"Wollt Ihr Butter oder
Kanonen?" war die ideologische Frage an die Eltern und
Großeltern um 1933 ff.
"Wollt Ihr Atomkraft oder
erneuerbare Energien?" ist die ideologische Frage an die
Kinder,
es wird der
energiepolitische Untergang folgen, bar jeder Vernunft. Wie
bei Eltern & Großeltern!
Die Deutschen lernen's nie?
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Abschaltung Atomkraftwerke:Hart am Abgrund
die Welt 20.5.2011
So
unsicher, wie die deutsche Stromversorgung am kommenden
Wochenende sein wird, war sie noch nie zuvor. Die
Atomkraftwerke, die bislang fast ein Viertel zur
Bedarfsdeckung beitragen, sind mit der beginnenden Revision
des AKW Emsland bis auf einen kleinen Rest alle
abgeschaltet: Dies liegt vor allem an der deutschen Politik
- an der "Atomwende" der Bundesregierung. Einige Meiler
stehen aber auch deshalb still, weil dort lang geplante
Wartungsarbeiten anstehen, die aus Gründen der Sicherheit
nicht verschoben werden dürfen. Der Beitrag eines weiteren
Fünftels der deutschen Stromversorgung ist wetterabhängig.
Aber
wahrscheinlich wird wieder alles gut gehen. Die
Netzbetreiber betonen, alles im Griff zu haben, trotz der
bislang größten Herausforderung für ihren Berufsstand.
Unwahrscheinlich also, dass am Wochenende die Lichter
ausgehen, Straßenbahnen stehen- und Fahrstühle
steckenbleiben, auch wenn im Vorfeld niemand das
Blackout-Risiko wirklich bestimmen kann. Fest steht nur
eins: Bleibt die Stromversorgung über die nächsten zwei
Wochen stabil, werden die Atomkraftgegner das zum Beweis
dafür nehmen, wie gut Deutschland ja ganz offensichtlich auf
die ungeliebten Meiler verzichten kann. Doch mit diesem
Argument ist es nicht weit her. Es unterschlägt, dass
Deutschland seit Beginn des Atom-Moratoriums jetzt auch in
der Stromversorgung nicht mehr autark ist, sondern
erhebliche Elektrizitätsmengen aus dem europäischen Ausland
importieren muss. Es unterschlägt auch, dass die
Netzstabilität schon jetzt nur durch den zusätzlichen
Betrieb von Kohlekraftwerken aufrecht erhalten werden kann.
Schon
heute kommen die Netzbetreiber mit den Folgen des
Atom-Moratoriums nur zurecht, weil sie eigentlich anstehende
Wartungs-, Reparatur- und Ausbauarbeiten an den Leitungen
und Masten erst mal auf Eis gelegt haben. Das Stromnetz ist
auch deshalb nur noch leidlich stabil, weil die
Netzbetreiber inzwischen fast pausenlos durch so genanntes "Redispatching"
in den Markt eingreifen: Sie weisen einzelnen
Kraftwerksbetreibern kurzerhand ganz neue Kunden und
Stromabnehmer zu, einzig und allein, damit die Leitungsnetze
auf bestimmten Strecken nicht kollabieren. Die Kosten, die
entstehen, wenn Kaufverträge zwischen Stromlieferant und
Kunde auf diese Art aufgehoben werden, sind immens. Sie
werden nach einiger Verzögerung über die
Netznutzungsentgelte auf den Stromverbraucher umgelegt. Der
kostenträchtige Markteingriff des Netzbetreibers, früher nur
begrenzt eingesetzte Notfallmaßnahme, ist heute tägliche
Übung. All das hätte sich vermeiden lassen, wenn es die
Energiepolitik gleich zu Beginn der ökologischen
Energiewende verstanden hätte, erneuerbare Energien nur im
Gleichschritt mit Stromleitungen und Stromspeichern
auszubauen und ansonsten hektische Kehrtwenden zu vermeiden.
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Konjunktur der Angst
die Welt
23.3.2011
Dass viele
Menschen nicht mehr unter dem
Damoklesschwert der Atomkraft leben
wollen, ist verständlich. Doch
erneuerbare Energien können die Last
noch lange nicht schultern. Deshalb
ist jetzt die Zeit für Kompromisse
Die
deutsche Energiepolitik soll
drei Ziele verfolgen:
Versorgungssicherheit,
Wirtschaftlichkeit,
Umweltschutz. Das ist geltendes
Recht, niedergelegt in der
Präambel des
Energiewirtschaftsgesetzes. In
der vergangenen Woche ist aus
diesem oft zitierten Zieldreieck
ganz ohne parlamentarisches
Zutun ein Quadrat geworden:
atomstromfrei soll die Energie
der Deutschen jetzt auch sein.
Seit Tagen zirkulieren im
politischen Berlin unzählige
Strategiepapiere, Blaupausen und
Konzepte, die sich darin
überbieten, den schnellsten Weg
aus der Atomwirtschaft zu
weisen. Die meisten dieser
Konzepte setzen auf den
schnellen Ausbau der
erneuerbaren Energien wie Wind-
und Sonnenkraft.
Gelesen
werden diese Konzepte selten.
Doch die medial verbreiteten
Überschriften prägen sich ein:
100 Prozent erneuerbare Energien
sind machbar. Eine Aussage, die
für die abschließende
Meinungsbildung vieler Menschen
offenbar schon ausreicht. Nach
den Prämissen, Kosten und
Konsequenzen der vorgeschlagenen
Strategien wird nicht lange
gefragt. Warum auch? Wenn es
denn geht, dann bloß weg mit den
Atommeilern, koste es, was es
wolle. Dieser Impuls ist
angesichts des nuklearen
Desasters in Japan verständlich.
Niemand sitzt gern unter dem
atomaren Damoklesschwert, ganz
gleich, wie gering das
Restrisiko einer vergleichbaren
Katastrophe auch immer sein mag.
Der
Verzicht auf Atomkraftwerke in
Deutschland ist zwar machbar,
daran gibt es wenig Zweifel.
Doch wer den Atomausstieg will,
muss auch die Konsequenzen
tragen wollen. Konsequenzen,
über deren Tragweite sich
derzeit niemand einen genauen
Begriff macht. Die Politik
braucht aber Konzepte, wie sie
jede einzelne der nötigen
Kompensationsmaßnahmen um- und
durchsetzt. Dass das im
Einzelfall nicht einfach sein
dürfte, hat jüngst das Fiasko
bei der Einführung des Biosprits
E10 gezeigt. Was hat Biosprit
mit Atomkraft zu tun? Sehr
einfach: Verkehr und
Stromversorgung sind über den
Emissionshandel Teile eines
großen Gesamtsystems. Mithilfe
der Atomkraftwerke spart
Deutschland derzeit pro Jahr in
etwa so viel CO2 ein, wie der
gesamte deutsche Straßenverkehr
in die Atmosphäre bläst. Wer
also die größte CO2-freie
Energiequelle Deutschlands
einfach ausknipst, muss den
Klimaschutz an anderer Stelle
entsprechend verschärfen.
Und da
geht es dann ans Eingemachte,
wie ein Blick in das Konzept
"Energie 2050" der Grünen zeigt.
Tempolimit 120 auf allen
Autobahnen, Tempo 80 auf allen
Landstraßen. 15 Prozent
Biokraftstoffe bis 2020.
Belastung des Flugverkehrs mit
Kerosinsteuer und CO2-Abgaben -
also das Ende der
Billigfliegerei, wie wir sie
kennen. Die bisher gültigen
Abstands- und Höhenbegrenzungen
für Windkraftanlagen fallen weg.
Die Windparks können damit ganz
nah an die Dörfer und Städte
heranrücken. Auch in Wäldern und
Naturschutzgebieten wird man
künftig auf Windräder stoßen.
Man kann
all das wollen und für
erträglich halten. Es ist ja
"immer noch besser, als den
Strahlentod zu sterben", wie es
in den Internetforen heißt. Aber
es bleibt fraglich, ob all diese
Einzelmaßnahmen jeweils gegen
Partikularinteressen
durchsetzbar sein werden. Schon
im vergangenen Jahr löste der
Versuch der Bundesregierung, das
Null-Energiehaus zum Standard zu
erklären und Immobilienbesitzer
zu kostenträchtigen Sanierungen
zu verpflichten, einen Aufstand
von Hauseigentümern und Mietern
aus. Die Einführung des
Bio-Sprits E10 droht derzeit am
Kaufboykott der Autofahrer zu
scheitern. Umweltschützer
protestieren gegen die Anlage
von Stauseen im Schwarzwald,
obwohl die als Ökostromspeicher
dringend gebraucht werden, wenn
mit der Atomkraft kurzfristig
ein Viertel der deutschen
Stromversorgung ersetzt werden
muss. Wird die Akzeptanz für
solche Maßnahmen in der
Bevölkerung plötzlich da sein,
nach Fukushima?
Zweifel
sind erlaubt. Denn einmal wird
die Erinnerung an die japanische
Katastrophe verblassen, und dann
werden wieder Klimaängste oder
Konjunktur- und
Arbeitsplatzsorgen in den
Vordergrund drängen. Bis zu
diesem Zeitpunkt könnten die
finanziellen Kosten des
Systemumbaus aber eine Dimension
erreicht haben, die die
ökologische Energiewende auch zu
einer sozialen Frage macht. Die
Gefahr "energiepreislich
bedingter Armut verschiedener
gesellschaftlicher Gruppen"
thematisieren auch die Grünen in
ihrem Energiekonzept. Deshalb
sollen für einkommensschwache
Haushalte "Fonds" aufgebaut,
Zuschüsse, Anreize und
Förderungen ausgeteilt werden.
Geben das die öffentlichen
Kassen auf einmal wieder her?
Politisch
durchsetzbar, das ist zumindest
die Lehre aus dem E10-Desaster,
sind kostenträchtige Einschnitte
nur, wenn das Gesamtkonzept
dahinter stimmt. Doch sind die
Energiewendekonzepte wirklich
plausibel? Die Grünen gehen
davon aus, dass sich der
Stromverbrauch in Deutschland
bis 2020 um zwölf Prozent
verringern lässt. Bislang aber
hat der Trend zu größeren
Wohnflächen, zu Single-Hauhalten
und mehr elektronischen
Haushalts- und
Unterhaltungsgeräten alle
politisch verordneten
Energiesparprogramme
überkompensiert. Soll halt "die
Industrie" mehr Energie sparen,
heißt es dann oft etwas hilflos.
Ein Argument, das übersieht,
dass Deutschland bereits zu den
drei energieeffizientesten
Volkswirtschaften der Welt
gehört. Lässt sich unter diesen
Voraussetzungen also der
deutsche Stromverbrauch in
kürzester Zeit um zwölf Prozent
senken, wenn zugleich noch zwei
Millionen Elektroautos bis 2020
auf die Straße sollen?
Unwahrscheinlich, dass so ein
ambitioniertes Ziel ohne
dirigistische,
planwirtschaftliche Maßnahmen
und ohne fühlbare
Einschränkungen der
Lebensqualität umsetzbar sein
soll.
Es gibt
aber auch eine Alternative: Wir
lassen uns mehr Zeit. Die Kosten
des Atomausstiegs fallen umso
höher aus, je rascher er
umgesetzt werden soll. Eine
hektische Energiewende trägt
wegen der absehbar hohen Folge-
und Nebenkosten den Keim des
politischen Scheiterns bereits
in sich. Oder wir verfolgen bei
der ökologischen Energiewende
einen überlegten, besonnenen
Kurs, dessen Erfolg nachhaltiger
ist, weil er die
wirtschaftlichen und sozialen
Folgen des Systemumbruchs
berücksichtigt und mildert. Die
Bundesregierung muss ihre
aktionistische Atompolitik
beenden. Das wäre schon mal ein
Anfang.
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Apokalypse jetzt! Wir Deutschen
sollten uns schämen die Welt
28.3.2011
Nirgends
sonst wird so rücksichtslos und falsch über das Atomunglück
in Japan geredet wie hier. Eine Empörung.
Wir haben
die Freundschaft der Japaner in ihrer größten Krise nach dem
Zweiten Weltkrieg bitter enttäuscht. Es stimmt: In vielen
Ländern reagierten die Medien und die Menschen verstört,
schockiert, ungläubig auf die Ereignisse in Japan.
Aber
Hysterie, Unprofessionalität und vor allem Gefühl- und
Taktlosigkeit bis zum Zynismus: das war das ganz besondere
Markenzeichen der deutschen Reaktion. Und zwar nicht nur der
Medien. Die deutsche Haltung zu Erdbeben, Tsunami und
Atomkatastrophe war eine Aneinanderreihung von peinlichen
Desastern.
Apokalpyse – ein "angebrachter" Begriff?
Es war, als
ginge für die Deutschen eine Welt unter. Weniger, weil man
Angst um Landsleute hatte (die hatte man auch, wie
Außenminister Guido Westerwelle gleich in seinen ersten
Stellungnahmen taktvoll betonte), sondern weil
Theologieprofessor Jürgen Manemann schon am 12. März die
Schicksalsfrage aufwarf: "Bleiben wir weiterhin
apokalypseblind?" Nein, das wollten die Deutschen sich
keineswegs vorwerfen lassen.
Ein Vergleich auf Google Trends
belegt: In keiner anderen Nation des Westens wurde nach dem
11. März so häufig und intensiv über die
Apokalypse
gesprochen wie in Deutschland. Nach Meinung von
Bundeskanzlerin Angela Merkel besaß die Katastrophe "ein
geradezu apokalyptisches Ausmaß" – "durchaus ein
angebrachter Begriff", wie auch EU-Energiekommissar Günther
Oettinger befand.
David
McAllister, Ministerpräsident von Niedersachsen, wollte
wegen der Apokalypse auch nicht gleich wieder "zur
Tagesordnung übergehen". Genausowenig die Grünen in Bayern
und Hessen, die eine "Apocalypse now! einforderten.
"Apokalpyse"
gibt es im Japanischen nicht
Die
evangelische Kirche veröffentlichte ein dazu passendes Gebet
mit dem Titel "Apokalypse Japan". Evangelikale Christen
sahen das Geschehen in einem Land, dessen Bevölkerung zu 99
% nicht an den christlichen Gott glaubt, als "ein
apokalyptisches Zeichen im biblischen Sinn".
VELKD-Bischof Gerhard Ulrich sagte in einer Predigt noch am
20. März, seit Tagen tobe in Japan die Apokalypse. Das bewog
die "Spiegel"-Redaktion, in einer stundenlangen
Redaktionskonferenz, verstärkt durch gebürtige Japaner,
darüber nachzudenken, was "Apokalypse" auf Japanisch heißt.
Ich konnte
es ihr auch nicht erklären. Denn dieses Wort gibt es im
japanischen Sprachschatz nicht. Sehr zum Erstaunen der
deutschen Öffentlichkeit wollen sich die Japaner auch nach
gut zwei Wochen noch nicht damit abfinden, dass die Sonne,
bildlich gesprochen, für sie untergegangen sein soll.
Kein
Massenumzug von Japanern in die BRD
Und das,
obwohl Tausende von Deutschen von Herzen kommende, aber
grausam taktlose Evakuierungsangebote machten: Man habe noch
ein Landhaus am Gardasee, da könne man eine vierköpfige
Familie unterbringen – und dergleichen.
Bislang ist von einem Massenumzug von
Japanern ins kalte Deutschland allerdings nichts zu spüren.
Eine "Spiegel"-Redakteurin fragte deshalb halb entrüstet bei
dem Philosophen Kenichi Mishima nach, warum denn die Japaner
so verbohrt seien, weiterhin in Japan leben zu wollen?
Ob es dafür
kulturelle oder philosophische Gründe gebe? Mishima
entschied sich, darauf nicht zu antworten. Der "Frankfurter
Rundschau" warf er angesichts ähnlich absurder Fragen vor,
ihn, den Linksintellektuellen, zum Abwehrnationalismus
verführen zu wollen.
Der
Japan-Einsatz des Technischen Hilfswerks
Wenn denn
die Japaner nicht nach Deutschland kommen wollten: Sollte
man dann nicht zu ihnen gehen und ihnen beim Weltuntergang
helfen? Das Technische Hilfswerk zum Beispiel war ganz
schnell in Japan – "trotz Strahlungsgefahr", wie man gleich
großspurig lesen durfte, denn, so sagte der THW-Präsident
Broemme: "Hier schwingt schon ein bisschen Angst mit."
Dass die
Deutschen dennoch kamen, wurde in japanischen Medien dankbar
vermerkt. Ein blonder junger Freiwilliger aus Deutschland
erklärte stolz in einem Fernsehinterview, die THW-Helfer
seien professionell auf ihre Mission vorbereitet. Drei
Einsätze führte das THW in Japan durch: der erste wurde
wegen einer Tsunami-Warnung abgebrochen – das war
unvermeidlich.
Der zweite
wurde abgebrochen, weil die Dunkelheit hereinbrach – da
hätte auch ein rechtzeitiger Blick auf die Uhr helfen
können. Und der dritte wurde abgebrochen wegen
heranziehender Radioaktivität. Das war offenbarer
Verfolgungswahn.
THW
spricht von einem "chaotischen Einsatz"
Die Japaner
waren höflich genug, die Deutschen danach noch kurzzeitig in
der Etappe einzusetzen, um die Einsätze anderer
ausländischer Teams zu koordinieren. Anschließend geleiteten
die deutschen Spezialisten "einige deutsch-japanische
Ehepaare" aus der Gegend um Sendai nach Tokyo. Nach sieben
Tagen reiste das THW ab: Es gebe nichts mehr zu retten. Das
Rettungsgerät ließ man übrigens in Japan zurück.
Einen Tag
später traf das türkische Hilfsteam in Japan ein. Das
koreanische Team, ungefähr dreimal so groß wie das deutsche
und gleichzeitig eingetroffen, verließ Japan erst am 23.
März.
Da hatte
das THW in Deutschland bereits zwei Botschaften verbreitet:
Man sei haarscharf nicht radioaktiv verseucht worden (das
interessierte die deutsche Öffentlichkeit am meisten), und
es sei "ein eher chaotischer Einsatz" gewesen – was
natürlich nicht den Deutschen anzulasten war, sondern den
Japanern, von denen Bayerns Innenminister Herrmann
behauptete, "die Funktionsweise ihres Katastrophenschutzes
ist offensichtlich nicht optimal."
Lufthansa stellte ihren Flugverkehr schnell ein
Zu dieser
Zeit hatte der japanische Katastrophenschutz gerade 400.000
Menschen unter schwierigsten Umständen zu betreuen. Ein
anderer deutscher Rettungsdienst zog es vor, am Flughafen
umzukehren.
Am 24. Januar, dem 150. Jahrestag der
Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Preußen und
Japan, taufte die Deutsche Lufthansa in Tokyo-Narita einen
Airbus 380 auf den Namen "Tokyo"; natürlich mit Sake.
Vorstandschef Franz sagte damals vollmundig: "Wir
bekräftigen mit diesem Bekenntnis unser Engagement in
Asien." Am 15. März war die Lufthansa die erste große
Fluggesellschaft, die bekannt gab, "aufgrund stark
eingeschränkter Abfertigungsmöglichkeiten auf dem Tokioter
Flughafen Narita" die japanische Hauptstadt nicht mehr
anzufliegen.
Air
France war die ganze Zeit weitergeflogen
Natürlich
wussten die deutschen Medien sofort, dass der wahre Grund
die deutsche Angst vor der Radioaktivität war. Peter
Gauweiler war der einzige Prominente, der dagegen
protestierte: "Das ist für das Ansehen unseres Landes,
dessen Namen die Lufthansa zu tragen die Ehre hat,
verheerend."
Hat das die
Lufthansa gekümmert? Aber nein. Erst am 23. März gab sie
bekannt, den Boykott Naritas aufzugeben. Der Konkurrent Air
France/KLM war die ganze Zeit über weitergeflogen. Übrigens
auch die Lufthansa-Tochter Swiss.
Das
Gerücht, Lufthansa nutze den zusätzlichen Zwischenstop in
Seoul, um die deutsche Crew durch eine japanische der
Partnergesellschaft ANA zu ersetzen, wollte eine
Pressesprecherin der Lufthansa "so nicht bestätigen".
NDR
verwendete den Begriff "Wegwerfarbeiter"
Wäre es
wahr, dann hätten wir einen deutschen Fall von
"Wegwerfarbeitern". Jedenfalls wäre das wohl die Wortwahl
des NDR-Reporters Robert Hetkämper gewesen. Hetkämper
verkündete am 17. März, als er auf Anweisung der
NDR-Zentrale wegen bedrohlicher Radioaktivität (immerhin
0,05 Mikrosievert/h) aus Tokyo geflohen war, in der
MDR-Sendung "Brisant" und in der vom WDR produzierten
"Aktuellen Stunde", im Kraftwerk Fukushima wie andernorts
würden Obdachlose, Gastarbeiter und Minderjährige als
"Wegwerfarbeiter" eingesetzt.
Der Begriff
existiert im Japanischen nicht, aber das kann Hetkämper
nicht wissen, weil er kein Japanisch spricht.
Berichte über "AKW-Zigeuner" gibt es schon lange
Er hätte
wissen können, dass es seit Jahrzehnten Berichte über so
genannte "AKW-Zigeuner" gibt, die unter dubiosen Umständen
an der Grenze des Legalen Drecksarbeit in den Kraftwerken
leisten.
Wahrscheinlich war es das, was Hetkämper von seinem
Gewährsmann, einem Arzt in Osaka, erfuhr. Aber natürlich war
Hetkämper nicht in Fukushima I, das er höchst suggestiv mit
Hitlers Führerbunker verglich, und natürlich hat er nicht
mit den Leuten gesprochen, die dort unter extremen
Bedingungen extrem gefährliche Aufgaben verrichten.
Einige von
ihnen haben japanischen Journalisten Interviews gegeben,
aber Hetkämper kennt diese Journalisten anscheinend nicht.
Medien
greifen Hetkämpers Behauptung auf
Nachdem
Christoph Neidhart in der "Süddeutschen Zeitung" wenige Tage
später erklärte, es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass in
der gegenwärtigen Lage im AKW Fukushima I "Wegwerfarbeiter"
eingesetzt würden, bequemte sich Hetkämper zu einem
mehrdeutig formulierten Dementi: Der "Tagesschau" erklärte
er in einem eigens zu diesem Zweck geführten Interview, es
gebe "keine Bestätigung" für seine kühne Behauptung.
Außerdem
räumte er noch ein paar Schnitzer ein, wie zum Beispiel die
voreilige Meldung über eine Kernschmelze in Fukushima, die
prompt von der Tagesschau verbreitet worden war. Alle diese
Kleinigkeiten gingen aber wahlweise auf das Konto "einer
ausländischen Zeitung" oder einer japanischen
Nachrichtenagentur.
Inzwischen
hatten sich aber die deutschen Medien landauf, landab die
Behauptung Hetkämpers zu eigen gemacht – und jetzt wusste
jeder Durchschnittsdeutsche, informiert durch "Spiegel",
"Bild" und "Handelsblatt" in ewig gleichen Formeln: In
Fukushima I sterben nicht Helden, sondern "Wegwerfarbeiter",
Leibeigene, bedauernswerte Opfer einer vormodernen,
menschenverachtenden Gesellschaft.
Die
Angst – ein Meister aus Deutschland
Da war sie
auf einmal wieder, die Angst vor dem "Arbeitsstaat Japan"
mit seinen unterwürfigen gelben Ameisen, Samurai und
Kamikazefliegern. Die den Irrsinn wagen, mit Wasserwerfern
und Betonpumpen gegen hinterhältige Strahlenherde anzugehen.
(So hieß es jedenfalls, bevor bekannt wurde, dass die
fragliche Betonpumpe "Made in Germany" ist.)
Getarnt als
Kulturkritik, wahlweise auch als Sozialkritik, entsteigt die
Gelbe Gefahr ihrem Grab und geht um in Deutschland. Die
Angst ist heute ein Meister aus Deutschland.
Wer solche
Freunde hat, braucht keinen Super-GAU.
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Deutsche in Japan fühlen sich verhöhnt
die Welt
23.3.2011
In Japan lebende Deutsche ärgern sich maßlos über die
Atom-Hysterie ihrer Landesleute. Berichte vieler deutscher
Reporter halten sie für "haarsträubend".
"Für alle Märchenliebhaber! Wir sitzen auf der verstrahlten
Terrasse und genießen radioaktiv verseuchte Lebensmittel!!!"
So und ähnlich beginnen E-Mails von Deutschen in Japan an
die Daheimgebliebenen, in denen die deutsche Atompanik aufs
Korn genommen wird.
In Japan lebende Deutsche kritisieren, die deutsche
Berichterstattung sei zu sehr auf das havarierte
Kernkraftwerk konzentriert, während die Opfer des Tsunamis
fast schon in den Hintergrund gerieten. Auch der gebürtige
Passauer Christian Thoma, der seit 1981 in Japan lebt und
heute in Tokio seine eigene Firma leitet, ist entsetzt
angesichts der, wie er schreibt, "verdummenden
Informationsstrategie, die nicht nur dem japanischen Volk
Unrecht tut, sondern das Leid der Betroffenen und
Angehörigen in einer unvertretbaren Weise eskaliert“.
Die deutsche Berichterstattung über die Ereignisse in Japan
nennt Thoma "haarsträubend“ und "schamlos“, wie etwa
Berichte darüber, dass Bürger in Tokio Supermärkte stürmen,
um ihre Keller und Tiefkühltruhen zu füllen. "Ich frage
mich: welche Keller? Die meisten Häuser in Tokio haben weder
Keller noch Tiefkühltruhen.“
"Haarsträubende" und "schamlose" Berichterstattung
Auch von einem "Stürmen“ der Supermärkte kann seiner
Erfahrung nach keine Rede sein: "Die Kunden stehen sehr
diszipliniert an der Kasse.“ Andere Medienberichte schildern
das wirtschaftliche Chaos, da die Infrastrukturen wie
Brücken und Straßen im gesamten Land zerstört seien. "Welche
ein Unsinn!“, schreibt Thoma. "Zerstört ist lediglich die
Infrastruktur der betroffenen Gebiete. Die Infrastruktur in
den anderen Teilen Japans, die ca. 80 Prozent der
Wirtschaftsleistung erzielen, ist völlig unversehrt.“ So
überlebten zwei Japaner neun Tage unter Trümmern. Auch
darüber, dass in der westlichen Welt das Tragen von
Atemschutzmasken als Zeichen der Panik interpretiert werden,
können deutsche Expatriates in Japan nur lächeln. In jedem
Winter tragen Millionen von Japanern solche Masken, um sich
vor Viren zu schützen. Zudem gehen viele Menschen hier zur
Arbeit, obwohl sie krank sind. Um ihre Arbeitskollegen zu
schützen, tragen sie Masken.
Aber es ist nicht nur die Medienberichtserstattung, die
unter Deutschen in Tokio Groll erzeugt. Auch, dass die
deutsche Botschaft sich fluchtartig nach Osaka "verkrümelt“
hat, aber weiterhin vollmundig per E-Mail jede Unterstützung
zusagt, wird als "blanker Hohn“ beschrieben. Auch Thoma
kritisiert die deutsche Botschaft als verantwortungslos,
denn "obwohl viele in der Botschaft registriert sind, hält
man es nicht einmal notwendig, die Deutschen in Japan zu
kontaktieren, weder per E-Mail, noch per Telefon.“
Auch für die Aufforderung vieler deutscher Unternehmen,
ihre deutschen Angestellten mögen das Land verlassen, hat
Thoma kein Verständnis. "Gott sei dank gibt es auch noch
einige Firmen, deren deutsche Vorstände in Japan bleiben, um
ihren Angestellten in der Not beizustehen.“ Eigentlich sei
dies eine Selbstverständlichkeit, "wohl aber nicht für viele
große Firmen, deren hoch bezahlte Vorstände das Weite suchen
und ihre Mitarbeiter im Stich lassen. Diese Leute werden
auch häufig Führungskräfte genannt“, resümiert Thoma
sarkastisch.
."Wir schätzen die Anteilnahme wirklich“, ist in einer
anderen E-Mail ist zu lesen, "aber wenn ich internationale
TV-Sender einschalte oder die eingehenden Mails lese, fühle
ich mich plötzlich, als ob ich einen Drink oder eine
tröstende Umarmung bräuchte.“ Das immer wiederkehrende Motiv
vieler Wut-Mails aus Fernost lautet: Wir bleiben in Tokio,
nicht, um als Helden in die Geschichte einzugehen, sondern
weil wir es der japanischen Gesellschaft gerade jetzt
schuldig sind, unsere Aufgaben zu erfüllen.
Keine Panik, keine Gewalt, keine Plünderungen
Und für westliche Beobachter noch erstaunlicher: "Es gibt
keinerlei Panik in der Stadt, keine Gewaltausbrüche, keine
Plünderungen. Japan ist völlig sicher.“ Ein anderer
Mailschreiber stellt die rhetorische Frage, wie er "jemals
wieder vor Studenten stehen und ihnen etwas von
Wirtschaftsethik, Unternehmensführung, Verantwortung,
Vorbildern und Führungsstärke beibringen soll, wenn ich mich
nicht entsprechend verhalte?“ Schließlich wisse jeder, der
nach Japan geht, dass sich hier jederzeit Erdbeben ereignen
können. Traditionell werden Leichen in Japan verbrannt. Doch
wegen der Vielzahl der Opfer, und weil Krematorien zerstört
wurden, muss vorerst meist beerdigt werden – auch in
Massengräbern.Erschütterung erzeugt auch die Konzentration
auf die Unfälle in Fukushima, während die Tausenden Opfer
des Tsunamis fast schon in den Hintergrund geraten. "Diese
Leute interessieren sich nicht für Merkels Notfallprogramm
für den eigenen Machterhalt“, ist zu lesen. Manch einer
möchte sich angesichts der Art und Weise, wie Fukushima "für
alle möglichen Agenden in Deutschland missbraucht wird“,
fast schon "schämen, Deutscher zu sein“. Sarkastisch auch
diese Zeilen: "Bei den deutschen Medien möchte ich mich
dafür entschuldigen, dass wir hier immer noch keinen
Super-GAU wie in Tschernobyl haben.“ "Natürlich“, so ist in
einer weiteren E-Mail zu lesen, sei es "more sexy, über
Reaktorkatastrophen zu reden. Wenn ich das so lese, habe ich
das Gefühl, als ob es manche kaum abwarten können, bis das
hier tatsächlich in die Luft geht.“ "Zum Glück“, fasst der
Autor jener Vermutung zusammen, "lesen Japaner aber dieser
Tage kaum ausländische Presse
______________________________________________
Ganz nah am
Reaktor
die Welt 20.3.2011
Deutschland
streitet wieder über die Kernkraft.
Doch wie denken jene Menschen über
Fukushima, die unsere Meiler
steuern? Ein Ortstermin im
Atomkraftwerk Brokdorf
Zwischen
Elbe-Deich und dem Wassergraben,
der das Kernkraftwerk Brokdorf
umgibt, steht ein kleiner
Gedenkstein mit einer
verwitterten Holztafel. Auf der
Inschrift steht: "Den Toten,
Kranken und Vertriebenen von
Tschernobyl." Verharrt man drei
Minuten vor der kleinen
Gedenkstätte, kommen zwei
stämmige Mitarbeiter des
Werkschutzes in einem silbernen
Kleinwagen vorgefahren und
erkundigen sich freundlich, ob
sie helfen könnten. Weggeräumt
wird die mit einem Kreuz
verzierte Mahntafel im Schatten
der Doppelzäune jedoch nie.
Brokdorf
ist eines von 17 deutschen
Atomkraftwerken in Deutschland.
Die Katastrophe in Japan hat die
Meiler hierzulande zurück ins
Bewusstsein geholt. Es wird
wieder über einen Atomausstieg
gestritten, fünf alte AKW wurden
vom Netz genommen, zwei stehen
ohnehin seit Jahren still.
Brokdorf kann nach der
Laufzeitverlängerung noch bis
2033 Strom erzeugen. Oder
erzwingt die Debatte ein
früheres Aus?
An diesem
nasskalten März-Donnerstag ist
die Grenze zwischen der
hellgrauen Reaktorkuppel und dem
wolkenverhangenen Himmel kaum
auszumachen. Der kleine Ort an
der Elbemündung hat zwar nur
1000 Einwohner, er kann sich
aber dennoch ein Sportzentrum,
ein beheiztes Freibad mit
Riesenrutsche und eine
Eislaufhalle leisten.
Eine
tiefrote Bandenwerbung zeigt,
wem der Ort diesen Luxus zu
verdanken hat: der "E.on
Kernkraft GmbH". Die Leute hier
wissen das. Mag Atomkraft jetzt
wieder viele Gegner haben: In
der Wilstermarsch, im äußersten
Südwesten Schleswig-Holsteins,
kommt keiner auf die Idee, zur
Menschenkette um den Meiler zu
trommeln.
500 Männer
und Frauen aus Brokdorf,
Glücksstadt oder Itzehoe
steuern ihre
Mittelklassewagen jeden Tag
durch das stählerne Werkstor,
strömen durch die
Personenkontrolle sowie die "Vereinzeler"
genannten Zutrittsschleusen und
verteilen sich über das
weitläufige Gelände hinter dem
Deich. Besuchergruppen sind
jetzt seltener geworden, seit
die
Bilder der japanischen
Atomkatastrophe die Zeitungen
und Fernsehkanäle füllen. Erst
am Montag hatte eine
Realschulklasse aus Glücksstadt
ihre AKW-Besichtigung abgesagt.
"Ich kann jetzt einfach kein
Atomkraftwerk betreten", hatte
die Lehrerin gesagt.
Hauke
Rathjen schüttelt darüber den
Kopf. "Gerade jetzt sollte man
sich doch informieren", sagt der
Leiter der Öffentlichkeitsarbeit
in Brokdorf. Er konnte die
Pädagogin nicht umstimmen und
bleibt nun auf seinen rot-gelben
AKW-Anstecknadeln mit der
Aufschrift "Klimaschützer -
bitte nicht abschalten" ebenso
sitzen wie auf den Broschüren
mit dem Titel: "Warum
Tschernobyl bei uns nicht
passieren kann."
Der
Vorfall ist symptomatisch:
Obwohl Analysen über das
japanische Unglück oder neue
Erkenntnisse über deutsche
Meiler noch nicht vorliegen,
sind viele Menschen von der
Macht der Bilder überwältigt.
Die Leute sehen die
verzweifelten Rettungsversuche
in Fukushima, in ihren Köpfen
sind die Bilder der Explosionen
abgelegt. Da können die
Atomtechniker in Brokdorf noch
so argumentieren: Gegen die
Bilder aus Japan kommen sie
nicht an. Und regelrecht wütend
werden sie, wenn sie die
Diskussionsrunden
im Fernsehen verfolgen.
"Es drängt
sich der Eindruck auf, dass wir
einfach nur zum Abschuss
freigegeben wurden", sagt
Joachim Stüber, 57 Jahre alt und
stellvertretender
Produktionsleiter in Brokdorf.
Kaum einer zeige wirklich
Erkenntnisinteresse. Anklagend
ist die Tonlage, die Leute wie
Stüber von draußen erreicht;
drinnen im Atomkraftwerk ist die
Stimmung auch deshalb leicht
gereizt. Die ganze Debatte, so
sehen es die Techniker und
Ingenieure, wird ohne jene
geführt, die am meisten
Sachkenntnis beizutragen hätten.
Das
Kernkraftwerk Brokdorf ist 1986
ans Netz gegangen, drei Monate
nach der Reaktorkatastrophe von
Tschernobyl. Es war weltweit der
erste Meiler, der nach dem GAU
in der Ukraine in Betrieb
genommen wurde. Das Kraftwerk,
das mit 1460 Megawatt zu den
leistungsstärksten in
Deutschland gehört, gilt selbst
unter Atomkritikern als eher
unauffällig. Erst ein Mal
ereignete sich dort ein
sogenannter INES-1-Vorfall - das
ist die unterste Stufe auf der
"International Nuclear Event
Scale", die die Schwere von
Reaktorpannen in sieben
Kategorien einteilt. Im
vergangenen Jahr zählte Brokdorf
zu den drei produktivsten
Kraftwerken der Welt. Der Meiler
erzeugte zwölf Milliarden
Kilowattstunden Strom. Hätte man
diese Menge Elektrizität mit dem
durchschnittlichen deutschen
Kraftwerkspark produziert, wären
13 Millionen Tonnen Kohlendioxid
mehr in die Atmosphäre gepustet
worden. Aber auch die Angst vor
dem Klimawandel hat derzeit
keine Chance gegen die Bilder
aus Japan. Kurz gesagt: Die
Mitarbeiter in Brokdorf
empfinden es als ziemlich
unausgewogen, wie derzeit über
die Vor- und Nachteil von
Atomkraft diskutiert wird.
"Man geht
schon mit einem anderen Gefühl
zur Arbeit", sagt Hans-Dieter
Dirksen, 54. Und damit ist nicht
gemeint, dass er an seinem Job
zweifelt. Der Ingenieur hat
seinen Arbeitsplatz im
Allerheiligsten des
Kernkraftwerks, der Leitwarte.
Sie liegt im inneren
Sicherheitsbereich hinter einer
vierzig Zentimeter dicken
Stahltür und ist nur durch eine
weitere Personenschleuse zu
erreichen. Am zentralen Pult der
Leitwarte überwacht der
Schichtleiter auf zahllosen
Monitoren und Messinstrumenten,
dass in allen Rohren der Druck
stimmt und die Temperaturen
stets der Norm entsprechen.
Dirksen trägt mit seinen
Mitarbeitern die unmittelbare
Verantwortung für den
reibungslosen Betrieb des
Atomkraftwerks Brokdorf.
Seine
Augen blicken durch eine
Nickelbrille über die Monitore
vor ihm. Hat sich etwas für ihn
geändert, seit in Fukushima die
Sicherheitsstandards der
Atomindustrie in Rauch
aufgegangen sind? Schleicht die
Angst, die weite Teile der
Bevölkerung ergriffen hat, auch
in die AKW-Leitwarten? "Angst
habe ich nicht", sagt Dirksen.
"Wir haben Vertrauen zu dieser
Technik." Und das "Restrisiko",
das jetzt alle diskutieren und
neu bewerten? "Ich kann mit dem
Restrisiko leben und damit
umgehen."
In Japan
kämpfen 50 Männer unter Einsatz
ihres Lebens gegen den
Super-GAU. Käme es hier in
Brokdorf zur Katastrophe, wären
Dirksen und sein Kollege Stüber
womöglich auch Teil einer
solchen Gruppe. Können sie sich
vorstellen, ihr Leben ebenso
einzusetzen wie es die
japanischen Kollegen gerade tun?
Diese Frage beschäftigt Joachim
Stüber seit Tagen. "Ich
vergleiche das mit der
Situation, in der wir hier bei
den jährlichen unangemeldeten
Sicherheitsübungen sind", sagt
er. "Da muss man unter Aufsicht
von Gutachtern völlig krasse
Szenarien meistern, die zum Teil
technisch oder physikalisch
sogar unmöglich sind. Man spielt
dann nur seine Rolle, schaut
nicht auf die Uhr, man trinkt
und isst nichts und vergisst
stundenlang alles um sich herum,
bis die Aufgabe gelöst ist." So,
sagt Stüber, stellt er sich das
auch bei den 50 Helden von
Fukushima vor.
Mitarbeiter deutscher
Atomkraftwerke müssen regelmäßig
Sicherheitslehrgänge besuchen.
In einem "Simulatorzentrum" in
Essen sind die Leitwarten aller
Atomkraftwerke eins zu eins
nachgebaut. Dort wird der
Ernstfall trainiert. Stüber
absolvierte seinen letzten Kurs
wenige Tage vor dem Atomunfall
in Japan. "Es war Zufall, aber
wir hatten dort gerade einen
'Station Black Out' geübt." Das
ist ein kompletter Stromausfall
der gesamten Anlage. So wie er
in Fukushima durch den Tsunami
ausgelöst wurde. Die
Betriebsmannschaft muss dann
ohne externe Hilfe versuchen,
den Reaktor zu stabilisieren.
Was im Simulator gelang, ging in
Japan daneben. "Wenn man drei
Tage später im Fernsehen diese
Bilder sieht, wird man doch
etwas nachdenklich", sagt
Stüber.
Uwe
Jorden, 55, gehen die Vorgänge
in Japan besonders nah. Der
Leiter des Kernkraftwerks
Brokdorf hatte Ende der
90er-Jahre zwei Wochen lang das
Kernkraftwerk Onagawa in Japan
besucht. "Mein Betreuer hatte
mich damals auch in Sendai zu
sich nach Hause eingeladen",
sagt Jorden: "Die Stadt ist
heute dem Erdboden
gleichgemacht." Für die Kollegen
in Japan empfindet Jorden ein
sehr "schmerzliches Mitgefühl".
Auch den
Brokdorf-Chef bewegt seit gut
einer Woche ständig die Frage,
ob und wie er selbst so eine
Situation meistern würde. "Ich
versetze mich natürlich in die
Situation meines Kollegen an
derselben Stelle in Japan", sagt
Jorden. "Würde ich bleiben?
Natürlich. Und dessen ist sich
auch meine Frau bewusst: ,Du
bist der Kapitän auf dem
Schiff', hat sie gesagt."
Wenn man
in die Situation hineinwächst,
glaubt Jorden, "dann hat man nur
sein Ziel und die Aufgabe vor
Augen - und blendet die Gefahr
für das eigene Leben aus". So
ein Verhalten habe man
schließlich schon bei anderen
existenziellen Krisen und
Katastrophen beobachtet: "Die
Leute tun, was getan werden
muss. Sie brechen, wenn
überhaupt, erst hinterher
zusammen."
Der
technische Standard, die
sogenannte Auslegung des
Atomkraftwerks Brokdorf, ist mit
derjenigen in Fukushima nicht zu
vergleichen. Hier ein einzelner
Druckwasser-Reaktor mit zwei
getrennten Wärmekreisläufen,
dort eine ganze Kette von sechs
Siedewasser-Reaktoren mit
jeweils einzelnen
Wasserkreisläufen. Das
Abklingbecken für benutzte
Brennstäbe liegt in Japan
außerhalb des
Sicherheitsbehälters, in
Deutschland ist es innerhalb des
"Containments". Anders als
Fukushima verfügt Brokdorf über
einen Bunker mit einer zweiten
"Notleitwarte", vier weiteren
Diesel-Aggregaten und
zusätzlichem Kühlinventar.
Wasserstoff-Explosionen, wie sie
in Fukushima die Reaktorgebäude
zerfetzten, sind in Brokdorf
unwahrscheinlich, weil hier
unter der Reaktorkuppel in
Deutschland chemische
Katalysatoren verbaut sind, die
durch eine "autokatalytische
Verbrennung" die Bildung von
Knallgas von vornherein
verhindern. Brokdorf werde
ständig nachgerüstet, sagt
Jorden: "Wir investieren pro
Jahr zwischen 40 und 50
Millionen Euro in die Anlage."
Trotz
dieser Unterschiede könne er die
Entwicklung des dramatischen
Störfalls in Japan nicht
bewerten, sagt Jorden. Was dort
falsch gelaufen ist, vermöge er
aus dieser Entfernung nicht zu
beurteilen. "Ich maße mir nicht
an, da irgendeine Kritik zu
üben", sagt er: "Ich habe auch
zu keinem Zeitpunkt gedacht:
'Wie konntet ihr nur'?" Gerade
deshalb hat der Kraftwerksleiter
auch nicht viel Verständnis für
die von der Bundesregierung
gerade angeordnete Abschaltung
der sieben ältesten deutschen
Meiler für drei Monate.
An der
Sicherheit der Anlagen habe sich
ja schließlich nichts geändert.
Und sicherer würden sie durch
die Betriebsunterbrechung auch
nicht. "Es macht mich
fassungslos, wie in Deutschland
damit umgegangen wird", sagt Uwe
Jorden. "Das ist nur
Aktionismus, ohne Sinn und
Verstand."
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Das
atomare Feuer bändigen