Pro Mittelstand NRW

Der Mittelstand pro NRW ist einer von mehreren Arbeitskreisen der Bürgerbewegung pro NRW, der seine politischen Inhalte und Ziele auf dieser Internetseite vorstellt und diese im Gesamtverband in den innerparteilichen Diskussionsprozess einbringt


Populismus scheuen die Sozialisten bei Anderen wie der Teufel das Weihwasser, denn es war und ist ihre eigene Erfolgstaktik!

 

Die Firma

 

»Hätte die Partei mir den Auftrag gegeben, dann gäbe es die DDR vielleicht noch heute. Darauf können sie sich verlassen.«

Politverbrecher Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit von 1957-1989

Für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR waren (und sind wohl wieder?!) bis zu 90 000 hauptamtliche und mehr als 180 000 inoffizielle Mitarbeiter tätig.Wo sind die alle geblieben? In Luft aufgelöst?

Ein ganz normaler Geheimdienst, in einem ganz normalen Land?

Das Medienprodukt »Die Firma« zeigte die Allgegenwart der Staatssicherheit: vom Ministerium in Berlin, über Bezirksverwaltungen, Kreisdienststellen, Untersuchungshaftanstalten, Bunker und Abhöranlagen, bis zur geheimen Hinrichtungsstätte der DDR. Im neuen Deutschland hat sie sich wieder klammheimlich als Macht hinter den Kulissen wieder implementiert und zieht ihre Fäden. Zuletzt mit dem Mörder-NSU-Trio und den dubiosen Umständen rund um deren Handlungen bis hin zu deren Tod/Ermordung?

 Erstausstrahlung im deutschen Fernsehen war im Oktober 2008 bei Discovery Channel.


 aus PI 16.11.11: Leserbrief #75 Sebastian (16. Nov 2011 22:36)
 

Hallo Elisa,....

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als ich Ende April, Anfang Mai 1990 aus dem Knast in Karl-Marx-Stadt entlassen wurde .
Als ich, damals -übrigens mit Hilfe des Spiegels- ein Rehabilitationsverfahren anstrebte, um zumindest eine Löschung der Vorstrafen zu erwirken, staunte ich nicht schlecht .Mein damaliger Rechtsanwalt, Herr Lothar de Maizere war mittlerweile Ministerpräsident der DDR und den leitenden Staatsanwalt in meiner Verhandlung kannte ich auch – allerdings aus dem Staatsdienst des Ostens .Du wirst bestimmt schnell erraten, wie das Verfahren ausging….Ich wurde nicht rehabilitiert, da ich “…im Sinne der Gesetze der DDR rechtmäßig verurteilt wurde…” .Tja, so läuft´s nunmal, Pech gehabt und nunmehr auch egal, aber die Augen öffnen einem solche Erfahrungen auf jeden Fall !…und sie prägen das weitere Leben, in dem man

 nun als Verschwörer gebrandmarkt wird, wenn man behauptet, die Stasi gibt es nach wie vor !Einzelfall meinen Sie?

Und was ist hier, hier, hier, und hier?Aufwachen! Sie träumen offensichtlich oder sind Sie linker Absichtstäter?

 

wie wahr, wie wahr...!

Findet sie und nennt sie beim Namen!

Es ist unfaßbar, wie es der Linken und DKP gelingt, in Deutschland wieder Fuß zu fassen. Strategisch im Kampf gegen Rechts versucht man alle anders politisch Denkenden an die Wand zu drücken unter Mißbrauch der UNESCO Erklärung 1978 (Rassen und Rassenvorurteile) über die Nürnberger von der SPD Schirmherrschaft geführten Ächtungseinrichtung, die bestimmt wer "Nazi" und "Rassist" ist und wer nicht. Besonders der Medien-Hype im November wegen des wohl ermordeten NSU-Trios zeigt die deutliche STASI-Orchestrierung, wie wir sie in Zeiten der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung häufig mit schlimmen Auswirkungen für die Bundesrepublik erlebt haben, von den Dingen um Wörner bis zu den Hitler-Tagebüchern. Im für den Dienstgebrauch bestimmten Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) - damals streng geheim - erklärten die Stasi-Kader, warum ihnen die Desinformation so wichtig war. Die "bewusste Verbreitung von den Tatsachen grundsätzlich oder teilweise widersprechenden Informationen in Wort, Schrift, Bild und Handlungen" sei deshalb ein "probates Mittel im Klassenkampf", weil man damit "Aktivitäten und Kräfte des Feindes in dem MfS genehme Richtungen lenken beziehungsweise diese Kräfte verunsichern" könne. Ziel der jetzigen Aktion war und ist die Erhöhungen der Gelder im "Kampf gegen Rechts" ebenso wie die Auflösung des Verfassungsschutzes bzw. dessen eingeschränkte Beobachtung des linken Spektrums, was von Links schon seit Jahrzehnten gefordert wird. Stört dies doch die Aktionen zur ungestörten kommunistischen Machtübernahme. Mit der Stasi ist eine kriminelle Vereinigung am Werk und keiner regt sich auf. Bei 3 Mördern aus dem angeblichen NSU Bereich, wenn es ihn überhaupt gibt, wird eine totale Überreaktion ausgelöst von den üblichen Akteuren kommunistischer Einfärbung und den üblichen Gutmenschenakteuren. Wenn das nicht gewaltlos funktioniert, wird das ANTIFA-Verbrecher-Netz, vertreten in vielen Städten Europas präsent durch besetzte Sponti-Zentren, gegen Bezahlung zum Gewalteinsatz (siehe England und Griechenland mit Antifa-Auftritten) eingeschaltet und wieder regt es niemand auf. Alles Zufall? Während es der Linken gelingt, riesige Diskussionen und Ächtung im Falle von Guttenbergs oder beim ehemaligen Bundespräsidenten Wulff zu entfachen, weil sie über die SPD über die wichtigen Weiterträger, die linken Medien verfügt wird systematisch die Möglichkeit der Übernahme Schritt für Schritt konstruiert. Eine unblutige Revolution 1989 war der falsche Weg, Nürnberger Prozesse 2 wären angebrachter gewesen.

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West-Polizisten im Stasidienst

Für die DDR spitzelten ständig mindestens zehn Berliner Beamte

Die DDR-Staatssicherheit (MfS) wusste nahezu alles, was sie über die West-Berliner Polizei wissen wollte. Bis 1972 hatte sie auf der anderen Seite der Mauer im Durchschnitt immer zwischen zehn und zwanzig Spitzel platziert, die aus verschiedensten Bereichen des Polizeiapparates oder aus seiner Umgebung berichteten. Die Dauer dieser Tätigkeit war sehr unterschiedlich - zwischen wenigen Monaten und über einem Jahrzehnt wie bei dem 2009 enttarnten Spitzel Karl-Heinz Kurras. Der Kripo-Beamte hatte im Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg nahe einer Demonstration in West-Berlin erschossen.

Allerdings gab es keinen zweiten Superspion wie ihn. Auch auf inhaltliche Entscheidungen der Polizeiführung im freien Teil der zerrissenen Stadt konnte der SED-Geheimdienst keinen nennenswerten Einfluss ausüben - jedenfalls bis 1972. Das sind die Ergebnisse eines Zwischenberichts, den Berlins demnächst scheidender Polizeipräsident Dieter Glietsch vorgestellt hat. Erarbeitet wurden sie von einer Wissenschaftlergruppe des Forschungsverbundes SED-Staat um Klaus Schroeder und Jochen Staadt.

Bekannt war seit der Kurras-Enthüllung lediglich, dass allein über die West-Berliner Polizei ein 180 Bände umfassender "Operativvorgang" in den Archiven der Stasi erhalten ist. Glietsch gab umgehend den Auftrag, dieses Material umfassend zu erforschen, wobei noch einmal weiteres Material in ähnlichem Umfang erschlossen werden konnte. Zum Vergleich: Die Ordner über Kurras selbst und seine Kontaktleute umfasste nur ein Zehntel der jetzt untersuchten Menge. Die Beschränkung auf die Zeit bis 1972 war sinnvoll, weil danach ein Wechsel bei der Zuständigkeit in der Stasi eintrat. Glietsch teilte jetzt jedoch mit, dass eine Fortsetzungsstudie bei Schroeder und Staadt in Auftrag gegeben worden sei.

Das Hauptinteresse des MfS war stets die Organisation der West-Berliner Polizei, ihre Ausstattung mit Waffen und ihre Vorbereitungen auf einen eventuellen militärischen Konflikt um West-Berlin. Die Gesamtzahl der insgesamt bis 1972 für das MfS tätigen Spitzel konnte bisher nicht festgestellt werden, da viele Decknamen noch nicht aufgelöst sind.

Die Anschlussstudie, deutete Jochen Staadt an, könnte noch interessantere Ergebnisse bringen. In den ab Anfang der 70er-Jahre in großem Umfang erhaltenen Abhörprotokollen lag offenkundig ein Schwerpunkt auf Ermittlungen der West-Berliner Behörden gegen Terroristen, darunter auch über geplante Fahndungseinsätze. Mindestens in einem Fall war bisher schon bekannt, dass Linksterroristen dank eines Tipps aus Ost-Berlin einer Razzia entgingen. Es ist gut möglich, dass die Anschlussstudie erweist, dass es seitens des MfS mehr Hilfe für die RAF und Bewegung 2. Juni gab.

Die Berliner Polizei ist die erste Institution des ehemaligen West-Berlins, die ihre Rolle in der Wahrnehmung der Staatssicherheit wissenschaftlich hat untersuchen lassen. Klaus Schroeder, der mit Studien wesentlich zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit beiträgt, lobte Polizeipräsident Glietsch dafür ausdrücklich. Selbst wenn weitere Sensationen ähnlich der Überführung von Kurras ausbleiben, ergänzen solche Arbeiten doch das Wissen um den Kalten Krieg erheblich. Juristische Konsequenzen jedoch wird es kaum geben.  Welt 24.3.2011

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Das Märchen vom bösen Joachim Gauck die Welt 22.2.12

 

Seit Christian Wulffs Rücktritt läuft im Internet eine denunziatorische Welle gegen seinen Nachfolger. Jetzt hat sie auch die Politik erfasst

Auf Facebook und Twitter schreiben Gauck-Gegner voneinander ab und präsentieren ein Zerrbild

Grünen-Chef Cem Özdemir verteidigt den Bürgerrechtler gegen Angriffe aus seiner Partei

Mit Desinformationskampagnen kennt sich Joachim Gauck ganz gut aus. Zwischen 1990 und 2010 hat er sich hauptberuflich immer wieder damit beschäftigt, wie die Staatssicherheit in der DDR Gerüchte als Waffen gegen missliebige Dissidenten einsetzte.

Im für den Dienstgebrauch bestimmten Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) - damals streng geheim - erklärten die Stasi-Kader, warum ihnen die Desinformation so wichtig war. Die "bewusste Verbreitung von den Tatsachen grundsätzlich oder teilweise widersprechenden Informationen in Wort, Schrift, Bild und Handlungen" sei deshalb ein probates Mittel im Klassenkampf, weil man damit "Aktivitäten und Kräfte des Feindes in dem MfS genehme Richtungen lenken beziehungsweise diese Kräfte verunsichern" könne.

Im neuen, demokratischen Deutschland laufen Desinformationskampagnen freilich ganz anders. Doch wie man aus einem redlichen Bürgerrechtler ein Rechtsausleger macht, der Finanzmärkte verteidigt, Sarrazin lobt und Vorratsdatenspeicherung begrüßt, ist zurzeit im Internet zu besichtigen - und zwar am Beispiel des künftigen Bundespräsidenten.

Man nehme ein Interview, kürze unter Missachtung grammatikalischer Regeln die differenzierten Aussagen auf ein, zwei Satzfetzen herunter - und schreibe diese Fragmente dann oft und falsch voneinander ab. Schon ist die Bühne frei für alle, die schon immer ahnten, dass Gauck ein Gaukler ist.

Im Netz, vor allem auf Facebook, Twitter und in manchen Blogs, kursieren zurzeit gleich mehrere Behauptungen über den Kandidaten. Der jüngste Vorwurf: Joachim Gauck sei ein Fan von Thilo Sarrazin. Ursprung des Gerüchts: ein kurzer Netzartikel des "Tagesspiegels", in dem Gauck mit den Worten zitiert wird, Sarrazin habe mit der Veröffentlichung seines Buches "Mut bewiesen".

Tatsächlich hat Gauck das während eines Redaktionsbesuchs offenbar gesagt - wie vieles andere über Sarrazin auch. Was sowohl der "Tagesspiegel" in dem Netzartikel wie auch viele Blogger und Twitterer verschweigen: Gauck hatte sich in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" bereits 2010 eindeutig von den biologistischen Thesen Sarrazins distanziert. Dass mit dem Buch "Deutschland schafft sich ab" aber eine Debatte über Integration in Deutschland begonnen wurde, lobte Gauck. Nun kommt die Vokabel "mutig" ins Spiel: Wenn ein Thema aus Gründen der politischen Korrektheit nicht behandelt werde, so Gauck, müsse man sich nicht wundern, wenn es an anderer Stelle doch behandelt werde.

Verzerrt werden auch Gaucks Ansichten über die Hartz-IV-Reformen, Vorratsdatenspeicherung oder die "Occupy"-Bewegung. Aus langen Interviews oder Diskussionsveranstaltungen wird zwar zitiert - aber mit dem klaren Willen, Gauck Überzeugungen und Ansichten unterzujubeln, die er gar nicht hat.

Die Welle im Netz schwappt nun auch in die Politik. Die Linkspartei attackiert Gauck seit Tagen als "Präsident der kalten Herzen". Dass die Partei mit den größten Stasi-Problemen in Deutschland ein Problem mit dem bekanntesten Stasi-Jäger haben würde, hätte man fast geahnt. Doch der Anti-Gauck-Reflex hat nun auch Teile der Grünen und der türkischen Community erfasst. Der grüne Bundestagsabgeordnete Memet Kilic, als integrationspolitischer Sprecher seiner Fraktion nicht ohne Einfluss, hält Gauck für unwählbar. Kenan Kolat, Chef der Türkischen Gemeinde, hofft darauf, Gauck möge seine Aussagen "revidieren". Und der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele fordert, Gauck solle seine Äußerungen über Hartz IV, die "Occupy"-Bewegung und den ehemaligen Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin "erklären".

Das könnte Ströbele einfacher haben. Zwar ist im Internet eine Meute gegen Gauck unterwegs, deren Behauptungen von Klick zu Klick immer grotesker werden. Manche Blogger machen aber das Delirium der Schwarmintelligenz nun zum Thema. So nahm Patrick Breitenbach von der Karlshochschule International University die Attacken auf Gauck in seinem Blog sauber auseinander. Auch die bekannte Bloggerin Julia Seeliger, die zunächst selbst auf den Zug der Gauck-Basher gesprungen war, revidierte ihr Urteil wenig später. Im Postskriptum übte sie regelrecht Reue: "Eigentlich wollte ich nur kurz etwas Selbstkritik üben, mich an der Desinformation bezüglich Gauck und Sarrazin, die in den letzten Tagen im Netz stattfand, beteiligt zu haben. Sorry."

Der Netzaufstand gegen Gauck sorgt in der Führungsetage der Grünen immerhin für so viel Unruhe, dass am Dienstag auch der Parteichef für Gauck in den Ring stieg. Er habe Joachim Gauck schon bei der ersten Kandidatur 2010 als einen Menschen kennen- und schätzen gelernt, der "neugierig, offen und lernbereit ist, eigene Standpunkte auch infrage stellt - und zuhören kann", sagte Cem Özdemir der "Welt". Über die vom CSU-Bundestagsabgeordneten Norbert Geis losgetretene Diskussion, Gauck möge seine Lebensgefährtin heiraten, bevor er in Bellevue einziehe, hat Özdemir nur noch Spott übrig: "Da hört es bei manchen in der Union mit der Freiheit wohl schon auf." Demnächst werde man Gauck vermutlich auch noch vorschreiben, wie er "seine Frisur tragen soll". Der Grünen-Chef mahnt in Sachen Gauck "allgemeine Zurückhaltung" an. Der 72-jährige Kandidat brauche sicher keine Hinweise darauf, wie er sein Privatleben führe.

Und der Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin bekräftigte in der "Frankfurter Rundschau", man habe Gauck nicht zum Kandidaten gekürt, "weil wir erwarten würden, dass er uns nach dem Mund redet". Das wird er sicher nicht. Die Erfahrungen der vergangenen Tage werden ihn aber auch nicht redseliger machen. Am Freitag wird er in Fürth noch einmal eine Lesung halten - und dann in Klausur gehen. Keine Interviews. Keine Podiumsdiskussionen. Der nächste Shitstorm im Internet wird wohl auf sich warten lassen. Aber nach dem nächsten klugen Wort kommt er bestimmt.

Sollte jedenfalls, wenn man die nachfolgenden fragwürdigen Fakten ließt:

"Unverzichtbare Spezialkenntnisse"          die Welt 22.2.12

Bekannt wurde Joachim Gauck als Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde. Dort stellte er MfS-Kader ein

Das Verb zum künftigen Präsidenten gibt es schon. "Gaucken" bedeutet "auf Stasi-Kontakte überprüfen"; das Wort schaffte es zeitweise sogar in den Duden, 2004 in die 23. Auflage. Der quasi-plebiszitär nominierte Kandidat für die Nachfolge von Christian Wulff muss also keine peinlichen Späße mit seinem Namen à la "wulffen" fürchten: Es gibt keine Leerstelle, die besetzt werden könnte.

Joachim Gauck ist eine moralische Instanz. Den Grundstein dafür hat er während seiner zehnjährigen Amtszeit als Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU) gelegt. Unumstritten ist seine Tätigkeit freilich nicht, wie sich zuletzt am 14. Januar dieses Jahres zeigte: Beim Bürgertag im wiedereröffneten Haus 1 der einstigen Zentrale der DDR-Staatssicherheit (MfS) in Berlin-Lichtenberg wurde Gauck bei einer Diskussion mit seinen beiden Nachfolgern Marianne Birthler und Roland Jahn ausgebuht.

Wie meist bei Kritik an dem studierten Theologen ging es auch dieses Mal um die Stasi-Altlasten in der geschichtspolitisch vielleicht sensibelsten Behörde der Bundesrepublik. Skeptiker halten ihm vor, die Öffentlichkeit über die tatsächliche Anzahl von alten Stasi-Kadern mindestens fahrlässig, möglicherweise sogar vorsätzlich getäuscht zu haben.

Unstrittig ist, dass unmittelbar nach der Wiedervereinigung ehemalige Stasi-Offiziere in die gerade erst im Aufbau befindliche neue Institution eingestellt wurden. Vom 4. Oktober 1990 datiert eine Liste mit den Namen von mehreren Dutzend Stasi-Offiziere, die der ehemalige Chef des MfS-Auflösungskomitees, Günter Eichhorn, an Gauck schickte. Eichhorn, der selbst unter dem Decknamen "Adler" Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war, wie sich später herausstellte, empfahl diese Personen, weil ihre Sachkompetenz angeblich notwendig sei, um eine schnelle Aufarbeitung der Papierberge zu ermöglichen.

Immerhin elf dieser Personen stellte Joachim Gauck offenbar im vollen Wissen um ihre Vergangenheit ein. Darunter waren mit Oberst Gerd Bäcker und Oberstleutnant Bernd Hopfer zwei ranghohe Offiziere der "Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe", intern "ZAIG" genannt. Sie war zuständig für die Auswertung und Analyse der vorliegenden Informationen, erarbeitete Lageeinschätzungen und Berichte für Minister Mielke und seine Stellvertreter. Mit Bäcker und Hopfer beschäftigte Gauck wissentlich zwei MfS-Karrieristen.

Trotz frühzeitiger Warnungen durften diese beiden und einige weitere teilweise mit Sonderausweisen der Behördenleitung unkontrolliert Stasi-Akten sichten und auswerten. Sie waren unter anderem mit Recherchen zu besonders brisanten Verdachtsfällen wie Lothar de Maizière, Gregor Gysi und Manfred Stolpe befasst.

Offensiv verteidigte Gauck die Beschäftigung solcher Stasi-Kader. In seinem 1991 erschienenen Buch "Die Stasi-Akten" schrieb er: "Bewusst beschäftigen wir auch eine betont kleine Gruppe von ehemaligen Mitarbeitern der Staatssicherheit weiter. Es sind ausnahmslos Personen, die seit Monaten bei der Auflösung hilfreich waren. Wir können auf ihre Spezialkenntnisse in bestimmten Abteilungen und im Archivwesen des MfS nicht verzichten." Das freilich sahen vor allem Mitarbeiter von Außenstellen der BStU ganz anders. Hier war die Dichte ehemaliger MfS-Hauptamtlicher viel geringer - und die Arbeit ging nicht langsamer, mitunter sogar schneller voran als in der Berliner Zentrale.

Dennoch setzte sich die Behördenleitung und damit Joachim Gauck persönlich dafür ein, dass die meist befristeten Arbeitsverträge der ehemaligen Stasi-Offiziere 1997 entfristet wurden, arbeitsrechtlich damit gegen ihre Anstellung nichts mehr unternommen werden kann. Außerdem stellte die BStU in der Verantwortung Gaucks weitere, wohl über 50 ehemalige Personenschützer des MfS als Wachleute ein. Das ergaben Recherchen dieser Zeitung 2006; das anschließende Erdbeben in der inzwischen von Marianne Birthler geführten Behörde führte unter anderem zum Rücktritt des Personalrates. Besonders peinlich war, dass die Bundesregierung, gestützt auf Angaben aus Gaucks Leitungsstab der PDS, Anfang 1997 versichert hatte, es seien lediglich 15 alte Stasi-Kader angestellt - in Wirklichkeit waren es mit Wissen der Behördenleitung zu dieser Zeit mindestens vier Mal so viele.

Bei Gauck werden die Linken wieder zu Denunzianten

Anders als Gauck ist die Linkspartei noch nicht in der Gegenwart angekommen. Das zeigen die Methoden, mit denen sie jetzt Stimmung gegen ihn macht.

Joachim Gauck ist nicht der liebe Gott und Kritik an ihm keine Gotteslästerung. In seinem ereignisreichen Leben hat der Theologe aus Mecklenburg einige streitbare Entscheidungen getroffen. Das muss man ansprechen dürfen.

Die Art und Weise aber, wie die Linkspartei mit dem Bewerber für das höchste Staatsamt umspringt, ist unwürdig und schäbig. Gesine Lötzsch spricht von einem „Kandidaten der kalten Herzen“, Oskar Lafontaine von einem, „der etwas aus der Zeit gefallen ist“, und Gregor Gysi ruft gleich einen „Skandal“ aus, weil Gauck nominiert wurde, ohne dass seine Partei dabei einbezogen worden wäre.

Für die Linke wäre ein Bundespräsident Joachim Gauck ein permanentes Ärgernis. Durch diesen Amtsinhaber, der sich wegen seiner Erfahrungen in der zweiten deutschen Diktatur dem Gedanken der Freiheit verpflichtet fühlt, würde die Partei ständig an ihre fragwürdige Herkunft erinnert – und an ihren bis heute ungeklärten Umgang damit.

Das wird sie Gauck nie verzeihen können, und deshalb schreckt sie auch nicht davor zurück, den Bundespräsidenten in spe zu denunzieren. Dabei hätten Gysi, Lötzsch & Co. allen Grund, mit Gauck demütiger umzugehen. Schließlich war es mit der SED die Vorgängerin der heutigen Linkspartei, die ihre Geheimpolizei auf den Rostocker Pastor hetzte und ihm das Leben zur Hölle machte.

Die Stasi setzte fast ein Dutzend Spitzel ein, ließ Telefone abhören, Post öffnen, Freunde observieren und Auslandsreisen verbieten, nur um Gauck zu zermürben. Als dieser dann dem Stasi-Archiv vorstand, das half, solche Praktiken aufzuklären, wurde er von den Genossen als McCarthy, Zensor oder Großinquisitor verunglimpft.

Und die Linke gibt keine Ruhe: Die von ihr ideologisch unterstützte und mit Anzeigen alimentierte Tageszeitung „Junge Welt“ hat erst am Mittwoch Gauck verhöhnt: in einem Interview ausgerechnet mit jenem Stasi-Oberst, der ihn zu DDR-Zeiten „zersetzen“ sollte. Das zeigt: Anders als Gauck ist die Linkspartei noch immer nicht in der Gegenwart angekommen.

 

außerdem ist die STASI wieder aktiv, wie unsere Homepageausführungen belegen und die Aktionen Guttenberg , Wulff u.a. zeigen

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Birthler-Behörde protegierte einen Stasi-Leutnant die Welt 28.2.2011

Peter Schmidt schaffte es vom Wachmann zum IT-Chef des Stasi-Archivs. Beim Aufstieg half ihm sein Studium an Mielkes Kaderschmiede.

Die Birthler-Behörde beschäftigt noch immer 53 ehemalige Stasi-Mitarbeiter. Diese Zahl hat die Unterlagenbehörde jetzt mitgeteilt. Zuvor hatte „Welt Online“ über eine Verstrickung des Vorsitzenden des Hauptpersonalrates berichtet: Lutz Penesch ist vom Amt zurückgetreten, nachdem zerrissene Stasi-Papiere zu seiner Person rekonstruiert werden konnten. In einer Mitteilung über den Rücktritt wurde der kompromittierende Fund verschwiegen. Penesch musste sogar von Personalratskollegen zum Mandatsverzicht gedrängt werden.

Die Geheimniskrämerei in dem brisanten Fall und die starke Durchsetzung der Behörde mit Ex-Stasi-Leuten haben in der Koalition für Unmut gesorgt. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Reiner Deutschmann sagte der „Mitteldeutschen Zeitung“: „Für mich ist es ein Schlag ins Gesicht der Opfer, wenn in der Behörde Täter sitzen.“ CDU-Fraktionsvize Arnold Vaatz erklärte: „In dieser Behörde ist der Geist der DDR-Bürokratie konserviert. Das haben weder Marianne Birthler noch Joachim Gauck zur Kenntnis nehmen wollen.“

Geheimniskrämerei um Stasi-Fälle in der Behörde

Birthler, die Mitte März von dem ehemaligen Bürgerrechtler Roland Jahn abgelöst wird, wehrt sich. Dass Angehörige des SED-Geheimdienstes in der Aufklärungsbehörde Unterschlupf gefunden hätten, könne nicht ihr angelastet werden. Das Personal habe ihr Vorgänger Gauck eingestellt: „Da hatte ich keine Wahl.“ Allerdings hat die Behördenchefin die Stasi-Fälle im eigenen Haus zunächst wie eine geheime Staatsaffäre behandelt. Als diese Zeitung 2006 die hohe Zahl der Mitarbeiter mit Stasi-Biografie enthüllte, versprach Birthler, „einen Einsatz der belasteten Personen in den besonders sensiblen Bereichen der Behörde zu vermeiden“.

Offenbar folgten dieser Ankündigung wenig Taten. Das belegt die Karriere von Peter Schmidt. Der Ex-Stasi-Leutnant konnte in der Ära Birthler eine Schlüsselposition in Deutschlands teuerstem Archiv einnehmen. Schmidt, einst als Wachmann eingestellt, ist heute IT-Chef des Hauses. Als oberster Systemmanager verantwortet Schmidt alle elektronischen Lösungen – auch jene, die den Umgang mit den Stasi-Akten regeln. In seinen Aufgabenbereich fallen beispielsweise, Anwendungen zu entwickeln, um Stasi-Unterlagen aufzufinden. Die Stelle ist dem „Leitungsbüro“ der Behörde zugeordnet.

Befördert wurde Schmidt schon vor zwei Jahren, doch die Öffentlichkeit erfuhr davon nichts. Ende vergangener Woche erklärte die Behörde noch, die Mitarbeiter mit Stasi-Hintergrund seien „hauptsächlich“ in untergeordneten Positionen eingesetzt. Dazu kämen „ein paar Techniker und ein Archivar“. Der Aufstieg von Schmidt widerlegt diese Darstellung. Und er bestätigt die Kritik an der Personalpolitik der Behörde.

Studium an Fachhochschule für Stasi-Nachwuchs

Peter Schmidt wurde im Oktober 1980 von der Stasi verpflichtet. Da war der Sachse, der eine Ausbildung zum Facharbeiter im RFT Fernmeldewerk Leipzig hinter sich hatte, 19 Jahre alt und bereits SED-Mitglied. Er fing in Ost-Berlin bei der Hauptabteilung Personenschutz (HA PS) an, einer Einheit mit rund 3600 hauptamtlichen Stasi-Angehörigen und gut 250 Inoffiziellen Mitarbeitern. Die HA PS war direkt Stasi-Minister Erich Mielke unterstellt. Dort durchlief der junge Genosse zunächst die obligatorische militärische Grundausbildung.

Seinen Vorgesetzten fiel Schmidt durch seine Zielstrebigkeit auf. Ab 1985 durfte er ein dreijähriges Fernstudium an der JHF Potsdam aufnehmen: einer Fachhochschule speziell für die Nachwuchskräfte der Geheimpolizei. Dort wurden nur absolut zuverlässige und ideologisch gefestigte Kandidaten zugelassen, die sich „im Dienste der Organe des MfS“ bewährt hatten. Als dann in seiner Heimstadt Leipzig Zehntausende gegen das SED-Regime demonstrierten, war Schmidt schon sechs Mal befördert und mit etlichen Stasi-Auszeichnungen dekoriert worden. Der Familienvater bezog ein stattliches Jahresgehalt von 19.075 DDR-Mark.

Stasileutnant wird einer der ersten Mitarbeiter der Gauck-Behörde

Der Wechsel von der Diktatur zur Demokratie sollte seiner Karriere nicht schaden. Als Deutschland gerade einmal drei Monate vereinigt war, kam Schmidt als einer der ersten Mitarbeiter in die Gauck-Behörde. Allerdings musste er sich mit einem Job als Arbeiter im Haussicherungsdienst begnügen. Doch wieder wurde er gefördert und stieg zum Anwenderbetreuer für Datenverarbeitung auf. In dieser Funktion soll Schmidt angeblich gelegentlich die Computer von Birthler und ihrem Direktor gewartet haben – so berichten es Mitarbeiter der Behörde, die über die Protegierung des Ex-Stasi-Leutnants empört sind.

Als Schmidt 2008 schließlich zum „Leiter IT-Architekturbüro“ aufrückte, half ihm ausgerechnet sein Studium an Mielkes Kaderschmiede – denn laut Ausschreibung gehörte eine „erfolgreich abgeschlossene Hochschulausbildung“ zum Anforderungsprofil. Wie wenig jedoch von seinem Abschluss zu halten ist, hat die Forschungsabteilung der Behörde in mehreren Publikationen untersucht. Offenbar sind diese Arbeiten aber nie in der Personalabteilung gelesen worden. Der Abgeordnete Deutschmann hofft jetzt auf die Zeit nach Birthler: „Ich traue dem designierten Behördenleiter Jahn zu, dass er diese Missstände angeht.“


Die Linke und ihr neuer Ärger mit der Stasi

Von Gudrun Mallwitz 24. November 2009, 07:02 Uhr Die Welt

Erstmals fordert die Linkspartei einen Abgeordneten zum Mandatsverzicht auf – doch der will nicht: Trotz der Mahnung aus den eigenen Reihen hält der unter Stasi-Verdacht stehende Brandenburger Landtagsabgeordnete der Linken, Gerd-Rüdiger Hoffmann, an seiner Position fest.

Erstmals hat die Linkspartei in Brandenburg einen Stasi-belasteten Abgeordneten dazu aufgefordert, sein Mandat niederzulegen. Nach Ansicht der Spitzengremien der Partei verstieß der Kulturpolitiker Gerd-Rüdiger Hoffmann gegen die seit 1991 geltende Pflicht zur Offenlegung der politischen Biografie für Kandidaten. Hoffmann hatte bislang beteuert, nicht mit dem Ministerium der Staatssicherheit der DDR zusammengearbeitet zu haben.

Jetzt aber liegt eine handschriftliche Verpflichtungserklärung als Inoffizieller Mitarbeiter mit dem Decknamen „Schwalbe“ vor. Sie trägt das Datum vom 5. Juni 1970, Hoffmann war damals 17 Jahre alt und besuchte die elfte Klasse der erweiterten Oberschule in Senftenberg. „Die Erklärung verdeutlicht, dass Hoffmann doch IM war“, sagte Linke-Landeschef Thomas Nord WELT ONLINE.

Nord und die Fraktionschefin Kerstin Kaiser nannten „Aufrichtigkeit und Offenheit jedes Einzelnen in Bezug auf seine politische Biografie eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit unserer Politik“. Fraktionschefin Kaiser wie auch der Bundestagsabgeordnete Nord hatten ebenfalls für die Stasi gearbeitet, was seit Jahren bekannt ist. In der Landtagsfraktion der Linken haben mit Axel Henschke und Hans-Jürgen Scharfenberg zudem zwei weitere Abgeordnete eine IM-Vergangenheit.

Die erste rot-rote Brandenburger Regierungskoalition, die Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) nach der jüngsten Landtagswahl schmiedete, steht wegen der belasteten Linken bereits stark unter Druck. Rot-Rot hat nun das Problem, dass der 57-jährige Hoffmann, der seit 2004 im Landtag sitzt, an seinem Mandat festhalten will.

Sein Potsdamer Anwalt Peter-Michael Diestel führt an, sein Mandant könne sich „aus verständlichen Gründen nicht konkret an Zusammenhänge erinnern, die 40 Jahre zurückliegen“. Er sei aber als Jugendlicher von Mitarbeitern der Staatssicherheit zu Gesprächen bestellt worden. Diese hätten „ausschließlich auf Anforderung des Ministeriums für Staatssicherheit“ stattgefunden.

In den vergangenen 20 Jahren, so Diestel, sei Hoffmann bei demokratischen Wahlen in die Position eines Abgeordneten gelangt. „Diese Position wird Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann als Abgeordneter der Fraktion Die Linke konsequent beibehalten.“

Es könne nicht sein, „dass die Stasi die angebliche Stasi rauswirft“, sagte Diestel WELT ONLINE in Anspielung auf die Stasi-Vergangenheit des Linke-Führungspersonals. Hoffmann werde sich im Falle eines Ausschusses aus der Fraktion oder der Partei juristisch wehren.

Die Linken-Fraktion will am Dienstag in ihrer Klausur beraten, ob sie Hoffmann aus der Fraktion ausschließt, wenn er sein Mandat nicht freiwillig abgibt.

 


Frühere Stasi-Mitarbeiter in Bataillonsstärke

Von Uwe Müller;Martin Lutz 13. November 2009, 04:00 Uhr Die Welt

Brandenburgs CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski über seine Zeit im DDR-Gefängnis, das rot-rote Regierungsbündnis in Potsdam und die fortgesetzte Verhöhnung der SED-Opfer

DIE WELT: Herr Dombrowski, Sie liefen während der Wahl von Matthias Platzeck zum Brandenburger Ministerpräsidenten in der Häftlingskleidung des ehemaligen Stasi-Gefängnisses Cottbus durch den Landtagssaal. Verträgt sich das mit der Würde des Parlaments?

Dieter Dombrowski: Es verstößt gegen dessen Würde, dass unter dem Koalitionsvertrag der rot-roten Regierung die Unterschriften von zwei Stasi-Spitzeln stehen, die der Fraktionschefin Kerstin Kaiser und des Landesvorsitzenden Thomas Nord. Deshalb habe ich die Kleidung gewählt, die mehr als 200 000 DDR-Bürger als politische Häftlinge über Jahre tragen mussten.

DIE WELT: Sie wurden 1974 wegen "versuchter Republikflucht und staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme" zu vier Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Welche Erfahrungen haben Sie während der Haft gemacht?

Dombrowski: Ich wurde als 24-Jähriger inhaftiert. In der Zelle mit 40 Quadratmetern waren 28 Gefangene eingepfercht. Vier Betten übereinander, zwei Kaltwaschbecken und eine Toilette in der Mitte: So war das. Wir mussten im Drei-Schicht-System für 15 bis 20 DDR-Mark im Monat arbeiten. In Cottbus haben Gefängniswärter vor allem die politischen Gefangenen brutal misshandelt. Zwei von ihnen sind deshalb nach 1990 zu Haftstrafen verurteilt worden.

DIE WELT: Sie sind jetzt Abgeordneter und CDU-Fraktionsvize im Landtag. Als ehemaliges Opfer des SED-Regimes nehmen Sie aktiv am gesellschaftlichen Leben teil. Eine Ausnahme oder die Regel?

Dombrowski: Die Mehrzahl derjenigen, die sich in der DDR aufgelehnt hatten, ist enttäuscht und heute materiell schlechter gestellt als die Täter von einst.

DIE WELT: Platzeck sieht die Täter und ihre Helfershelfer im Abseits. Wurden in Brandenburg SED-Funktionäre und Stasi-Mitarbeiter in den letzten 20 Jahren ausgegrenzt?

Dombrowski: Das Gegenteil ist der Fall. In Brandenburg erfolgte ein Transformationsprozess fast ohne personelle Brüche. Unser Land bildet da im Osten eine Ausnahme. Gleich in Bataillonsstärke sind ehemalige Stasi-Mitarbeiter beispielsweise in den Polizeidienst übernommen worden - 220 hauptamtliche Offiziere und fast 1300 Stasi-Spitzel. Sogar im Staatsschutz üben ehemalige Geheimdienstkader verantwortliche Funktionen aus.

DIE WELT: Seinen Versöhnungsappell begründet Platzeck mit dem SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher. Der sei nach 1945 schließlich auch auf Mitglieder der Waffen-SS zugegangen. Überzeugt Sie das?

Dombrowski: Historische Vergleiche hinken oft. Herr Platzeck weiß, dass sein Bündnis mit der Linken schwer zu begründen ist, und zwar deshalb, weil Stasi-Mitarbeiter in exponierter Funktion eingebunden sind. Verzweifelt sucht er deshalb nach Rechtfertigungsgründen.

DIE WELT: Schumacher warnte eindringlich vor "rot lackierten Faschisten", wie er die SED nannte. Hat Platzeck den falschen Kronzeugen?

Dombrowski: Platzeck hat den verdienten SPD-Vorsitzenden Schumacher mit seinen grundehrlichen und aus eigenem Leid geborenen Überzeugungen für machtstrategische Zwecke missbraucht. Ein rot-rotes Bündnis hätte nie die Zustimmung Schumachers gefunden. Platzecks Vergleich war unpassend und eines Staatsmannes unwürdig.

DIE WELT: Hat Brandenburg hinsichtlich der Versöhnung genug für die Opfer getan, gerade auch im Vergleich zu anderen Bundesländern?

Dombrowski: Brandenburg hat so gut wie nichts getan, bis dato gibt es noch nicht einmal einen Stasi-Beauftragten. Erst in den letzten Jahren erfolgte unter der CDU-Kulturministerin Johanna Wanka ein Umsteuern in der Gedenkstättenpolitik. Seitdem sind auch Erinnerungsorte des SED-Unrechts in ein Landesprogramm aufgenommen worden. Das Thema SED-Diktatur hat die SPD gezielt aus dem Schulunterricht herausgehalten. Es ist ebenfalls nur ein Randthema für unsere Landeszentrale für politische Bildung. . .

DIE WELT: . . .an deren Spitze mit Martina Weyrauch ein ehemaliges SED-Mitglied steht.

Dombrowski: Sie hat in ihrer Doktorarbeit das Rechtswesen in der DDR als Vorbild für die internationale Völkergemeinschaft dargestellt und war dann unter Stolpe Mitarbeiterin der Staatskanzlei. Ausgerechnet sie hat nun erklärt, dass Stasi-belastete Politiker selbstverständlich als Minister geeignet sind. Ehemalige Mitglieder der Diktaturpartei SED sind aus meiner Sicht nicht prinzipiell untragbar. In Brandenburg bekennen sich aber viele von der Linkspartei übernommene Funktionäre nicht zu ihrer Verantwortung. Sie beschweren sich sogar darüber, dass ihr Beitrag zur friedlichen Revolution nicht genug gewürdigt wird. Als ob sie es gewesen wären, die das Regime gestürzt hätten. Das ist oftmals unerträglich.

DIE WELT: Der Erneuerungsprozess speziell in den Reihen der Brandenburger Linkspartei ging Ihnen also nicht tief genug?

Dombrowski: Der Erneuerungsprozess verläuft so, dass ehemalige Spitzel verstärkt das Sagen haben. In der Landtagsfraktion sitzt jetzt der hauptamtliche Stasi-Mann Axel Henschke, der Schließer in einem Stasi-Gefängnis war. Damit kokettiert er auf seinen Veranstaltungen: "Guten Tag, meine Damen und Herren, ich bin das Stasi-Schwein." Darüber lachen dann immer alle - wie geschmacklos!

DIE WELT: Im Koalitionsvertrag heißt es immerhin: "Eine Verklärung der SED-Diktatur wird es in dieser Koalition nicht geben."

Dombrowski: Das liest sich schön, hat aber wenig mit den Realitäten in Brandenburg zu tun.

DIE WELT: Ist Brandenburgs Justizminister Volkmar Schöneburg von der Linken ein würdiger Repräsentant des Rechtsstaates?

Dombrowski: Nein. Letztlich ist die DDR für ihn kein Unrechtsstaat, er verharmlost den Schießbefehl und brandmarkt die Verurteilung der Mauerschützen und SED-Spitzenfunktionäre. Dass SED-Opfer da Angst haben, dass ihre Rehabilitation und ihre Anträge auf Opferrente jetzt anders gesehen werden, ist mehr als verständlich.

 


 

Die Täter sind unter uns

Hubertus Knabe leitet die Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Zentralgefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Er fordert einen neuen Umgang mit der DDR-Vergangenheit

von Hubertus Knabe

Als sich die Abgeordneten des Deutschen Bundestages den neuen Stasi-Film "Das Leben der Anderen" ansahen, lobten sie das Werk als vorbildlichen Beitrag zur Aufklärung über die jüngste Vergangenheit. Willkür, Überwachung und Terror im DDR-Unrechtsstaat - so plastisch war dies bisher noch nie auf deutschen Leinwänden zu sehen.

Wenn die Volksvertreter aber der Meinung waren, es handele sich hier um einen historischen Stoff, so saßen sie einem Irrtum auf. Nur wenige Tage vor dem Kinostart trat die Stasi in Berlin auf sehr reale Weise in Aktion. Bei einer Veranstaltung über die Gedenkstätte im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen marschierten über 200 Offiziere des DDR-Staatssicherheitsdienstes auf und verhöhnten öffentlich ihre Opfer.

Der Auftritt, der in der Hauptstadt seit Tagen für Schlagzeilen sorgt, hat schlagartig vor Augen geführt, daß die Stasi auch 15 Jahre nach dem Untergang der DDR nicht tot ist. Generalstabsmäßig organisiert, gelang es den Ex-Offizieren, unter ihnen die Mielke-Stellvertreter Werner Großmann und Wolfgang Schwanitz, eine harmlose Bürgerversammlung zu einer Abrechnung mit ihren Opfern umzufunktionieren. Zynischer Höhepunkt des Abends war die Erklärung des ehemaligen Chefs aller Stasi-Gefängnisse, die Häftlinge in der ganzen DDR hätten sich danach gedrängt, in sein Arbeitslager nach Hohenschönhausen zu kommen. Daß der anwesende PDS-Kultursenator Thomas Flierl den Offizieren nicht entgegentrat, sondern sie als "Zeitzeugen" ansprach, brachte ihm auch beim Regierungspartner SPD heftige Kritik ein.

Der Eklat in Berlin ist nur der vorläufige Gipfelpunkt einer längeren Entwicklung. Ehemalige Stasi-Kader und andere DDR-Funktionärsgruppen haben sich seit Jahren in schlagkräftigen Organisationen zusammengeschlossen. Das Internet ist voll mit Seiten, in denen das SED-Unrecht geleugnet und ein unverhohlener Geschichtsrevisionismus gepredigt wird. Dutzende Bücher sind im Handel, in denen der Terror des Staatssicherheitsdienstes auf zynische Weise gerechtfertigt wird. Seit dem vergangenen Jahr wird deutschlandweit mit einer Broschüre agitiert, in der die Gedenkstätte im zentralen Stasi-Gefängnis als "Gruselkabinett" bezeichnet wird.

Daß es zu einer solchen Wiederauferstehung des totgeglaubten Staatssicherheitsdienstes kommen konnte, liegt vor allem an der Nachsicht, mit der man nach der Wiedervereinigung den entmachteten DDR-Kadern begegnete. Statt die Diktaturpartei - wie in Rußland - zu verbieten, beließ man ihr sogar große Teile ihres Vermögens. Statt ihre Geheimpolizei - wie nach 1945 - zur verbrecherischen Organisation zu erklären, sitzen deren Zuträger heute im Bundestag.

Der Entschluß, den Großteil der DDR-Funktionärsschicht unbestraft zu lassen, führte nicht - wie erhofft - zur Versöhnung, sondern zu einer trotzigen Jetzt-erst-recht-Haltung der ehemaligen Unterdrücker. In dem Maße, wie die dreimal umbenannte SED politisch hoffähig wurde, gewannen auch die Stasi-Mitarbeiter das Gefühl, daß sie sich nicht mehr zu verstecken brauchten.

Mindestens ebenso schwer wie die politische Nachsicht wirkt sich die juristische Sanftmut aus, mit der der Rechtsstaat auf das SED-Unrecht reagierte. Von den 91 000 Mitarbeitern des DDR-Staatssicherheitsdienstes mußte nicht einmal ein Dutzend ins Gefängnis - für Mielkes Offiziere heute ein Beweis, daß sie sich nichts zuschulden kommen ließen. Statt sie zu bestrafen, und wenn auch nur pro forma, bescherte das Bundesverfassungsgericht aus einem falsch verstandenen Gleichheitspostulat den DDR-Funktionären sogar immer neue Rentenanhebungen. Während die Stasi-Opfer seit Jahren auf eine angemessene Pension warten, zahlen allein die neuen Länder jährlich rund 3,5 Milliarden Euro für die von der SED geschaffenen Sonderversorgungssysteme der Privilegierten. In Kürze wird der Deutsche Bundestag auch noch die "Dienstbeschädigungen" früherer Stasi-Mitarbeiter bei der Rentenberechnung anerkennen

Daß die meisten SED- und Stasi-Funktionäre heute keinerlei Unrechtsbewußtsein haben, liegt auch daran, daß sie in Deutschland immer vor der Folie des Nationalsozialismus betrachtet werden. Die Fixierung auf die Verbrechen der Nazis hat die Deutschen nicht sensibler, sondern fast blind gemacht für die Untaten anderer Regime. Warum ist es in Deutschland erlaubt, vor einer Stasiopfer-Gedenkstätte die Opfer zu verhöhnen, während dies vor einem KZ verboten ist? Warum darf man ungestraft mit den Symbolen der SED-Diktatur auf der Straße spazieren, während der Hitler-Gruß eine Straftat ist? Weshalb darf man den Massenmord im Gulag oder die Foltermethoden in Stasi-Gefängnissen bestreiten, während die Leugnung des Holocaust verboten ist? Daß die beiden Diktaturen in Deutschland derart mit zweierlei Maß gemessen werden, verbittert nicht nur die Opfer der Stasi. Sie bestärkt vor allem die Täter in ihrem gewissenlosen Selbstbewußtsein.

Zumindest in Berlin hat der Aufmarsch der Stasi-Offiziere die Politiker jetzt aufgerüttelt. Die Parteien des Abgeordnetenhauses haben sich am Donnerstag in einer Aktuellen Stunde schützend vor die Stasi-Opfer und ihre Gedenkstätte gestellt. Am 4. April sollen ehemalige Häftlinge im Landesparlament aus ihren Erfahrungsberichten lesen. Bleibt zu hoffen, daß diese spontane Solidarität nicht nur vorübergehender Natur ist. Und daß sich auch die Abgeordneten des Bundestags den Schrecken der Stasi nicht nur im Kino widmen.

Hubertus Knabe hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter "Der diskrete Charme der DDR. Stasi und Westmedien" (Propyläen 2001).

Zuletzt erschien "Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland" (Propyläen 2006)

Artikel erschienen am 26. März 2006 Die Welt


Linkspartei

Bisky hält langfristig Fusion mit SPD für möglich                    (Die Welt)

5. Dezember 2009, 16:03 Uhr

Lothar Bisky, Chef der Linkspartei, kann sich langfristig auch einen Zusammenschluss seiner Partei mit der SPD vorstellen. "Das ist vielleicht ein Projekt der nächsten Generation", sagte Bisky. Eine Verständigung von SPD und Linken sei im "Interesse künftiger Generationen."

Lothar Bisky
Foto: AP

Umfrage

Sollte die Linkspartei langfristig mit der SPD fusionieren?

Linkspartei-Chef Lothar Bisky hält langfristig einen Zusammenschluss von Linken und SPD für möglich. „Das ist vielleicht ein Projekt der nächsten Generation“, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Kurzfristig sei es nicht möglich, da die Geschichte zu viele Narben hinterlassen habe.

„Aber die Jüngeren sind vernünftig genug, die werden sagen: Lasst die Alten doch dackeln, wir machen unser Zeug. Das finde ich auch in Ordnung.“

Er habe sich auch nicht über die Niederlage der SPD bei der Bundestagswahl gefreut, sagte Bisky. „Eine schwache Linke ist eine schwache Linke, auch mit einer starken Partei Die Linke“. Der Bruderkrieg zwischen Linken und SPD habe nichts gebracht. Er habe von Anfang an für ein vernünftiges Verhältnis zur SPD gekämpft, betonte Bisky. Der „Genosse Spaltpilz“ sei aber eine große Gefahr für die Linke insgesamt.

Eine Verständigung von SPD und Linken sei im „Interesse künftiger Generationen“. Man müsse über „gemeinsame Wurzeln„ nachdenken. Seine Partei müsse zudem Fehler wie die Unterwerfung der Sozialdemokratie in der DDR eingestehen.

 

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) habe eine positive Antwort auf seinen Vorstoß verdient, eine Aussöhnung mit der Linken voranzutreiben. Dass aufgrund mehrerer Linken-Abgeordneter, deren Stasi-Vergangenheit nun enthüllt wurde, die Skeptiker bestärkt wurden, bedaure er.

Reuters/AFP

Menschenfischer Platzeck und die dreiste Linke

 

Von Thomas Schmid 4. Dezember 2009, 17:48 Uhr  Die Welt

Von Krise will der brandenburgische Ministerpräsident Mathias Platzeck nicht sprechen angesichts der neuen Stasi-Fälle des Koalitionspartners. Doch mit seiner Idee, SPD und Linkspartei zu versöhnen, ist er kläglich gescheitert. Die Linken haben ihn schamlos hereingelegt und der Lächerlichkeit preisgegeben.

Wahrscheinlich hat er es sogar gut gemeint, und das macht die Sache noch elender. Mathias Platzeck, alter und neuer Ministerpräsident Brandenburgs, wollte sicher nicht, dass das bevölkerungsarme Bundesland die „kleine DDR“ bleibt oder wieder wird, als die es oft gescholten wird. Er wollte wohl wirklich das, was er Versöhnung nennt. Er wollte alte Gräben zuschütten und auf die einen Schritt zugehen, die sich seit dem Untergang der DDR – zu Recht oder zu Unrecht – als ausgegrenzte Verlierer sehen. Er wollte das innerlich gespaltene Land, dem es nicht gut geht, wieder einen und mit sich versöhnen. Deswegen ist er – allerdings die CDU kühl abservierend – ein Bündnis mit der Nachfolgepartei der SED eingegangen.

 

Und wäre die Linkspartei nicht die Partei, die sie jedoch ist, dann wäre diese Absicht auch nicht verkehrt. Denn es ist natürlich vernünftig, denen einen Weg zu bieten, die einmal Gegner der Demokratie gewesen waren. Den ehemaligen Feinden der offenen Gesellschaft in integrativer Absicht Brücken zu bauen, ist ehrenwert. Und am Ende unausweichlich. Und natürlich stellt eine Partei, die es beständig auf deutlich mehr als 20 Prozent und im Falle Brandenburgs gar auf knapp 30 Prozent bringt, auf Dauer einen Faktor dar, an dem man nicht vorbei kann.

Doch sollte Platzeck tatsächlich der nachdenkliche Sozialdemokrat sein, als der er gilt, dann müsste er spätestens jetzt zugeben, dass er mit seinem Versöhnungsvorhaben kläglich gescheitert ist. Denn die Linkspartei hat ihn schamlos hereingelegt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Kaum war für sie die Machtperspektive (wieder) da, kam ihr alter Adam heraus. Sie hielt es für vertretbar und nicht gestehenswert, dass mindestens ein Viertel ihrer Abgeordneten im Landtag einst in welcher Form auch immer bei der Stasi beschäftigt waren. All die netten und als nachdenklich inszenierten Worte der Fraktionsvorsitzenden Kerstin Kaiser nützen da nichts mehr. Es mag im Landtag noch so viel von ehrlicher Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die Rede gewesen sein: In Wahrheit trumpft die Linkspartei auf und müht sich, die Stasi-Mitgliedschaft als ein Kavaliersdelikt erscheinen zu lassen, über das man 20 Jahre später doch nicht mehr ernsthaft sprechen müsse.


Brandenburgs Regierung im Stasi-Sumpf

Von Gudrun Mallwitz und Uwe Müller 2. Dezember 2009, 04:00 Uhr

Immer neue Enthüllungen in den Reihen der Linksfraktion setzen Matthias Platzeck unter Druck

Potsdam - Als Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sein rot-rotes Regierungsbündnis besiegelte, begründete er das mit "einigen ganz lebenspraktischen Gründen". Die CDU in seinem Bundesland sei tief zerstritten, mit ihr kein "verlässliches Regieren über die volle Wahlperiode" möglich. Keine vier Wochen später ist in Potsdam an Regieren überhaupt nicht mehr zu denken - Platzecks neue Koalition versinkt in einem tiefen Stasi-Sumpf.

Die Zahl der ehemaligen Spitzel des früheren DDR-Geheimdienstes hat sich in der 26-köpfigen Linksfraktion nach den jüngsten Enthüllungen auf inzwischen sechs Mitglieder erhöht. Die Belastungsquote beträgt damit 23 Prozent - ein Wert, der im deutschen Parlamentsbetrieb bislang seinesgleichen sucht. So hatte sich die Brandenburger SPD die Koalition mit der Linken nicht vorgestellt. Noch Mitte November hatte Platzeck in seiner ersten Regierungserklärung gesagt, zwei Parteien hätten sich "nüchtern zusammengetan, um die Probleme im Lande zu lösen".

Statt diese Aufgabe anzupacken, ist Rot-Rot vor allem damit beschäftigt, wie mit den verstrickten Stasi-Zuträgern im Landtag umgegangen werden soll. Die Abgeordnete Renate Adolph, die als Journalistin für die DDR-Auslandsspionage tätig war, hat ihr Mandat aus freien Stücken niedergelegt. Aber diesem Beispiel wollen Gerd-Rüdiger Hoffmann (IM "Schwalbe") und die bisherige Landtagspräsidentin Gerlinde Stobrawa (IM "Marisa") nicht folgen. Beide Abgeordnete beharren darauf, dass sie demokratisch gewählt worden seien.

Hoffmann soll jetzt gegen seinen Willen aus der Fraktion ausgeschlossen werden. Deshalb droht ein langer Rechtsstreit. Stobrawa wiederum leugnet trotz klarer Aktenlage eine IM-Tätigkeit. Die Ex-SED-Funktionärin behauptet, nur "dienstlich" mit der Stasi gesprochen zu haben. In den von der Birthler-Behörde dokumentierten Unterlagen stellt sich das allerdings ganz anders dar. Würde an Stobrawa der gleiche Maßstab angelegt wie an Hoffmann, so Kritiker, müsste sie ebenfalls aus der Fraktion geklagt werden. Die Moderation solcher quälenden Aufarbeitungsprozesse überfordert die brandenburgische Linkspartei, zumal Fraktionschefin Kerstin Kaiser (IM "Katrin") und der Landeschef und Bundestagsabgeordnete Thomas Nord (IM "Mark Schindler") wegen ihrer eigenen Stasi-Vergangenheit selbst befangen sind. Zudem dulden sie mit Hans-Jürgen Scharfenberg (IM "Hans-Jürgen") und Axel Henschke (erst hauptamtlicher Schließer in einem Stasi-Gefängnis, dann IM "Ingolf Köhler") zwei exponierte Mitarbeiter des Geheimdienstes in der Fraktion.

Auf Druck der Oppositionsfraktionen von CDU, FDP und Grünen wird sich der Brandenburger Landtag nun an diesem Freitag auf einer Sondersitzung mit den Stasi-Vorwürfen gegen Abgeordnete der Linksfraktion beschäftigen. Platzeck kündigte gestern an, er werde sich dann in einer Regierungserklärung äußern. Der Ministerpräsident empfindet die ständigen Enthüllungen über Abgeordnete des Koalitionspartners als "ausgesprochen schmerzlich". Er fühle sich durch Abgeordnete getäuscht, die ihre Stasi-Tätigkeit verschwiegen hätten. Der Ruf des Landes habe Schaden genommen, so Platzeck.

Allerdings ist der desolate Zustand, in dem sich die brandenburgische Linkspartei und die rot-rote Koalition gegenwärtig befinden, nicht zuletzt ein Ergebnis sozialdemokratischer Politik. Anders als in allen anderen ostdeutschen Bundesländern hatte die SPD schon unter Platzeck-Vorgänger Manfred Stolpe darauf verzichtet, Landtagsabgeordnete regelmäßig auf eine mögliche Stasi-Tätigkeit zu überprüfen. Ein solcher Check fand nur ein einziges Mal statt, bei den Abgeordneten des im Jahr 1990 gewählten Parlaments.

Stolpe, der in der DDR selbst umstrittene Kontakte zur Stasi pflegte, war an einer Aufarbeitung nicht interessiert. Deshalb gibt es in Brandenburg bis heute auch keinen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, einer Einrichtung, die unter anderem als Anlaufstelle für Opfer des SED-Regimes dient und die Politik berät. Dieser unter Stolpe eingeschlagene Kurs des Wegsehens, monieren Kritiker, wurde von Platzeck, der erst 1995 in die SPD eintrat, lange wohlwollend unterstützt.


Warum gab die Stasi so schnell auf?

Von Sven Felix Kellerhoff 4. Dezember 2009, 04:00 Uhr  Die Welt

Heute vor 20 Jahren begann die Besetzung der MfS-Dienststellen in der DDR

Berlin - Das Startsignal kam morgens um 6.15 Uhr. Viele Hörer des Berliner Rundfunks trauten am 4. Dezember 1989 ihren Ohren nicht: Ausgerechnet ein Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) fiel offenbar seinen eigenen Kollegen in den Rücken. Der Stasi-Mann, der sich "Frank Lomscher" nannte, machte nämlich Gewissensqualen öffentlich, in die ihn Erlebnisse an seinem Arbeitsplatz gebracht hatten: "Es geht mir darum, dass Akten oder Unterlagen oder Papiere verbrannt werden, vernichtet werden, durch den Ofen gehen und dass ich der Meinung bin, dass solche Verbrennung von Unterlagen keinesfalls der Vertrauensbildung dienlich sein können."

Schon seit Tagen waren Gerüchte über die Vernichtung brisanter MfS-Akten immer mehr angeschwollen. Nun kam, gewissermaßen von innen, die Bestätigung für solche Vertuschung. Die Reaktion war eindeutig: Zuerst in Erfurt, wenig später auch in Leipzig erzwangen Bürgerrechtler und andere Demonstranten Einlass in die hoch gesicherten regionalen Stasi-Dienststellen. Und das ganz friedlich, obwohl Stasi-Offiziere noch kurz zuvor intern angekündigt hatten, wenn Regimekritiker ins Haus kämen, "dann wird geschossen".

In der ganzen DDR liefen die Besuche beim MfS zwischen dem 4. und dem 7. Dezember 1989 ähnlich ab: Mit Volkspolizisten und Militärstaatsanwälten besichtigten SED-Kritiker die Dienststellen, versiegelten Aktenlager und Panzerschränke. Warum gab der hoch gerüstete Geheimdienst derart leicht auf? Weshalb floss trotz der prall gefüllten Waffenkammern des MfS kein Tropfen Blut?

Zum heutigen 20. Jahrestag sorgt eine neue Deutung für Streit: Der Berliner Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Martin Gutzeit, und sein sächsischer Kollege Michael Beleites glauben, dass SED und Stasi-Kader selbst die Besetzungen inszeniert haben könnten. Sie hätten so Forderungen der Bürgerrechtsbewegung zuvorkommen wollen.

Es gibt viele Indizien für diese Annahme. Zum Beispiel drängte Wolfgang Schnur, der Vorsitzende der Oppositionspartei Demokratischer Aufbruch, aber in Wirklichkeit der während der Friedlichen Revolution wohl wichtigste aktive IM der Stasi in Oppositionskreisen, darauf, schnell die Stasi-Dienststellen "unter Kontrolle" zu nehmen.

Damit kam er ähnlichen Forderungen zuvor. Ebenfalls eine wichtige Rolle im Vorfeld der Besetzung spielte offenbar Gregor Gysi, der designierte starke Mann der SED. Offenkundig hatte die vormalige Staatspartei, die ihr eigenes Verbot fürchtete, ein Interesse daran, den Volkszorn auf die Stasi zu lenken. Dafür spricht auch, dass, zum Beispiel in Gera, Besetzungen von Stasi-Dienststellen sogar an Orten stattfanden, an denen es gar keine aktiven Oppositionsgruppen gab, die das forderten.

Allerdings: Wenn es einen Plan der Stasi gab, so ging er nicht auf - jedenfalls nicht überall. In Leipzig etwa blieben die Bürgerrechtler ganz entgegen den mutmaßlichen Intentionen von SED und MfS-Spitze nach der Besichtigung im Gebäude und unterbanden so die weitere Vernichtung von Akten, für die laut Beleites und Gutzeit durch die inszenierten Besichtigungen Zeit gewonnen werden sollte.

Hat die Stasi ihre Besetzung selbst inszeniert?

Von Sven Felix Kellerhoff 2. Dezember 2009, 04:00 Uhr    Die Welt

Berlin/Leipzig - Hat die DDR-Staatssicherheit bei ihrer Besetzung im Dezember 1989 selbst Regie geführt? Darüber ist wenige Tage vor dem runden Jubiläum der Besetzungen erster Stasi-Dienststellen in Erfurt und Leipzig am 4.Dezember 1989 heftiger Streit ausgebrochen.Auslöser der Debatte sind zwei jeder Relativierung unverdächtige Personen: Michael Beleites, der Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen, und sein Berliner Kollege Martin Gutzeit. Die DDR-Dissidenten - beide einst von der Stasi bespitzelt - lassen in einem gemeinsamen Forschungsprojekt die Vorgänge rekonstruieren, die zur unvollkommenen Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) führten.

Berlin/Leipzig - Hat die DDR-Staatssicherheit bei ihrer Besetzung im Dezember 1989 selbst Regie geführt? Darüber ist wenige Tage vor dem runden Jubiläum der Besetzungen erster Stasi-Dienststellen in Erfurt und Leipzig am 4. Dezember 1989 heftiger Streit ausgebrochen. Auslöser der Debatte sind zwei jeder Relativierung unverdächtige Personen: Michael Beleites, der Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen, und sein Berliner Kollege Martin Gutzeit. Die DDR-Dissidenten - beide einst von der Stasi bespitzelt - lassen in einem gemeinsamen Forschungsprojekt die Vorgänge rekonstruieren, die zur unvollkommenen Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) führten. Jetzt haben sie erste Zwischenergebnisse bekannt gegeben.

Ausgangspunkt ist die Mitwirkung von Stasi-Generälen und Spitzeln wie dem Anwalt Wolfgang Schnur an der öffentlichkeitswirksam inszenierten Versiegelung der Stasi-Akten vor 20 Jahren. Auf einmal handelten die DDR-Staatsanwaltschaften, bis dahin verbündet mit dem MfS, scheinbar gegen den Geheimdienst: "Selbst an Orten, wo es keine Bürgerkomitees gab, haben Stasi und Staatsanwaltschaft von sich aus die SED-Presse und Bürgervertreter eingeladen, damit sie die Versiegelung der Archive dokumentieren", sagte Beleites. "Damit sollte die Erstürmung der Dienststellen verhindert werden."

Ein denkbarer Grund sei, dass auf diese Weise die SED aus der "Schusslinie" genommen wurde. Gutzeit verwies darauf, dass der kurzzeitige Stasi-Chef Wolfgang Schwanitz seine Zustimmung zu einer "geordneten Besichtigung" der MfS-Dienststellen gegeben habe.

Das lehnen allerdings andere Beteiligte an den Besetzungen der Stasi-Büros scharf ab. Tobias Hollitzer, Direktor des Stasi-Museums in der "Runde Ecke" in Leipzig, der ehemaligen Bezirkszentrale des MfS, sagte der WELT: "Der Versuch der Stasi, die nicht zu verhindernde Kontrolle ihrer Dienststellen in ,geordnete Bahnen' zu lenken, ist nicht gelungen." Selbstverständlich habe die SED auch Anfang Dezember 1989 wie immer wieder während der Friedlichen Revolution versucht, sich "an die Spitze der Bewegung" zu setzen und so ihre Macht zu verteidigen. Hollitzer, der persönlich bei der Besetzung anwesend war, hält Beleites und Gutzeit entgegen: "Es gibt keinerlei neue Erkenntnisse, die für eine ,Selbstbesetzung' sprechen."

Die Birthler-Behörde erinnert am Freitagabend mit einem Festakt im Erfurter Landtag an die Besetzung der dortigen MfS-Zentrale - bei der ein Spitzel (IM "Schubert") ganz vorn dabei war. sfk


                                       Was westdeutsche Spione in Ostberlin machten

Jedem bekannt ist die Spionage der BRD durch die Stasi und die der KPD. Doch was ist mit der anderen deutschen Hälfte? BRD-Agenten wurden genauso in die obersten Etagen der politischen oder militärischen Administration eingeschleust. Und – wie ein neues Sachbuch belegt – es waren nicht wenige.

Es war am Nikolaustag 1977, als Militärmajor Günther Kratsch, beim DDR-Ministerium für Staatssicherheit zuständig für Spionageabwehr, in Potsdam einen bemerkenswerten Vortrag hielt. Sein Thema war ein Aspekt der deutsch-deutschen Beziehungen, der in öffentlichen Reden gern vernachlässigt wurde: die Spionage zwischen den beiden Staaten, die auch nach den Entspannungsschritten der Neuen Ostpolitik ein florierendes Geschäft geblieben war. Wenn es unter seinen Zuhörern, den aus Moskau angereisten Kollegen vom KGB, noch Illusionen über Aktivitäten des Westens auf sozialistischem Grund gab, so waren diese mit Kratschs Vortrag erledigt. Jedem musste klar sein: Man hatte es hier nicht mit Pullacher Dilettanten zu tun.

Es war ein „breites, das heißt zahlenmäßig umfangreiches Netz von Militärspionen“, das Kratsch beschrieb und für das er deutliche Beispiele nannte. Darunter etwa den 40-jährigen Speditionskaufmann Horst J. Horst J. hatte allein in den Jahren 1968 bis 1971 500 Transitfahrten unternommen und diese „zielgerichtet zur Beobachtung militärischer Objekte und zur Feststellung von Militärbewegungen“ genutzt. Er hatte Straßen- und Brückenbauten überwacht, Kasernen, Radaranlagen und Flugplätze observiert. Auf den Leipziger Messen hatte er Geschäftsverhandlungen zu belauschen versucht und als Kurier für ostdeutsche BND-Quellen gearbeitet. Nun sah er einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe entgegen.

 Sein Fall ist deshalb so bemerkenswert, weil er repräsentativ ist. Denn nicht mit spektakulär eingeschleusten Agenten in die obersten Etagen der politischen oder militärischen Administration betrieb Pullach seine Aufklärung. Es zählten vielmehr „die kleinen Zuträger, die das Meldeaufkommen im Volumen und auf der Zeitachse kontinuierlich speisten.“ So beschreiben es Armin Wagner vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik und Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut Moskau in ihrer Studie „BND contra Sowjetarmee“ über westdeutsche Militärspionage in der DDR.

Dieser Bereich der deutschen Nachkriegsgeschichte ist bislang nur spärlich beleuchtet worden – nicht ohne Grund. Große Teile jener BND-Unterlagen, die zuverlässig über die Pullacher Aktivitäten vergangener Jahrzehnte informieren können, sind bis heute nicht einsehbar. Mit Zorn und einigem Recht hat Karl-Wilhelm Fricke das einmal einen „sinnlosen Geheimhaltungsfetischismus“ genannt, der darauf hinauslaufe, „dass in der Zeitgeschichte das historische Deutungsmonopol für diese Thematik noch immer bei der Staatssicherheit liegt.“

Gewiss: Es gibt die Karteien der Abteilung „Fremde Heere Ost“ – jener Einheit des einstigen deutschen Generalstabs, die den Nukleus des BND-Vorläufers, der „Organisation Gehlen“, bildete. Und ja: Auch andere Quellen wie die „Standortkartei DDR“ sind einsehbar und machen die westdeutsche Spionagegeschichte in Umrissen erfassbar – aber eben nur in Umrissen. Dass Wagner und Uhl dennoch zu einer faktenreichen und gut lesbaren Studie gelangen konnten, liegt an ihrer peniblen Auswertung dieser Quellen – sowie natürlich der gut zugänglichen Akten der Hauptabteilung II der Staatssicherheit.

Der Befund, zu dem die Autoren gelangen, überrascht durchaus: Sie sprechen von einer „sehr erfolgreichen“ Aufklärung der sowjetischen Truppen in Ostdeutschland, jedenfalls in den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren. Belegen lässt sich dies zum Beispiel beim Mauerbau vom 13.August 1961. Damals rechnete man beim BND kurz zuvor mit der hohen Wahrscheinlichkeit einer solchen Maßnahme. Mit Einsichten wie diesen gelingt es Wagner und Uhl häufig, unser Bild der Spionagegeschichte zwischen Ost und West zu bereichern – auch wenn es noch durch viele Quellenkonvolute zu ergänzen sein wird.

Armin Wagner/Matthias Uhl: BND contra Sowjetarmee. Westdeutsche Militärspionage in der DDR. Ch. Links, Berlin. 260 S., 24,90 Euro.


Nachrichten vom Klassenfeind

Von Jochen Staadt;Tobias Voigt;Stefan Wolle 4. November 2009, 04:00 Uhr Die Welt

Wie die DDR ein ganzes Stadtviertel aus dem Boden stampfte, um die Sicht auf das angebliche Leuchtband des Verlages Axel Springer zu verdecken

Im Herzen von Berlin herrschte östlich der Mauer noch in den Sechzigerjahren eine traurige Ödnis. Rund um den früheren Dönhoffplatz erstreckte sich eine graue Brachlandschaft. Einsam stand inmitten dieser Wüstenei eine Bronzestatue des Freiherrn vom Stein, die seltsamerweise die Stürme der Zeit überlebt hatte und erst 1969 Unter die Linden versetzt wurde. Vom Mittelpunkt des Dönhoffplatzes wurden seit dem 18. Jahrhundert die Entfernungsangaben von und nach Berlin gezählt.

Allein der Name des U-Bahnhofs Stadtmitte erinnerte daran, dass hier einst das pulsierende Zentrum der Weltstadt gewesen war. Der Bahnhof war seit der Teilung Berlins der vorletzte Haltepunkt der Untergrundbahn vor der Endstation Ernst-Thälmann-Platz. Dann war die Welt zu Ende. Entlang der Mauer ragten hier und da wie Zahnstummel einzelne Gebäude aus dem Brachland hervor. Die großen Baumaßnahmen der Fünfziger und Sechziger hatten sich auf den Osten der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik konzentriert. Das Terrain entlang dem "Antifaschistischen Schutzwall" war von der sozialistischen Stadtplanung bewusst vernachlässigt worden. Hier brauchte man vor allem ein freies Schussfeld für die Grenztruppen. Lediglich für die zahlreichen Kaninchen war das weite Gelände an der Mauer ein Eldorado.

Nachts herrschte hier totale Stille, die nur gelegentlich durch das unterirdische Rumpeln der U-Bahn gestört wurde. Hier verkehrte eine Linie, die nur vom Westen aus zugänglich war. Am Bahnhof Stadtmitte kreuzten sich zwei U-Bahn-Strecken, ohne dass jemand umsteigen konnte. Zur Hälfte war diese Station einer der sogenannten Geisterbahnhöfe. Am Rande des großen Areals westlich der Leipziger Straße leuchteten die Tiefstrahler der Grenzsicherungsanlagen. Wenn in Winternächten aus Gründen der Sparsamkeit in Ost-Berlin die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet war, lag über dem Stadtzentrum ein seltsam kalter Schein. "Dafür reicht der Strom immer", murrten die Ost-Berliner.

Hinter der Mauer ragten zwei Hochhäuser hervor, von denen eines als das Springer-Hochhaus bekannt war. Unweit davon war 1958 bis 1961 der modernistische Stahlskelettbau der GSW-Hauptverwaltung entstanden. Auch diese Wolkenkratzer hinter dem Todesstreifen wirkten für Ost-Berliner seltsam unwirklich in der toten Szenerie. Sie waren räumlich nah und doch so weit entfernt wie die Rückseite des Mondes. Seit 1963 war das Gebäude der GSW mit einem Nachrichtenbalken versehen, und in die Dunkelheit des Ostsektors hinein leuchteten die aktuellen Botschaften der Freien Welt. Rein technisch war das nichts Besonderes. Auch am Bahnhof Friedrichstraße lief so ein Nachrichtenbalken mit den Meldungen der Allgemeinen Deutschen Nachrichtenagentur der DDR. Im Zeitalter von Rundfunk und Fernsehen war diese Form der aktuellen Nachrichtenübermittlung eigentlich Schnee von gestern. Der Nachrichtenbalken auf dem GSW-Gebäude aber war als Provokation gedacht, und er wurde vom Osten auch so aufgefasst. Deswegen wollte man in Ost-Berlin schon zu Beginn der Bauarbeiten auf dem Hochhausdach ganz genau wissen, was sich da in der West-Berliner Kochstraße zusammenbraute.

Am 3. Oktober 1963 erteilte das Ministerium für Staatssicherheit der DDR seinem West-Berliner Agenten namens "Otto Bohl" den Auftrag, Näheres über Baumaßnahmen auf einem Hochhaus in der Kochstraße herauszufinden. "Bohls" Auftrag lautete: "Was ist bekannt über die Bauvorhaben auf dem Hochhaus des Springer-Konzerns. Wer gibt Genehmigungen für derartige Bauten? Was sagen die Kollegen dazu?"

Mit Kollegen waren West-Berliner Polizeibeamte gemeint, denn "Otto Bohl" war einer von ihnen. Sein bürgerlicher Name: Karl-Heinz Kurras, seit 1955 im Zweitberuf Stasi-Agent und West-Berliner Sonderermittler für die DDR-Geheimpolizei. Am 17. Oktober 1963 legte der SED-Bezirkschef von Ost-Berlin, Paul Verner, dem ZK-Sekretär für Agitation und Propaganda, Albert Norden, eine Ausarbeitung von "Fachleuten" vor, die den Titel trug: "Mögliche Gegenmaßnahmen gegen die im Bau befindliche Nachrichtenleuchtschrift auf dem Hochhaus des Springer-Konzerns". In dem Maßnahmeplan heißt es: "Gegenwärtig wird auf dem genannten Hochhaus eine Nachrichtenleuchtschrift für die Wiedergabe westlicher Pressenachrichten in das Gebiet der Hauptstadt der DDR installiert. Die Höhe der Leuchtbuchstaben wird etwa fünf Meter betragen, die Länge des Nachrichtenbandes etwa 30 Meter. Mit der Fertigstellung der Anlage ist noch im Oktober dieses Jahres zu rechnen."

Der Sichtbereich der "Feindmaßnahme" reichte den Berechnungen zufolge im Osten bis zu einer Linie vom Spittelmarkt bis zur Jannowitzbrücke, im Norden bis zum S-Bahn-Bogen, also den S-Bahnhöfen Alexanderplatz, Marx-Engels-Platz und Friedrichstraße, im Westen bis zur Ecke Unter den Linden/Wilhelmstraße sowie bis zur Käthe-Niederkirchner-Straße. Gerade nach Einbruch der Dunkelheit war das eine recht unbelebte Zone. Dennoch gab es Grund zur Aufregung. Denn hier lagen auch das Gebäude des ZK der SED sowie der Dienstsitz des Präsidiums des Ministerrates der DDR.

Zwar waren die dort tätigen Genossen ideologisch gefestigt. Doch wollte man ihnen den täglichen Ärger ersparen, beim Blick aus dem Fenster die Nachrichten des Klassenfeindes zu erblicken. Aber das war noch nicht alles: "Zeitweise ist die Leuchtschrift für die Fahrgäste der S-Bahn auf der Strecke Friedrichstraße-Jannowitzbrücke lesbar. Sie ist auch aus den oberen Stockwerken der neu erbauten Wohnblocks um den Alexanderplatz herum lesbar."

Nun war guter Rat teuer. "Eine Verdeckung der Leuchtschrift durch Sichtblenden ist gerade für die genannten Schwerpunkte wegen der Höhe des Springerhochhauses nicht möglich. Ein Anstrahlen der Leuchtschrift von unserer Seite aus mit starken Scheinwerfern würde die Lesbarkeit zwar herabsetzen, aber nicht ausschließen. Wenn der Gegner eine farbige Leuchtschrift benutzt, ist das Anstrahlen relativ wirkungslos. Außerdem müssten die Scheinwerfer in einem Winkel von etwa 30 Grad Erhöhung in Richtung des Flugplatzes Tempelhof eingestellt werden." Die letzte Überlegung wurde mit Rücksicht auf die alliierte Lufthoheit über Berlin angestellt. Diese zu beeinträchtigen, kam für die DDR nicht infrage.

Doch wurden weitere Varianten erwogen. So könne man "starke Scheinwerfer in das eigene Gebiet richten, um durch Blendwirkung das Lesen der Westnachrichten an den Schwerpunkten zumindest zu beeinträchtigen. Dazu wären fünf bis sechs Masten (Stahlmasten) in einer Höhe von etwa 25 bis 30 Metern notwendig. Jeder Mast müsste mit drei bis vier genügend starken Scheinwerfern bestückt werden, die mit einem Neigungswinkel zwischen null und minus fünf Grad in das eigene Gebiet strahlen. Diese Masten wären entweder auf der Linie Zimmerstraße oder Schützenstraße in solchen Abständen zu errichten, dass eine entsprechende Wirkung erzielt wird. Es ist jedoch zu bedenken, ob sich die Errichtung einer so kostspieligen Anlage mit nur unvollkommenem Wirkungsgrad lohnt." Auch über eine andere Maßnahme wurde nachgedacht, nämlich die Installation einer eigenen Leuchtschrift in gleicher Höhe. Wie das allerdings geschehen sollte, ist unklar. Es hätte eine gewaltige Gerüstkonstruktion in Höhe der West-Berliner Bauten erfordert.

Schließlich entschloss sich die SED-Führung, vor den laufenden Buchstaben der Westnachrichten ein ganzes Stadtviertel zu errichten. In der am 10. Januar 1969 verabschiedeten Konzeption "Städtebauliche und architektonische Direktive für den Investitionskomplex Leipziger Straße, einschließlich Spittelmarkt" heißt es: "Der Investitionskomplex Leipziger Straße ist ein wesentlicher Bestandteil der städtebaulichen Konzeption des Stadtzentrums, dessen Bedeutung in der südlichen Begrenzung dieses Gebietes der Hauptstadt der DDR gegenüber dem besonderen politischen Territorium Westberlin liegt. Die differenzierte Hochhausbebauung sowie die vorgesehenen gesellschaftlichen Einrichtungen gestalten gleichzeitig die Silhouette des Zentrums der Hauptstadt nach Süden hin. Die Leipziger Straße erhält ihren Höhepunkt in der Gestaltung des Spittelmarktes, der durch die Errichtung eines etwa 30-geschossigen Bürohochhauses seinen sichtbaren Ausdruck findet. Dieses Hochhaus dominiert in der Achse des Straßenzuges der Hans-Beimler-Straße-Alexanderplatz-Grunerstraße-Leipziger Straße und schirmt die Sicht zum Springer-Gebäude ab."

So verschwand seit 1969 das Ödland an der Mauer zugunsten eines bevorzugten Wohngebietes mit großen Geschäften und einem nostalgischen Blickfang in Form der Spittel-Kolonaden. Der Aufwand, die Silhouette des Springer-Hochhauses aus der Skyline Ost-Berlins zu verdrängen, war also erheblich. Er ging zudem zulasten der städtebaulichen Grundkonzeption, rund um den Alex das eigentliche Zentrum der sozialistischen Hauptstadt zu errichten und die Gebiete an der Staatsgrenze der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.

Niemals taucht in den Konzeptionen der SED der Gedanke auf, dass es ein einfaches Mittel gegeben hätte, die Wirksamkeit der Leuchtschrift auf einen Schlag gegen null zu minimieren. Wenn die Nachrichten der DDR so interessant, aktuell und glaubwürdig gewesen wären wie die leuchtenden Nachrichten des Klassenfeindes, hätte kein Ost-Berliner die wenigen S-Bahn-Minuten zwischen Jannowitzbrücke und Friedrichstraße genutzt, um nach dem Leuchtbalken zu schielen. In diesem Sinne ist die Geschichte von hoher Symbolkraft für die Vergeblichkeit aller Bemühungen der SED, die Ausstrahlungskraft der westlichen Medien durch Scheinwerfer und Sichtblenden zu verringern. Zudem hat die Leuchtbalken-Story noch eine ironische Pointe: Für die laufende Nachrichtengebung auf dem GSW-Hochhaus war keineswegs der Springer Verlag, sondern der Berliner Senat zuständig. Das Feindbild aber war so übermächtig, dass sich in allen damaligen Unterlagen und auch im Bewusstsein vieler Berliner die Vorstellung erhalten hat, der Balken auf dem Hochhaus würde von Axel Springers Zeitungsverlag betrieben.

Aus: "Feind-Bild Springer: Ein Verlag und seine Gegner", Vandenhoeck & Ruprecht, 19,90 Euro. © Vandenhoeck & Ruprecht

 

 




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Stand: 18. Oktober 2011.