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Wissenschaft ist wie eine Mozart-Sinfonie welt 2.12.2011 Der US-Physiker Lawrence Krauss befürchtet, dass Ideologie und religiöser Fanatismus die Oberhand über die Rationalität gewinnen Der US-Physiker Lawrence Krauss beklagt, dass die Wissenschaft in der westlichen Welt immer mehr an Autorität verliert. Das könne schlimme ökonomische Folgen haben. Über die unterschätzte Bedeutung der Grundlagenforschung und die Kri-tik an Evolutions- und Klimaforschern sprach mit ihm Norbert Lossau. Die Welt: Wie wichtig ist Wissenschaft für unseren Wohlstand? Lawrence Krauss: Extrem wichtig. Viele denken in diesem Zusammenhang jedoch nur an Technik und angewandte Wissenschaft. Es wird leicht vergessen, dass Grundlagenforschung neue Anwendungen erst ermöglicht - auch wenn dies mitunter erst eine Generation später der Fall ist. Wer bei der Grundlagenforschung spart, gefährdet langfristig die Innovationsfähigkeit. 50 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts basieren heute auf Technologien, deren Grundlagen Forscher vor 50 Jahren gelegt haben. Der Transistor ist nicht deshalb erfunden worden, weil man auf der Suche nach besseren Computern war. Es reicht nicht, Firmengründungen und neue Technologien zu fördern. Auch die Grundlagenforschung darf nicht vernachlässigt werden. Wissenschaft ist dann am erfolgreichsten, wenn Forscher die Freiheit haben, einfach ihrer Neugier nachzugehen. Überdies hat die Wissenschaft eine kulturelle Dimension. Sie verändert unsere Sicht auf das Universum und das Leben. Dabei geht es genauso wenig um technische Anwendungen wie bei einer Mozart-Sinfonie. Die Welt: Sie sorgen sich offenbar, dass die Grundlagenforschung künftig nicht mehr ausreichend finanziert wird? Lawrence Krauss: Ja. Wir leben in einer sehr gefährlichen Zeit. Die Finanzkrise hat bereits dazu geführt, dass in der Industrie Labors für Grundlagenforschung geschlossen wurden - zum Beispiel die berühmten Bell Labs oder die IBM-Forschungslabors. Diese Institute haben Nobelpreisträger hervorgebracht. Auch der Staat beginnt, sein Engagement in der Grundlagenforschung zu reduzieren. Präsident Obama hat zwar die Bedeutung der Grundlagenforschung hervorgehoben, doch der Kongress möchte die Förderung auf das Niveau von vor fünf Jahren zurückschrauben. In Großbritannien gibt es eine ähnliche Entwicklung. Wenn sich dieser Trend durchsetzt, werden wir große Probleme bekommen.
Die Welt: Es ist nicht die Aufgabe von Firmen, Grundlagenforschung zu betreiben. Lawrence Krauss: Die Firmen haben es dennoch gemacht, weil sie erkannt hatten, dass sich diese Forschung langfristig auszahlt. Die Frage ist nur, ob man einen hinreichend langen Atem hat. Das scheint inzwischen nicht mehr der Fall zu sein. Wir können hier also nur noch auf den Staat setzen. Leider verstehen immer weniger Menschen und Politiker die große Bedeutung der Wissenschaft für unseren Wohlstand. Die Welt: Woran liegt das? Lawrence Krauss: Die Wissenschaft erscheint immer mehr als etwas Beliebiges und verliert dadurch an Autorität. Daran sind unter anderem die Diskussionen zum Klimawandel oder zur Evolutionstheorie schuld. Es gelingt gut finanzierten kleinen Gruppen, das Verständnis breiter Bevölkerungsschichten zu torpedieren, was bei diesen Themen relevante und glaubwürdige Wissenschaft ist. Da gibt es unglaubliche Desinformationskampagnen, auf die auch viele Journalisten hereinfallen. Die Welt: Aufgabe von Journalisten ist es, alle Seiten eines Themas auszuleuchten. Lawrence Krauss: Richtig. Journalisten werden in ihrer Ausbildung darauf getrimmt, dass Dinge stets zwei Seiten haben und man beide darstellen muss. Bei den meisten Themen ist das die richtige Methode. Doch bei der Wissenschaft versagt dieses Vorgehen. Denn hier ist es einfach so, dass eben nur eine Seite der Medaille richtig und die andere schlichtweg falsch ist. Die Welt: Und wer stellt fest, was richtig und was falsch ist? Lawrence Krauss: Wissenschaft funktioniert nach dem Konsensprinzip. Es gibt etwa unter den Wissenschaftlern weltweit einen klaren Konsens darüber, dass der Mensch durch den industriellen Ausstoß von Kohlendioxid einen Einfluss auf das globale Klima hat. Natürlich gibt es immer und überall Leute, die Mehrheitsmeinungen infrage stellen. Wenn aber in den Medien je ein Vertreter der einen und der anderen Seite zu Wort kommt, entsteht der Eindruck, es handele sich um eine Patt-Situation, also um eine offene Frage. Doch dem ist nicht so. Der Klimawandel wird in der Wissenschaft nicht kontrovers diskutiert. Es ist vielmehr ein Phänomen, das sich bereits vor unseren Augen abspielt - gemäß früheren Vorhersagen. Die Welt: Doch die Vorhersagen der Klimaforscher bergen große Unsicherheiten. Lawrence Krauss: Ja, wissenschaftliche Aussagen sind immer mit Unsicherheiten behaftet. Doch beim Klimawandel wird in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt, diese Unsicherheiten seien eine Schwäche der Wissenschaft. Das Gegenteil ist richtig. Es ist eine Stärke der Wissenschaft, dass alle Aussagen mit Fehlerbalken angegeben werden. Und die Wissenschaftler verstehen, worin diese Unsicherheiten bestehen. Wenn jemand eine Aussage macht, ohne zu sagen, wie groß die Unsicherheit ist, ist das keine Wissenschaft. Die Welt: Sie haben bereits die Evolutionstheorie erwähnt. Sehen Sie eine Parallele zwischen der Kritik an den Vorhersagen der Klimaforscher und dem Zurückweisen der Evolutionstheorie? Lawrence Krauss: Absolut. Inzwischen glaubt in den USA eine Mehrheit, dass die Evolutionstheorie wissenschaftlich umstritten sei. Das ist so lächerlich, wo doch die gesamte moderne Biologie auf diesem Konzept basiert. Die Vorhersagen dieser 150 Jahre alten Theorie sind so überzeugend, dass sie bislang kein Forscher infrage gestellt hat. Interessanterweise sind es oft die gleichen Leute, die an der Evolutionstheorie und dem Klimawandel zweifeln. Durch die Verbindung der beiden Themen wird jedenfalls erreicht, dass die Klimathematik ebenfalls ein Stück weit in das Hoheitsgebiet der Religion wandert und dann mit wissenschaftlichen Argumenten nicht mehr angreifbar ist. Das Schlimme ist, dass von diesen Menschen zunehmend die Wissenschaft insgesamt als Feind wahrgenommen wird. Die Welt: Doch die gleichen Leute haben kein Problem damit, wenn die Wissenschaft verkündet, man habe Exoplaneten entdeckt - Planeten außerhalb unseres Sonnensystems. Das wird den Wissenschaftlern dann geglaubt. Lawrence Krauss: Ja, das ist so. Es gibt in der Wissenschaft Themen, die die Menschen stärker berühren als andere. Die Evolutionstheorie steht im Widerspruch zu bestimmten religiösen Vorstellungen, und die Verantwortung für den Klimawandel zu akzeptieren bedeutet einschneidende Veränderungen für den eigenen Lebensstil. Die Exoplaneten kratzen den Einzelnen da nicht so sehr. Doch ich sage voraus, dass in dem Moment, wo wir auf einem dieser Exoplaneten außerirdische Lebensformen nachweisen, es von bestimmten Leuten massiven Widerstand gegen diese Aussage geben wird. Die Welt: Ist das Infragestellen wissenschaftlicher Aussagen durch weite Kreise der Öffentlichkeit ein neues Phänomen, oder gab es das nicht auch schon vor zehn oder zwanzig Jahren? Lawrence Krauss: Es gibt ja eine gewisse Tendenz zu sagen, dass früher alles besser gewesen sei. Doch in diesem Fall ist es wirklich so: Die Situation hat sich verschlechtert. Neu ist, dass es gut organisierte Gruppen gibt, von denen die Wissenschaft angegriffen wird. Ich denke, dass das Internet eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung von Desinformation spielt. Im Web ist zwar eine gigantische Menge an Informationen verfügbar, doch diese prasseln auf die Menschen ungefiltert ein. Wer Desinformationen verbreiten möchte, hat es so leicht wie nie zuvor. Jeder Nonsens verbreitet sich im Netz rasend schnell und wird von vielen geglaubt. Wenn da etwa geschrieben wird, Obama sei ein Muslim, bleibt davon etwas hängen. Die Welt: Ist die naturwissenschaftliche Ausbildung schlechter geworden? Lawrence Krauss: In den Top-Universitäten der USA sicher nicht. Doch insgesamt ist in den Schulen und Universitäten das Niveau in Mathematik und den Naturwissenschaften tatsächlich schlechter geworden. Als Gründe dafür sehe ich wachsenden ökonomischen Druck, der zu weniger Geld für den Bildungsbereich führt. Es geht aber auch um die Frage, welche Rollenmodelle es für Wissenschaftler in der Gesellschaft gibt und ob man stolz darauf sein kann, Forscher zu sein. Als Naturwissenschaftler kann man hierzulande in aller Regel nicht reich werden. Man taugt auch nicht zum Intellektuellen, kann kein Top-Manager werden und ein politischer Führer schon gar nicht. Damit fallen viele Gründe für ein naturwissenschaftliches Studium weg. Ich bin sehr erstaunt darüber, dass Sie in Deutschland eine Physikerin als Bundeskanzlerin haben. Das wäre in den USA einfach undenkbar. Die Welt: Doch es gibt Länder, in denen Wissenschaftler gute Chancen für eine politische Karriere haben. In Singapur sind beispielsweise 75 Prozent der Parlamentarier Wissenschaftler. Lawrence Krauss: Genau. Dort hat man verstanden, dass Wissenschaft die Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg im 21. Jahrhundert ist. Singapur fördert systematisch den Ausbau von Wissenschaft und hat das Land beispielsweise zu einem Magneten für biotechnologische Forschung gemacht. Ähnlich intensive Anstrengungen gibt es in Indien und China. Im 20. Jahrhundert haben die USA und Europa die Wissenschaft dominiert und entsprechenden wirtschaftlichen Erfolg daraus abgeleitet. Im 21. Jahrhundert scheint sich diese Vorherrschaft nach Asien zu verlagern. Die Welt: Was wäre also zu tun? Lawrence Krauss: Wenn man als Werkzeug nur einen Hammer besitzt, dann sieht für einen alles in der Welt wie ein Nagel aus. In unserem Fall ist dieser Hammer die Bildung. Sie ist die einzige Möglichkeit, die Welt zu verbessern. Die Wissenschaftler sollten deshalb in die Öffentlichkeit gehen und aufklären, was Wissenschaft ist, wie sie funktioniert und warum sie für unsere Zukunft so überaus wichtig ist. Die Menschen müssen zumindest über einige Grundkenntnisse der Wissenschaft verfügen, damit sie nicht Rattenfängern auf den Leim gehen und selbst Zusammenhänge erkennen und verstehen können. Die Welt: Ansonsten droht uns schlimmstenfalls eine Rückkehr ins Mittelalter? Lawrence Krauss: So könnte man das formulieren. Es gibt ja durchaus Länder, in denen Wissenschaft geradezu verteufelt wird. Das ist auch ein Grund dafür, dass diese Länder meist von Armut betroffen sind. Wenn Ideologie und religiöser Fanatismus die Oberhand über Rationalität und Wissenschaftlichkeit gewinnen, werden wir die drängenden Probleme dieser Welt nicht lösen können.
______________________________________________ Liegt Freundschaft in den Genen? die Welt 19.1.2011 Ob sich Menschen ineinander verlieben, hängt davon ab, ob ihr Erbgut zueinander passt. Mit der Wahl von Freunden ist es ähnlich Nicht nur Partner, sondern auch Freunde wählen wir offenbar unbewusst nach ihrer genetischen Ausstattung aus Forscher verknüpfen Daten von sozialen Netzwerken und Gesundheitsstudien Nicht nur die Chemie muss stimmen, auch die Gene sollten passen. Dass dies für die Wahl unserer Liebespartner wichtig ist, weiß die Forschung schon lange. Amerikanische Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass auch bei der Wahl unserer Freunde die Gene ein Wörtchen mitzureden haben. Offenbar nutzt ein bestimmtes Erbgut des Gegenübers uns auch dann, wenn wir keine Kinder mit ihm im Sinn haben. Der Politikwissenschaftler James H. Fowler von der University of California und der Harvard-Soziologe Nicholas Christakis untersuchen schon lange die Macht sozialer Netzwerke - nicht nur die von Paaren, sondern auch die von Freunden. In einer aktuellen Untersuchung haben sie Gesundheits- und Erbgutdaten mit den Gruppen in sozialen Netzwerken verknüpft - mit erstaunlichem Ergebnis: Wer Feind und wer Freund ist, wird offenbar auch genetisch bestimmt. Doch zunächst zu dem, was die Forscher bereits sicher belegen konnten: In der bekannten "sweaty t-shirt study" zeigte der Schweizer Biologe Claus Wedekind, dass wir uns unsere Partner nicht ganz freiwillig aussuchen. Er ließ männliche Versuchsteilnehmer zwei Tage lang dasselbe T-Shirt tragen. Parfüms und Deo waren tabu. Probandinnen wurden dann gebeten, intensiv am Stoff zu riechen und die Körpergerüche zu bewerten. Das Ergebnis: Die Frauen fanden den Geruch des Mannes am attraktivsten, der sich in bestimmten DNA-Abschnitten am meisten von ihr unterschied. Diese sogenannten MHC-Gene codieren unentbehrliche Bestandteile des Immunsystems, die Krankheitserreger erkennen. Je vielfältiger die MHC-Proteine im Körper, desto größer ist das Spektrum der Krankheitserreger, auf die das Immunsystem reagieren und die es abwehren kann. "Die MHC-Gene beeinflussen den Körpergeruch, die Frau nimmt die genetische Komposition des Mannes wahr", sagt Eckart Voland, Professor für Biophilosophie an der Universität Gießen. Die Probandin erkennt unter den verschiedenen Gerüchen also nicht den Mann mit dem größten Sexappeal, sondern den, mit dem sie den vitalsten Nachwuchs zeugen könnte. "Eine gute Wahl der Frau bedeutet, der Nachwuchs ist gesund", erklärt Voland. Unterscheiden sich diese Gene der Eltern stark, so ist das Kind mit einem größeren Repertoire an MHC-Proteinen ausgestattet, und sein Immunsystem ist für gefährliche Infektionen besser gewappnet. Die Psychologen J. Philippe Rushton und Trudy Ann Bons von der University of Western Ontario zeigten, dass Partner in bestimmten Genen auffällig übereinstimmen. Auch dafür gibt es eine Erklärung aus der Evolutionsbiologie: Soll der Fortbestand der eigenen Gene in der nächsten Generation gesichert werden, ist es vorteilhaft, wenn diese nicht zu sehr von denen des Partners abweichen. Zudem gehen ähnliche Charaktereigenschaften auf gleiche Gene zurück und schaffen ein stabiles Umfeld für den Nachwuchs. Beide Studien zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen Partnerwahl und den Genen gibt: Wir wünschen uns einen Partner, dessen DNA in manchen Abschnitten möglichst verschieden und in anderen möglichst ähnlich ist. Ohne dass wir es merken, entscheiden unsere Gene, was das Beste für uns und unseren Nachwuchs ist. Einige Partneragenturen bieten bereits einen Gentest an, um Singles mit einem Gentest die perfekte Liebe fürs Leben und für gemeinsame Kinder zu vermitteln. Wie ist es nun mit unseren Freunden? Wählen wir zumindest diese nach freiem Willen aus? Auch wenn es in einer Freundschaft ja in der Regel nicht um Sex und die Produktion von Nachkommen geht, scheint sie im Lichte der Evolution trotzdem sinnvoll zu sein. Schon bei Menschenaffen, besonders bei Schimpansen und Pavianen, lassen sich freundschaftliche Beziehungen beobachten. Tobias Deschner vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig erklärt: "Pavianmännchen, die miteinender befreundet sind, unterstützen einander in Konflikten: Ein Freund haut den anderen aus einer schwierigen Situation raus. Daraus resultiert schließlich ein größerer Fortpflanzungserfolg. Weibchen, die miteinander ein freundschaftliches Verhältnis eingehen, helfen einander über extreme Stresssituationen hinweg, wie beispielsweise über den Verlust eines Kindes. Bei Affenweibchen, die von einer Freundin getröstet wurden, sinkt die Konzentration von Stresshormonen im Blut, sie überwinden Krisen schneller." Und hier kommt die jüngste Studie von James H. Fowler und Nicholas Christakis ins Spiel: Sie untersuchen schon lange die Macht sozialer Netzwerke und konnten bereits zeigen, dass nicht nur unsere direkten Freunde, sondern auch deren Freunde und Freundesfreunde, Menschen, die wir selbst nie zu Gesicht bekommen, unser Leben beeinflussen. Und dies in erstaunlichem Maße, schreibt Fowler. Ob es um Glück und Zufriedenheit, um Grippe oder Übergewicht geht: Das soziale Netz, in dem wir alle fest verknüpft sind, bestimmt unser Leben mehr, als wir denken. Wenn diese Kontakte doch so entscheidend sind, müsste unsere DNA dann nicht auch sichern, dass wir unsere Freunde mit Bedacht wählen? Bisher wurde dies nur unzureichend untersucht. In seiner neusten Studie, die er im Journal "PNAS" veröffentlicht hat, gehen die Wissenschaftler nun der Frage nach, inwieweit unsere Erbsubstanz die Wahl unserer Freunde beeinflusst. Sie analysierten Daten, die bei einer großen Studie zur amerikanischen Jugendgesundheit erhoben wurden. Die Heranwachsenden sollten innerhalb dieser Untersuchungen jeweils mehrere Freunde angeben. Fowler und sein Team erstellten daraus eine Karte des sozialen Netzwerks, das insgesamt 9237 Personen umfasste. Nun wurden verschiedene Gene der Probanden untersucht, die mit bestimmten Verhaltensweisen in Zusammenhang gebracht werden. Die sogenannten Genotypen der Heranwachsenden, die darüber entscheiden, ob ein Mensch bestimmte Verhaltensweisen ausprägt, wurden so festgestellt. Dann wurden diese Genotypen der Probanden auf das soziale Netzwerk übertragen. Bei zwei der sechs untersuchten Gene bestand ein Zusammenhang zwischen DNA und Freundeskreis: So sind Personen die das Gen DRD2 dominant vorwiesen, vorwiegend mit Menschen befreundet, die ebenfalls diese Ausprägung haben. Menschen mit einer weniger starken Ausprägung umgeben sich wiederum vornehmlich mit Leuten des gleichen Genotyps. DRD2 wird häufig mit der Neigung zur Alkoholsucht in Verbindung gebracht. Die Forscher schlossen daraus, dass Menschen, die potenzielle Trinker sind, sich mit Ihresgleichen umgeben, während die Nichttrinker eher unter sich bleiben. Fowler räumt allerdings ein, dass dies auch Zufall sein könnte. Es sei möglich, dass Menschen, die das "Alkoholismus-Gen" in sich tragen, diese beiden Gruppen einfach nur in begrenztem Kontakt ausbilden. Während potenzielle Trinker ihre Abende möglicherweise gerne in der Kneipe verbringen, meiden typische Nichttrinker durchzechte Nächte, und somit lernten sich die beiden auch mit einer größeren Wahrscheinlichkeit gar nicht erst kennen. Anders deutet er die Resultate eines weiteren untersuchten Gens, dass mit der Offenheit eines Menschen in Zusammenhang gebracht wird. Hier zeigte die neu erstellte Netzwerkkarte: Offene Menschen knüpfen bevorzugt Kontakte zu eher verschlossenen Menschen. Warum sich ausgerechnet diese Menschen finden, können die Forscher noch nicht erklären. Sie glauben aber, dass dies zeigt, dass nicht allein die Umgebung der Menschen Einfluss auf die Freundeswahl hat. Gene spielen also eine wichtige Rolle in der Freundschaft. Die Untersuchung weiterer DNA-Abschnitte würde dies untermauern, schreibt der Forscher. Er nimmt an, dass wir Vorteile von der Übereinstimmung und Abweichung unserer DNA und der unserer Freunde haben. Möglich wäre beispielsweise, dass wir unbewusst Menschen auswählen, die gegen einen Krankheitserreger immun sind, den wir selbst nicht abwehren könnten. So kämen wir mit infizierten Menschen seltener in Kontakt und reduzieren unser Ansteckungsrisiko. Dies wäre wiederum ein evolutionärer Vorteil für uns, der dieses Phänomen plausibel macht. Zu klären bleibt aber, wie wir den Genotyp unserer Mitmenschen überhaupt erkennen - ohne dazu Gensequenzierer zu nutzen oder Genkarten zu erstellen. Denn nur wenn wir das könnten, wären wir in der Lage, sie als Freunde auszuwählen oder auszusortieren. Möglich wäre, dass dies wie bei der Partnerwahl über Botenstoffe gesteuert sein könnte. "Gleich und gleich gesellt sich gern" und "Gegensätze ziehen sich an", ob bei der Wahl des Partners oder der Freunde: Beide Redensarten scheinen zu stimmen.
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