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Die britische Tradition der Europa-Skepsis welt 18.12.11 Die Misstrauen der Briten gegenüber dem europäischen Kontinent hat eine lange Tradition. Sie begann bereits Jahrhunderte vor der Politik der "Splendid Isolation". Wieder einmal ist von Englands Distanz zum europäischen Festland die Rede, seit David Cameron in Brüssel Nein sagte zu einer europäischen Fiskalunion. Kehrt die „Splendid Isolation“ ins englische Denken zurück?
Foto: picture alliance / dpa/dpa Schon Konrad Adenauer war enttäuscht, dass Winston Churchill nur "an Europas Seite stehen" wollte – Adenauer war der Meinung: "England ist ein Teil Europas" Und was hat es mit ihr auf sich? Um sie zu erklären, muss man weiter zurückgehen als zu der Epoche, in welcher der Begriff geprägt wurde. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, das britische Weltreich stand in seinem Zenit, spiegelte sich in dem Konzept der „wunderschönen Isolation“ die Überzeugung des damaligen Premiers Robert Cecil wider, die Insel könne ohne dauerhafte Allianzen auskommen, müsse sich einzig der Freiheit seiner weltweiten Handelswege widmen sowie der Festigung seines Überseebesitzes. Wechselnde Bündnisse im Interesse England Freilich, der Konzentration auf das Empire stand die Gleichgewichtspolitik zur Seite, welche besagte, dass wechselnde Bündnisse durchaus im Interesse Englands lagen, um die jeweils stärkste kontinentale Macht daran zu hindern, europäischer Hegemon zu werden. Aber war die Gefahr gebannt, trat man von den Bündnissen auch wieder zurück. So erneuerte London nach dem Siebenjährigen Krieg den mit Friedrich dem Großen geschlossenen Vertrag von Westminster (1756) nicht mehr: Er hatte seinen Dienst mit der Niederlage des kolonialen Frankreichs erfüllt. Auch diese Variante war möglich: einer Einladung zum Bündnis erst gar nicht zu folgen. Nach dem Sieg über Napoleon trat England zum Beispiel der Heiligen Allianz der europäischen Mächte nicht bei – wichtiger als ein formales Bündnis war es für die britische Diplomatie, Frankreich aus seiner Demütigung zu befreien und es zusammen mit Russland, Österreich, Preußen und Großbritannien zum Konzert der fünf großen Mächte aufsteigen zu lassen. Die Splendid Isolation hatte einen Zwilling: das Denken in Kategorien der „Balance of power“, des Mächtegleichgewichts. "Abgesprengtes Stück des Festlandes" Aber England war im Mittelalter eine Kontinentalmacht, ein französisch-englisches Doppelreich, das erst unter dem Anprall des wachsenden französischen Nationalismus zerbrach. Von Splendid Isolation keine Spur: Der Plantagenet-König Heinrich II. hatte im 12. Jahrhundert mehr Untertanen in Frankreich als in England, und noch im 15. Jahrhundert wird ein Heinrich VI. sowohl in der Westminster-Abtei als auch in Notre Dame zu Paris gekrönt. Erst nach der gescheiterten Ausdehnung auf dem Festland blieb für die Insel nur noch ein Auslauf übrig: das Meer. Carl Schmitt, sonst kein Mann, den man zitieren möchte, hat in seinem Essay von 1942, „Land und Meer“, geschildert, wie England lernte, die Welt vom Meer aus zu betrachten, und wie man „von einem abgesprengten Stück des Festlandes zu einem Teil des Meeres wurde, zu einem Schiff oder noch deutlicher zu einem Fisch.“ Englands Insellage, wurde nun zur prägenden Mythologie und zur Grundlage seines Patriotismus. Dessen berühmtesten Text hat William Shakespeare gedichtet, wenn er John of Gaunt in „Richard II“ anstimmen lässt: „Dies Volk des Segens, diese kleine Welt, / Dies Kleinod, in die Silbersee gefasst, / Die ihr den Dienst von einer Mauer leistet, / Von einem Graben, der das Haus verteidigt / Vor weniger beglückter Länder Neid; / Der segensvolle Fleck, dies Reich, dies England.…“ Lange, ehe es eine Splendid Isolation als Begriff überhaupt gab, hatte sie sich als geografisches Geburtsgeschenk tief in der Psychologie der Inselbewohner festgesetzt. Kolonialen Besitz in Kanada beträchtlich erweitert Der Rest ist nun wirklich Geschichte. Nach dem Frieden von Utrecht im Jahr 1714, der das Ende des spanischen Erbfolgekrieges besiegelte, diese Jahre nicht enden wollender Festlandsunternehmungen gegen Ludwig XIV. von Frankreich, fand England seinen kolonialen Besitz in Kanada beträchtlich erweitert. Daraus zog Lord Bolingbroke, der englische Unterhändler in Utrecht, ein äußerst gewichtiges Resümee: „Seien wir allzeit eingedenk, dass wir Nachbarn des Festlandes sind, nicht aber ein Teil von ihm; dass wir Europa zugeordnet sind, nicht aber ihm angehören.“ Einem Echo dieser Worte begegnen wir mehr als 200 Jahre später in einem Aufsatz, den Winston Churchill im Februar 1930 in der viel gelesenen amerikanischen Zeitschrift „Saturday Evening Post“ veröffentlichte. Bolingbrokes Worte müssen ihm noch im Ohr geklungen haben, arbeitete Churchill doch damals gerade an der Biografie seines großen Vorfahren, des Herzogs von Marlborough, dem großen Feldherrn aus der Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges. 1930 also liest man: „Wir stehen zu Europa, gehören aber nicht dazu; wir sind verbunden, aber nicht umfasst; wir sind interessiert und assoziiert, aber nicht absorbiert; wir gehören zu keinem einzelnen Kontinent, sondern zu allen.“ Treffen mit Konrad Adenauer Das sollte Churchills Credo bleiben bis nach dem Zweiten Weltkrieg und zu seiner Amtszeit als Premierminister nach 1951. In einer Rede in Zürich hatte er zwar 1946 nach der Gründung der „Vereinigten Staaten von Europa“ gerufen, doch mit England nur als so eine Art wohlwollendem Paten, nicht als voll integriertem Mitglied. 1951 traf Konrad Adenauer mit ihm zum ersten Mal in der Downing Street zusammen, und dabei entspann sich ein Dialog, von dem Hans von Herwarth, der damalige deutsche Botschafter in London, in seinen Memoiren berichtet. Churchill: „Sie können beruhigt sein, Großbritannien wird immer an der Seite Europas stehen.“ Darauf Adenauer: „Herr Premierminister, da bin ich ein wenig enttäuscht, England ist ein Teil Europas.“ Adenauers schon früher gefasste Überzeugung, England sei für ihn „kein europäisches Land“, traf nur in einer Hinsicht zu: dass die Insel für supranationale Integration, die seit dem Schuman-Plan von 1950 als neue Idee auf dem Tisch lag, in seiner Geschichte keine Präzedenz fand und daher wiederholte Einladungen, sich anzuschließen, anfänglich allesamt ausschlug. "Einer supranationalen Organisation anschließen" Zwei Wochen vor dem Treffen von Messina, 1955, wo die Außenminister der sechs Gründungsstaaten des Gemeinsamen Marktes ihr historisches Treffen abhielten, überbrachte Belgiens Außenminister Paul-Henri Spaak in London persönlich den Vertragsentwurf, aber erhielt als Antwort: „Es kann natürlich keine Frage sein, dass wir uns jemals einer supranationalen Organisation anschließen werden.“ Ein untergeordneter Beamter des Foreign Office, Russel Bretherton, den Whitehall dann wenigstens aus Höflichkeit zu den Besprechungen, die 1957 zu den Römischen Verträge führten, abgestellt hatte, belehrte seine europäischen Kollegen: „Gentlemen, ihr versucht hier etwas auszuhandeln, das ihr nie auszuhandeln imstande sein werdet; und wenn doch, wird es niemals ratifiziert. Aber wenn es ratifiziert werden sollte, wird es nie funktionieren.“ Splendid Isolation. Sie verführte die politische Elite Englands zu gelegentlichen Demonstrationen einer alten, tief sitzenden Arroganz gegenüber dem Kontinent. Nach dem Treffen in Messina Anfang Juni 1955, bei dem nicht nur die britische Politik, sondern auch die britische Presse komplett fehlte, gab Finanzminister R. A. Butler seinen bekannten Kommentar ab, er habe da „von irgendwelchen archäologischen Ausgrabungen in einer alten sizilianischen Stadt“ gehört, an denen sich Großbritannien aber nicht beteilige. Im September wurde Harold Macmillan, damals Außenminister, zu einem Treffen seiner europäischen Kollegen nach Nordwijk eingeladen, doch ließ er durch seine Mitarbeiter wissen: „Sagt ihnen, ich sei gerade mit Zypern beschäftigt.“ Was ist eine Begegnung europäischer „Archäologen“ gegenüber einer brennenden Frage des Commonwealth! Neue wirtschaftliche Dynamik unter Thatcher Ein Kabinettspapier des gleichen Jahres hielt fest, es sei „im englischen Interesse, dass der gemeinsame Markt zusammenbricht.“ Wie gut für England, dass er das nicht tat, denn dreißig Jahre später war für Margaret Thatcher der Europäische Binnenmarkt von allerhöchstem britischem Interesse. Aber da hatte England unter ihrer Führung neue wirtschaftliche Dynamik entfaltet und seine Unternehmer sahen in Europa einen lukrativen Markt; dafür waren der Premierministerin auch Mehrheitsbeschlüsse nur recht. Im Übrigen hatte Außenminister Peter Carrington schon 1980 festgestellt: „Britische Außenpolitik muss von nun an wesentlich im europäischen Rahmen geführt werden.“ Splendid Isolation. Sie ist als Politik längst abgeschafft und spukt doch in der britischen Mentalität weiter, mit allen Vorbehalten gegenüber „einer immer engeren Union zwischen den Völkern Europas“, wie es in der Gründungsurkunde der Europäischen Union, den Römischen Verträgen, heißt. Handel? Ja, unbedingt. Integration? Vorsicht. Das englische Verhältnis zum Kontinent kann man mit dem französischen Sprichwort resümieren: Je mehr die Dinge sich ändern, desto mehr bleiben sie sich gleich. _____________________________________________ Englische Krämer, deutsche Helden welt 16.12.11 Nichts gelernt und nichts vergessen: Über eine neue Feindschaft in Europa. Die Engländer sind schuld": So fasste die Schlagzeile einer deutschen Zeitung die angesäuerte Reaktion aus Berlin zusammen. David Camerons Beschluss, sich gegen Angela Merkel zu stellen und damit ihren Plan zu durchkreuzen, durch die Abfassung eines Abkommens zu hasten und die gesamte Europäische Union in eine Fiskalunion zu zwingen, hatte das deutsche Establishment von Politik und Medien erzürnt. Warum eigentlich? Berlin ist aufgebracht, weil unser Premierminister sich weigert, sich den geplanten Regulierungsmaßnahmen zu unterwerfen: Cameron wird vorgeworfen, die Interessen unseres Finanzmarktes, der Londoner City, selbstsüchtig vor die von Europa zu stellen, also eine "splendid isolation" dem Versuch vorzuziehen, die Welt vor dem finanziellen Ruin zu bewahren. Der Ton, in dem das deutsche Unverständnis in der Öffentlichkeit formuliert wird, ist harscher geworden, spitzer. Und die Bemerkungen, die im Privaten gemacht werden, sind wahrscheinlich undruckbar. Dieses Gefühl beruht leider auf Gegenseitigkeit: In diesen Tagen werden wir Zeugen einer neuen Ära des Antagonismus zwischen Großbritannien und Deutschland. Die entscheidende Frage - für Deutsche wie für Briten - ist: Wie reagiert man angesichts der Erwartung, die sich wohl bestätigen wird, dass Deutschland wieder eine Führungsposition einnimmt, am Steuer einer Art Vereinigten Staaten von Europa, die England ins Abseits verbannen? Sicher: Berlin ist nicht Deutschland. Deutsche, deren politisches Bewusstsein ein paar Jahrzehnte zurückreicht, werden entsetzt sein. Helmut Schmidt, der anglophilste unter den Nachkriegskanzlern, hat sich zum Beispiel aus dem Ruhestand gemeldet, um seine Kollegin Merkel vor einem allzu forschen Auftreten zu warnen. Aber die Befürchtungen alter Männer, wie vorausschauend und historisch informiert sie auch sein mögen, zählen wenig. Als Cameron und Merkel sich vergangene Woche gerade die Köpfe einschlugen, war ich bei einem Dinner in der deutschen Botschaft in London. Wie immer war ich beeindruckt von der Bewunderung der deutschen Gäste für alles Britische - und genauso erschrocken von ihrer wilden Entschlossenheit, alle britischen Warnungen vor einem Europa als ideologiegetriebenem Unternehmen zu ignorieren. Der Weiseste unter den Gründungsvätern der Europäischen Union, Konrad Adenauer, hat nach dem Krieg Deutschlands Reputation wiederhergestellt und von der Schande gelöst, die ihm sein Vorgänger, Adolf Hitler, überlassen hatte. Adenauers Forderung war: "Keine Experimente!" Genau diese Haltung wird heute umgekehrt: Es scheint, als werde Deutschland von Männern und Frauen regiert, die in der Schuldenkrise der Euro-Zone eine Gelegenheit sehen, ein beunruhigendes neues Experiment beginnen zu lassen.
Nun ist eins klar: Vergleiche mit dem Dritten Reich sind niemals zu rechtfertigen, genauso wie es schlicht beleidigend wäre, die Bundesrepublik als ein "viertes Reich" zu bezeichnen, wie es im Ausland zum Teil geschieht. Trotzdem gibt es historische Kontinuitäten, die etwas über die gegenwärtige Lage sagen. Vor mir liegt ein deutscher Roman. Er wurde 1915, also während des Ersten Weltkriegs, anonym veröffentlicht. Auf dem Buchdeckel: ein Bild der Stadt London, über der ein gigantischer deutscher Adler schwebt, der rote Blitze auf die Häuser schießt. Der Titel: "Hindenburgs Einmarsch in London". Was soll diese krude Propaganda mit der verfahrenen Situation der letzten Tage zu tun haben? Für mich liegt in diesem Albtraumszenario von Armeen des deutschen Kaisers, die durch London marschieren, etwas, das immer noch Resonanz in Deutschland findet: Angst und Schrecken einem freien Markt gegenüber, genauer gesagt: dem angelsächsischen Kapitalismus. Der anonyme Autor von 1915 bejubelt jedenfalls die Zerstörung der Londoner City mit dem Satz: "Englands Allerheiligstes ist seine Börse" - und fährt fort, das Wort "business" habe keine deutsche Entsprechung. Der gehässige Vergleich zwischen "englischem Krämergeist" und "deutschem Heldenvolk", wie ihn der zur selben Zeit prominente Soziologe und Volkswirt Werner Sombart aufstellte, ist nicht aus dem deutschen Diskurs verschwunden. Die Kritik des Kapitalismus als einer englischen Erfindung begann mit den deutschen Emigranten Marx und Engels. Sie kamen nach Manchester und London, erkannten, was die Zukunft bieten würde - und wandten sich von ihr ab zugunsten einer kommunistischen Utopie, die sich, in die Wirklichkeit überführt, als Dystopie erwies, die der Menschheit Übel brachte. Angela Merkel ist eine der vielen, die im Kommunismus aufwuchsen. Diese Erfahrung hat sie gegen jede totalitäre Versuchung geimpft. Aber sie bewahrt sie nicht vor den verstaubten Vorurteilen, die so viele Deutsche überkommen, wenn es um den britischen Einsatz für den freien Markt geht. Ganz klar: Als David Cameron daran festhielt, keine Kompromisse angesichts der Wettbewerbsfähigkeit der Londoner City zu machen - ja, gar keine machen zu können -, traf er einen wunden Punkt, in Frankreich, aber vor allem in Deutschland. "Inakzeptabel" war das höflichste Wort, das Nicolas Sarkozy einfiel, die wirkliche Abneigung gegen London aber kommt aus Berlin - der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland, das, im Gegensatz zu Hansestädten wie Hamburg, Macht und Vermögen nicht über den Handel bezieht, sondern über den Staat. Die immer etwas bemüht wirkende politische Korrektheit der postmodernen Metropole Berlin, mit ihren Mahnmalen und Gedenkstätten für den Holocaust und die anderen Opfer der Nazizeit, erzählt nicht die ganze Wahrheit. Die glitzernden Gebäude der neuen Berliner Mitte - von denen viele von britischen Architekten entworfen wurden - sind zum großen Teil vom Staat finanziert. Der wieder aufgebaute Reichstag mit Norman Fosters Glaskuppel symbolisiert den Triumph der Demokratie über das düstere Vermächtnis der Nazis. Zugleich ist er aber auch ein Monument des "big government" Berliner Bauart. In der Woche, die seit Camerons Nein vergangen ist, hat sich ein Europa abgezeichnet, das nach dem Modell von Berlin gebaut wird, nicht nach dem von London. "Die Engländer", so formulierte es vor rund zweihundert Jahren der Historiker und Essayist John Seeley, "scheinen die Hälfte der Welt in einem Anfall von Geistesabwesenheit erobert und bevölkert zu haben." Wenn dem so ist, dann haben die Deutschen jetzt dasselbe getan mit ihrer Vorstellung eines stark regulierten und staatssubventionierten Europas. Allerdings gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied: Die wenigsten Europäer sind des Deutschen mächtig, von daher bleibt abzuwarten, wie viele sich freudig einem Sparkurs beugen, der doch insbesondere der Nation leicht fällt, die die protestantische Arbeitsethik erfunden hat und immer noch die höchste Sparquote der westlichen Welt vorweist. Mit anderen Worten: Es wird nicht einfach sein, die Börsen zu überzeugen, dass dieses neueste deutsche Experiment auch funktioniert. Angela Merkel mag eine gute Experimentalchemikerin sein. Aber für die Chemie zwischen Europas Staatschefs hat sie nichts getan. Politik ist keine Teilchenphysik, und die Suche nach einem funktionsfähigen Europa läuft anders als die Suche nach dem Higgs-Partikel. Wichtiger noch: Die Rede von "Technokraten" ist ein Euphemismus für den Griff nach der Macht. Deutsche reden unaufhörlich darüber, Verantwortung für ihre Geschichte zu übernehmen, manche von ihnen aber scheinen, wie Talleyrand einst über die Bourbonen sagte, nichts gelernt und nichts vergessen zu haben. In Berlin scheint die Ansicht vorzuherrschen, dass Freiheit, Demokratie und Souveränität Luxusgüter seien, die sich Europa - oder doch wenigstens seine schwächeren Geschwister - in einem Zeitalter von Knappheit und Sparen nicht leisten könne. Das geht in dieselbe Richtung wie die verstohlene Bewunderung für Wladimir Putin: einstmals KGB-Offizier im kommunistischen Dresden, jetzt Deutschlands (und Europas) Energie-Zar. Nur in Deutschland konnte ein ehemaliger Regierungschef vom Kanzleramt aus direkt auf Putins Gehaltsliste wechseln, so wie Gerhard Schröder im Jahr 2005. Tief im Herzen werden die meisten Deutschen wissen, dass sie Großbritannien brauchen: nicht nur als Markt, sondern auch als Mentor. Im Laufe ihrer Geschichte und insbesondere in ihrer Stunde null nach 1945 haben die Deutschen jenseits des Kanals nach Inspirationen und Anregungen gesucht. Angela Merkel hat vergangene Woche in Brüssel unterschätzt, wie wichtig es ist, die Briten an Bord zu behalten. Jetzt, wo wir die Implosion der Euro-Zone in Zeitlupe erleben, mag sie sich daran erinnern, wie Bismarck Disraeli auf dem Berliner Kongress 1878 Tribut zollte: "Der alte Jude! Das ist der Mann." David Cameron mag kein Disraeli sein - andererseits ist Angela Merkel aber auch kein Bismarck. Europa wird jetzt in Berlin neu entworfen. Doch die Architekten einer freien Wirtschaft und einer offenen Gesellschaft wird man nur in Großbritannien finden.
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