diktatur überkommen, wurde zu Wirtschaftswunderzeiten auf immerwährendes Wachstum gegründet: Vermehrung der Menschen, des Wohlstands, der Löhne, der Renten, kurz: der sozialen Sicherheit – die heute längst Unsicherheit geworden ist. Die Sozialpolitiker, die den Generationenvertrag priesen, entzogen ihm gleichzeitig Grundlagen und Gleichgewicht. Schlechte Nachrichten aus dem Wohlfahrtsstaat Seit Kassandra ließ sich erkennen, zwei Ölpreiskrisen 1973 und 1979 hätten die Erkenntnis beschleunigen müssen, dass Umsteuern, Bescheidenheit, ein moderater Sozialvertrag geboten waren. Stattdessen half, ob fette Jahre oder magere, Nettokreditaufnahme, über die Verhältnisse zu leben. An Rückzahlung und Konsolidierung ist nicht im Traum zu denken. Der neue Generationenvertrag reimt sich auf die Feststellung: Erst wollen die Leute keine Kinder zeugen, dann wollen sie nicht sterben. Dieselbe junge Generation, die nur noch zur Hälfte geboren wurde, soll zum Ausgleich doppelt und dreifach Lasten tragen. Die Betroffenen werden sich dem entziehen, mit gesetzlichen und ungesetzlichen Mitteln – notfalls Republikflucht. Das Prinzip Nachhaltigkeit steht in den sozialen Bilanzen der Republik nicht einmal mehr als Erinnerungswert. Hoffnung siegt über Realpolitik. Das gilt nicht nur für die schlechten Nachrichten aus dem Wohlfahrtsstaat. Es gilt ebenso für die Verschiebungen internationaler Politik und Sicherheit. Die Amerikaner, vor 20 Jahren die einzige Supermacht weit und breit, sind im Irak von Sieg zu Sieg der Niederlage zugestolpert. Dass sie Demokratie hinterlassen, der Terror abebbt und die Schiiten des Irak gegen die Mullahs des Iran immun sind, das Zweistromland von seinen Dämonen befreit – ist Illusion. Die Garantiemacht schwächelt und Europa ist ratlos Ähnliches gilt für Afghanistan: Der Westen führt einen ungewinnbaren Krieg gegen die Geschichte. Der Kriegsgrund von 2001 – Osama Bin Ladens Terror und al-Qaida am Hindukusch – ist längst aus den Augen verloren. Was bleibt, hätte niemals Krieg gerechtfertigt. Das Land befindet sich, denkt man einmal Isaf und die Amerikaner weg – 2014 ist das Datum – im Krieg. Dieser Krieg flammt auf, wenn niemand mehr da ist, dies zu verhindern. Dies alles ist offenes Geheimnis, welches auszusprechen doch jeder militärischen oder diplomatischen Karriere abträglich wäre. Hat die Sicherheits- und Verteidigungspolitik Europas die Antwort darauf gefunden? Amerika ist nicht mehr die Garantiemacht: die Streitkräfte sind ausgehöhlt, die Finanzen erschöpft, die neuen Schwerpunkte rund um den Pazifik liegend. Das alles müsste die Europäer, Deutschland voran, in ernste Anstrengung zwingen. Das Gegenteil ist der Fall – aber nicht folgenlos. Leopold von Ranke, Geschichtsschreiber der Großen Mächte, bilanzierte vor bald 200 Jahren: "Nicht Blindheit ist es, nicht Unwissenheit, was die Menschen und die Staaten verdirbt. Nicht lange bleibt ihnen verborgen, wohin die eingeschlagene Bahn sie führen wird. Aber es ist in ihnen ein Trieb, von der Gewohnheit verstärkt, dem sie nicht widerstehen, der sie vorwärts reißt, solange sie noch einen Rest von Kraft haben. Göttlich ist, wer sich selber bezwingt. Die Meisten sehen ihren Ruin vor Augen, aber sie gehen hinein". ________________________ "Deutschland ist ein gescheiterter Staat" Von Idealismus, Harmoniesucht und roten Ampeln: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Zafer Senocak über sein Buch "Deutschsein". Das nennt man Migrationshintergrund: Zafer Senocak stammt aus der Türkei, doch schon mit zehn Jahren zog er mit seiner Familie nach Deutschland. Nun hat der Schriftsteller eine "Aufklärungsschrift" mit dem Titel "Deutschsein" veröffentlicht (Edition Körber Stiftung, 190 Seiten, 16 Euro). Was heißt es, deutsch zu sein? Ein Besuch in Senocaks Arbeitszimmer in Berlin-Neukölln, um verschiedene Definitionen des Begriffs auszutesten. Welt Online: Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst Willen tun, meinte Richard Wagner. Zafer Senocak: Ja, das ist schon sehr deutsch. Welt Online: Der Spruch ist nicht überholt? Senocak: Nein. Die Geschichte ist immer präsent, nur in verschiedenen Nationen auf verschiedene Weise. Und in unserem Land auf eine verborgene Weise, wegen unserer Geschichte. Wir reden über Menschen mit Migrationshintergrund. Sind das die einzigen Leute mit einem Hintergrund? Was ist mit dem deutschen Hintergrund? Dieser Hintergrund hat mich seit meinem Philosophiestudium in München immer fasziniert. Mein Schwerpunkt war dort ja der deutsche Idealismus.
Welt Online: Da passt dieses Zitat von Goethe und Schiller aus dem zahmen Xenien: "Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens. Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus." Senocak: Ein interessanter Ansatz. Ausgehend von der Frage, was passiert, wenn die Nationbildung scheitert. Wir wollen ja nicht wahrnehmen, dass Deutschland ein gescheiterter Staat ist... Welt Online: Ein Failed State... Senocak: Jedenfalls ein gescheiterter Nationalstaat. Im Westen zwar erfolgreich – aber als merkwürdiges Gebilde, eingebunden in das Konstrukt Nato und eine Fantasie von Europa. 1989 beginnt das deutsche "Nation Building", wir sind jetzt mitten drin. Und da trifft das Zitat von Goethe und Schiller die Sache genau. Denn man kann sich fragen, ob die Nationenbildung im 21. Jahrhundert noch so wichtig ist. Wichtig ist die Herausbildung von Individuen, die sich in Gemeinschaften bewähren müssen. Hierfür gibt es in der deutschen Geschichte Vorbilder, und auch die föderale, dezentrale Struktur des Landes ist dabei eine Hilfe. Welt Online: Dennoch leiden die Deutschen unter einem nationalen Phantomschmerz. Sie glauben, alles wäre einfacher, wenn sie eine Nation wären wie die Franzosen oder Briten. Senocak: Die Deutschen tun sich sehr schwer damit, zurückzulieben. In der Geschichte und auch heute. Wenn jemand kommt und sich zu diesem Land bekennt, sich auch zu der schwierigen Geschichte bekennt: Es kommt wenig zurück. Weniger als in anderen Ländern. Und vielleicht hat das mit diesem Phantomschmerz zu tun. Die Deutschen sagen: Da ist was faul. Er kann uns nicht lieben. Welt Online: Weil sich die Deutschen selbst nicht lieben? Senocak: Ja. Und weil es ihnen schwer fällt, die Sehnsucht nach Harmonie zu überwinden und das Denken in Großkategorien wie Europa, Volk, Nation und so weiter. Dabei erleben wir im arabischen Raum eine Umwälzung, die von vernetzten Individuen ausgeht, ohne irgendeine Organisation. Deshalb sind unsere Integrationsdebatten vorsintflutlich – da geht es um Organisationen: Räte, Kommissionen. Da geht es um Großgebilde: "Der Islam". Aber was ist der Islam? Wir tun uns schwer mit der Spontaneität und der Vernetzung. Welt Online: Und 1968? Senocak: Ich war nicht dabei, aber mir kommt es im Rückblick so vor, als hätten sich auch die deutschen 68er mit anarchistischen Aktionsformen schwer getan. Sie drängten immer nach Organisation, nach festen Gefügen. Der deutsche Feminismus ist ein gutes Beispiel. Eigentlich ist der Feminismus eine libertäre Ideologie. Aber hier schlug sie um und bekam etwas von Erziehungsanstalt und Diktatur. Welt Online: Ein Kollege hat mir folgende Definition mitgegeben: Deutschsein heißt nachts um zwei an einer einsamen Senocak: Auch in Berlin sind die Straßen nachts oft einsam. Es ist ein stilles Land. Welt Online: Der Kollege meinte weniger die Stille als die Angewohnheit, eine Regel um ihrer selbst willen zu befolgen. Senocak: Ich finde das nicht unbedingt negativ. Regeln haben meistens einen sinnvollen Hintergrund. Sie geben Orientierung. Aber sind wir Deutsche wirklich so regelkonform? Denken Sie an Guttenbergs Doktorarbeit. Mein türkischer Großvater hätte sich im Grabe umgedreht. Er war ja ein Bewunderer deutscher Bildung und Kultur. Er hätte sich gar nicht vorstellen können, dass es nach einem solchen Skandal noch eine Diskussion darüber geben könne, ob der Mann zurücktreten solle oder nicht. Daran sieht man, dass sich einiges in Deutschland ändert. Welt Online: Eine Kollegin meinte, Deutschsein heißt, sich ständig zu überlegen, was deutsch sein heißt. Senocak: Aber das spielte sich lange eher im Verborgenen ab. Vor 20 Jahren hätte ich kein Buch mit dem Titel "Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift" geschrieben, und in meinem Umfeld hätte man das auch für sonderbar gehalten. Jetzt erlebe ich so viel Interesse, dass ich merke, hier haben wir es mit einer Wiederkehr des Verdrängten zu tun haben. Welt Online: In Ihrem Buch gehen Sie auf zwei große Deutsche ein: Walther Rathenau, der für seine Liberalität mit dem Leben bezahlen musste, und Konrad Adenauer, der mit der Westbindung Rathenaus Traum verwirklichte, obwohl er aus einer ganz anderen Ecke kam – der eine Jude, der andere Katholik, der eine Preuße, der andere Rheinländer. Gibt es in der Zeit nach Adenauer große Deutsche? Senocak: Willy Brandt ist der einzige große Deutsche nach Adenauer. Er hat nur kurz regiert, hat aber mit Symbolen eine Veränderung im Land bewirkt. Und die Symbole sind geblieben – er war ja selbst ein Symbol und wurde deshalb auch angefeindet als Vaterlandsverräter. Er zeigte die Wunde auf. Im Rückblick gehen wir viel zu schnell von 1945 zu 1968. Welt Online: Deutschland, hört man dieser Tage, schafft sich ab. Senocak: Deutschland schafft sich tatsächlich ab. Aber nicht durch die Zuwanderung von Muslimen, sondern durch den Verlust der Neugier auf die Welt. Die Deutschen waren einmal in der Orientforschung führend, und die Auseinandersetzung mit dem Orient hat das ganze Geistesleben beeinflusst. Wenn jetzt der Innenminister sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, das sei historisch belegt, dann frage ich mich, was ein solcher Mensch von der eigenen Geschichte und Geistesgeschichte eigentlich weiß. Und wenn man die eigene Geschichte nicht kennt, dann hat man sich abgeschafft. Bauchredner landauf landab sind schnell mit Begriffen wie Leitkultur zur Hand, aber was meinen sie damit? Die globale Zivilisation westlicher Prägung, oder die deutsche Kultur Wagnerischer Prägung? Den Thomas Mann der "Betrachtungen eines Unpolitischen" mit seiner Unterscheidung zwischen deutscher Kultur und westlicher Zivilisation, oder den Thomas Mann der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus? Welt Online: Und der deutsche Traum? Auch davon handelt Ihr Buch. Senocak: Als ich in den 1970er Jahren nach Deutschland kam, spürte ich eine Energie in diesem Land. Das war auch eine Energie des Denkens. Im Augenblick ist es mit dem genauen Denken in Deutschland nicht gut bestellt. Man kommt nicht weiter, wenn man sich über den Konflikt zwischen Gruppen, über den Clash definiert. Die Panikmacher suhlen sich in ihrer Angst, die Zuwanderer igeln sich als Opfer ein. Wie langweilig! Zum deutschen Traum gehört der Dialog, und da gehören schwierige Umarmungsmechanismen dazu, da gehört dieses Zurücklieben dazu. ______________________________________________ EssayDer unterschätzte Kanzler5. November 2009, 04:00 Uhr Die Welt Helmut Kohls Diplomatie auf dem Weg zur deutschen Einheit war so erfolgreich, dass er selbst dahinter zu verschwinden droht. Dabei ging es für die Welt um nichts Geringeres als Krieg und Frieden Alle reden über die Einheit; nur wenige reden über Helmut Kohl. Dabei hatte er als Kanzler seit 1982 in West und Ost so viel Vertrauen erworben, dass sein Wort galt: Er werde das künftig vereinigte Deutschland in die westlichen Systeme der Nato und der EU "einbinden". In seiner Rede am 3. Oktober 1990 in der Philharmonie zu Berlin verzichtete Kohl auf alle Töne des Triumphs und versicherte, Deutschland werde nie wieder ein "ruheloses Reich" sein. Wie kann es sein, dass 20 Jahre danach der Kanzler der deutschen Einheit nahezu hinter seinem Werk verschwindet? Die kurze Antwort lautet: Die Diplomatie der Krise, die zur Einheit führte, war erfolgreich - zu erfolgreich, um Raum für die Frage zu lassen, was daran innere Logik, Revolution von unten oder große Staatskunst war in dem Dreieck zwischen Weißem Haus, Kreml und Kanzleramt. Peter Boenisch, damals Staatssekretär im Kanzleramt und Sprecher Kohls, hat einen Satz von Eduard Schewardnadse überliefert, letzter Außenminister der weiland Sowjetunion, der die Höhe des Einsatzes verdeutlicht: "Peter, es ging 1989/90 nicht um deutsche Einheit oder Nichteinheit. Es ging um deutsche Einheit oder Krieg - Atomkrieg." In einem Wort: Nichts musste so kommen, wie es dann kam. Vieles hätte auch anders abgehen und in Krise und Katastrophe enden können. Denn als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war dies nicht Endpunkt, sondern Wendepunkt aus der Statik eines bipolaren Systems in die Dynamik einer unberechenbaren Zukunft. Der Mauerfall war Höhepunkt der größten und gefährlichsten Ost-West-Krise seit 1945, eingeschlossen zwei Berlin-Krisen und die Kuba-Krise. Der Grund: Was auf dem Spiel stand, war nicht nur die Existenz der DDR als westliches Mittelstück im imperialen Bogen des russischen Reiches. Es war, in unabweislicher Folge, zuerst die Existenz des äußeren Imperiums und, wenn dieses fiel, des inneren Sowjetreiches. Wenn Imperien stürzen, das galt damals, und das gilt noch immer, tun sie es gewöhnlich mit einem Knall und nicht mit einem Seufzer. Dass es nicht zum Knall kam, war nahezu ein Wunder - "der Mantel Gottes, der durch die Geschichte geht", so zitierte damals Kohl den größten seiner Vorgänger, Bismarck. Und damit zur langen Antwort, die mit der inneren Lage der Union, der Koalition und des Landes beginnt. Kohl hatte die Wahlen 1983, mit denen er sich für die innere "Wende" und den Nato-Doppelbeschluss über die Stationierung von Mittelstreckensystemen Mandat und Legitimation beschaffen wollte, triumphal gewonnen. Dasselbe wiederholte sich vier Jahre später. Doch Kohl wurde immer unterschätzt. Sein Pfälzer Dialekt, das biedermännische Auftreten, lebensfroher Katholik aus kleinbürgerlicher Familie: zu viel für ein schmallippiges Publikum. Als Vorsitzender der Union war Kohl im Sommer 1989 nicht mehr unangefochten. Niemand fühlte sich zu Dankbarkeit verpflichtet. Wie sonst hätten malcontente Politiker, die nach einem Nachfolger suchten, auf dem Bremer Parteitag jenes Jahres eine Art Palastrevolte anzetteln können - die sie allerdings verloren und mit zeitweiliger Verbannung vom Hofe büßten. Sie hatten entscheidend unterschätzt, dass Kohl der Meister des telefonischen Netzwerks, der Patronage und des Aufbaus persönlicher Loyalitäten war. So erfuhr er beizeiten, was in der Luft lag, und plante seine Gegenzüge auf dem parteipolitischen Schachbrett. Alle taktischen Winkelzüge aber wurden beiseitegeschoben, als er die Öffnung der ungarischen Grenze verkünden konnte. Für einen matten König war es zu früh. Wie immer das innerparteiliche Spiel weitergehen würde, zu dem auch kontrollierte Konflikte mit dem liberalen Koalitionspartner und -gegner gehörten - die Weltpolitik sollte intervenieren, und am meisten in Deutschland und Berlin. "Nichts mehr wird sein, wie es vordem gewesen" - so überschrieb Willy Brandt, als die Erschütterungen des nationalen und internationalen Gefüges noch in vollem Gange waren, das Nachwort zu seinen Erinnerungen. Willy Brandt, der nach dem 9. November einer der wichtigsten Vertrauten des Kanzlers geworden war, so, als könne es nicht anders sein. "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört": Das Wort gab die Richtung an, in die der Kanzler und sein sozialdemokratischer Vorvorgänger wie in einer stillen großen Koalition gemeinsam voranschritten. Brandt hat seitdem auch innerparteiliche Konflikte nicht gescheut, und Oskar Lafontaine, einst Ziehsohn und Hoffnungsträger, in den Senkel gestellt. Um Kohls Zurückhaltung vor dem 9. November 1989 und seine Umsicht in den nächsten 273 Tagen zu begreifen, muss man nicht nur die Anlage der deutsch-deutschen Politik zu Zeiten des Kalten Krieges begreifen, sondern auch die Tatsache, dass der Kalte Krieg nicht allein um Ideologien ging, auch nicht nur um ferne Weltgegenden wie Vietnam oder Korea, Ägypten oder Angola, sondern in seinem europäischen Zentrum um die alte deutsche Frage: Wem gehört Deutschland, und wohin gehören die Deutschen? Deutschland war für die zerstrittenen Sieger des Zweiten Weltkriegs immer zu wichtig, um es dem Antagonisten zu überlassen - oder aber in Neutralität sich selbst und allen Versuchungen der Schiedsrichterrolle zwischen Ost und West. In der Auseinandersetzung zwischen dem sowjetischen Landimperium und der amerikanischen Seeallianz war Deutschland Dreh- und Angelpunkt: Wem Berlin gehörte, dem würde Deutschland gehören. Und wem Deutschland gehörte, der würde die Erde erben - oder jedenfalls den europäischen Teil derselben. Der erste Nato-Generalsekretär Lord Ismay gab seinerzeit auf die Frage, wozu die Nato gut sei, die klassische Antwort: "To keep the Americans in, the Russians out, and the Germans down". Das alles war Kohl, dem Enkel Adenauers, so schmerzhaft bewusst wie dem ersten Bundeskanzler. Kohl hatte 1973, kaum Vorsitzender geworden, die Union durch Rücktrittsdrohung gezwungen, die Ostpolitik der Sozialliberalen anzunehmen. Als Kanzler lenkte er die Deutschlandpolitik, wie sein Vorgänger Helmut Schmidt, vom Kanzleramt aus - der Grundlagenvertrag hielt die Deutschlandpolitik im Schwebezustand zwischen Innen- und Außenpolitik. Dem Ministerium für gesamtdeutsche Fragen blieb das Management der Teilung. Den Namen Michail Gorbatschow hat Kohl wohl erstmals vernommen, als er zum Arbeitsbegräbnis Leonid Breschnews in Moskau war, im Herbst 1982. Da erfuhr er auch, dass der neue Mann als Nachfolger vorgesehen war mit der Aufgabe, das Imperium zu erneuern. Seitdem hat Kohl, anfangs mit Misstrauen, die tektonischen Veränderungen in Moskau und ihre Auswirkungen auf die übrige Welt wahrgenommen. Genscher sprach 1987 in Davos von der Jahrhundertchance dieser Reformen, und Kohl hat seinem eigenwilligen Außenminister nicht widersprochen. Er hat aber auch die Mahnung Bismarcks beherzigt, keine unreifen Früchte abzuschlagen: Der Zusammenbruch der DDR ließ sich ahnen, aber auch, dass ein direkter Zusammenhang bestand zwischen ihrem Niedergang und der Misere des Sowjetsystems. Der Krieg in Afghanistan schleppte sich blutig hin, die Rote Armee, von der Wirtschaft nicht zu reden, hing in der Informationstechnologie um Jahrzehnte zurück, und als 1985 der Ölpreis einstürzte, wurde aus Gorbatschows Reform von oben ein fortschreitender Zerfall, kaum noch steuerbar außer durch nackte Gewalt. Die aber musste Gorbatschow scheuen aus seinem Naturell wie wegen der Tatsache, dass damit Reform und Entspannung zu Ende wären. Als Kohl im Oktober 1988 in Begleitung der Spitzen der deutschen Wirtschaft nach Moskau flog, hofften die führenden Russen, irgendwie könne die Deutschland AG das bröckelnde Imperium noch retten. Sollte Kohl in dieser Lage über alle Kanäle Sieg verkünden und Arbeitsstäbe einrichten? Wer die jüngst publizierten britischen Dokumente über die Diplomatie der Jahre 1989/90 kennt, der kann sich vorstellen, wie die Reaktion in der Downing Street oder im Elysée ausgefallen wäre. Eines ist sicher: Alles wäre anders gekommen. Hat man im Kanzleramt Kohls nichts geahnt, nichts gewusst, nichts vorbereitet? Das ist eine unpolitische, ja unhistorische Frage. Die Geschichte des 9. November und seine Vorgeschichte verliefen nicht nach Plan, und nicht in festen Gleisen. Dem Kanzleramt lagen seit dem Spätsommer 1988 Studien über die verlorene Zukunft der DDR vor. Was aber tun? Es gab unter Wolfgang Schäubles Vorsitz - Anlass war die "Transitpauschale", die die DDR zugleich erhöhen und verpfänden wollte - Besprechungen zum Thema Endspiel. Doch sie endeten mit der Erkenntnis, dass die Entwicklung zuerst und zuletzt von Moskau abhing, dass es nicht Sache der Bundesregierung sei, das Drama zu beschleunigen, und dass man Mutmaßungen über die Zukunft am besten Presse und Öffentlichkeit überließe. Diese Linie - nachzulesen im Dokumentenband des Bundeskanzleramts über das Jahr der Einheit - hat sich als richtig erwiesen. Doch erklärt sie zugleich, warum bis zum 9. November Kanzler und Kanzleramt äußerste Zurückhaltung übten und warum in der historischen Rückschau die steuernde Rolle des Kanzlers und des Kanzleramts bis heute unterbewertet bleibt. Der Kanzler hat nach dem 9. November sich selbst, dem Land und dem Rest der Welt Zeit gelassen mit der Antwort auf die alles bestimmende Frage: Wie weiter? Aus Moskau kam Nicolai Portugalow angereist, vieldeutiger Mann in der Internationalen Abteilung des Zentralkomitees, um Genaueres zu erfragen und zugleich Gesprächsbereitschaft anzudeuten: nicht nur über ein Nein zur Einheit, sondern auch über ein Vielleicht - Letzteres blieb den Amerikanern nicht verborgen. Außenminister Baker und Präsident Bush taten seitdem alles, die deutsche Einheit im Rahmen von Nato und Europäischer Gemeinschaft gegen alle russischen Versuchungen zu verankern. Unterdessen im Kanzleramt der Konsens: Die Deutschen sollten nicht erscheinen als die aktionistischen Beweger und Dränger. Und als dann am 28. November - Tag der Haushaltsdebatte im Bundestag - der Kanzler den zuvor im kleinsten Kreis ausgearbeiteten Zehn-Punkte-Plan vortrug, resümierte er, fast professoral, sämtliche Rechtspositionen, von der Potsdamer Konferenz 1945 bis zur Helsinki-Schlussakte 1975, die für Selbstbestimmung und deutsche Einheit sprachen, ohne doch einen engen Fahrplan zu entwickeln und ein Datum zu nennen. Auf der Ebene der großen Politik gab es mehr Fragen als Antworten. Auf den Straßen und Marktplätzen im östlichen Deutschland indes änderten die Menschen, als gäbe es eine geheime Verabredung, wie von selbst die Richtung: "Wir sind das Volk!", so hatte es den SED-Oberen in den Ohren gegellt. "Wir sind ein Volk": Das war der Ruf, der bald darauf alles vorantrieb. Als der Kanzler wenige Tage vor Weihnachten in Dresden sprach vor den Ruinen der Frauenkirche, sah er die grün-weißen sächsischen Fahnen und Schwarz-Rot-Gold, mit einem Loch statt Hammer und Zirkel. Von da an ging es nur noch um eines: Aus dem Niedergang der Sowjetunion und der Weltkrise jener Tage die Einheit im Westen zu gewinnen. Niemand kann zählen, wie oft Kohl das Wort wiederholt hat, die deutsche Einheit und die europäische Integration seien zwei Seiten derselben Medaille. Recht hat er gehabt, und Erfolg dazu, und sollten die Deutschen diese Wahrheit einmal vergessen, dann wären die besten Zeiten vorbei.
Deutschland 2008 Russland und Polen hängen Deutschland abStandort-Rangliste
Russland und Polen sind für internationale Konzerne wesentlich attraktiver als Deutschland. Zwar bleibt Deutschland in Westeuropa der führende Standort für Investoren, rutschte aber weltweit vom vierten auf den sechsten Platz, zeigt eine neue Studie. Die Manager schwärmen von China und Indien. Der Standort Deutschland hat laut einer Umfrage bei ausländischen Managern an Attraktivität verloren. Zwar bleibt Deutschland in Westeuropa der führende Standort für Investoren, aber weltweit rutschte Deutschland vom vierten auf den sechsten Platz. Das ist das Ergebnis einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Ganz vorne landeten die Schwellenländer: Auf Platz eins kam China, gefolgt von Indien und Russland.
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