Pro Mittelstand NRW

Der Mittelstand pro NRW ist einer von mehreren Arbeitskreisen der Bürgerbewegung pro NRW, der seine politischen Inhalte und Ziele auf dieser Internetseite vorstellt und diese im Gesamtverband in den innerparteilichen Diskussionsprozess einbringt


Populismus scheuen die Sozialisten bei Anderen wie der Teufel das Weihwasser, denn es war und ist ihre eigene Erfolgstaktik!

 

 

"Wollt Ihr Butter oder Kanonen?" war die ideologische Frage an die Eltern und Großeltern um 1933 ff.

"Wollt Ihr Atomkraft oder erneuerbare Energien?" ist die ideologische Frage an die Kinder,

es  wird der energiepolitische Untergang folgen, bar jeder Vernunft. Wie bei Eltern & Großeltern!

Die Deutschen lernen's nie?

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Abschaltung Atomkraftwerke:Hart am Abgrund die Welt 20.5.2011

So unsicher, wie die deutsche Stromversorgung am kommenden Wochenende sein wird, war sie noch nie zuvor. Die Atomkraftwerke, die bislang fast ein Viertel zur Bedarfsdeckung beitragen, sind mit der beginnenden Revision des AKW Emsland bis auf einen kleinen Rest alle abgeschaltet: Dies liegt vor allem an der deutschen Politik - an der "Atomwende" der Bundesregierung. Einige Meiler stehen aber auch deshalb still, weil dort lang geplante Wartungsarbeiten anstehen, die aus Gründen der Sicherheit nicht verschoben werden dürfen. Der Beitrag eines weiteren Fünftels der deutschen Stromversorgung ist wetterabhängig.

Aber wahrscheinlich wird wieder alles gut gehen. Die Netzbetreiber betonen, alles im Griff zu haben, trotz der bislang größten Herausforderung für ihren Berufsstand. Unwahrscheinlich also, dass am Wochenende die Lichter ausgehen, Straßenbahnen stehen- und Fahrstühle steckenbleiben, auch wenn im Vorfeld niemand das Blackout-Risiko wirklich bestimmen kann. Fest steht nur eins: Bleibt die Stromversorgung über die nächsten zwei Wochen stabil, werden die Atomkraftgegner das zum Beweis dafür nehmen, wie gut Deutschland ja ganz offensichtlich auf die ungeliebten Meiler verzichten kann. Doch mit diesem Argument ist es nicht weit her. Es unterschlägt, dass Deutschland seit Beginn des Atom-Moratoriums jetzt auch in der Stromversorgung nicht mehr autark ist, sondern erhebliche Elektrizitätsmengen aus dem europäischen Ausland importieren muss. Es unterschlägt auch, dass die Netzstabilität schon jetzt nur durch den zusätzlichen Betrieb von Kohlekraftwerken aufrecht erhalten werden kann.

Schon heute kommen die Netzbetreiber mit den Folgen des Atom-Moratoriums nur zurecht, weil sie eigentlich anstehende Wartungs-, Reparatur- und Ausbauarbeiten an den Leitungen und Masten erst mal auf Eis gelegt haben. Das Stromnetz ist auch deshalb nur noch leidlich stabil, weil die Netzbetreiber inzwischen fast pausenlos durch so genanntes "Redispatching" in den Markt eingreifen: Sie weisen einzelnen Kraftwerksbetreibern kurzerhand ganz neue Kunden und Stromabnehmer zu, einzig und allein, damit die Leitungsnetze auf bestimmten Strecken nicht kollabieren. Die Kosten, die entstehen, wenn Kaufverträge zwischen Stromlieferant und Kunde auf diese Art aufgehoben werden, sind immens. Sie werden nach einiger Verzögerung über die Netznutzungsentgelte auf den Stromverbraucher umgelegt. Der kostenträchtige Markteingriff des Netzbetreibers, früher nur begrenzt eingesetzte Notfallmaßnahme, ist heute tägliche Übung. All das hätte sich vermeiden lassen, wenn es die Energiepolitik gleich zu Beginn der ökologischen Energiewende verstanden hätte, erneuerbare Energien nur im Gleichschritt mit Stromleitungen und Stromspeichern auszubauen und ansonsten hektische Kehrtwenden zu vermeiden.

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Konjunktur der Angst  die Welt 23.3.2011

Dass viele Menschen nicht mehr unter dem Damoklesschwert der Atomkraft leben wollen, ist verständlich. Doch erneuerbare Energien können die Last noch lange nicht schultern. Deshalb ist jetzt die Zeit für Kompromisse

Die deutsche Energiepolitik soll drei Ziele verfolgen: Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit, Umweltschutz. Das ist geltendes Recht, niedergelegt in der Präambel des Energiewirtschaftsgesetzes. In der vergangenen Woche ist aus diesem oft zitierten Zieldreieck ganz ohne parlamentarisches Zutun ein Quadrat geworden: atomstromfrei soll die Energie der Deutschen jetzt auch sein. Seit Tagen zirkulieren im politischen Berlin unzählige Strategiepapiere, Blaupausen und Konzepte, die sich darin überbieten, den schnellsten Weg aus der Atomwirtschaft zu weisen. Die meisten dieser Konzepte setzen auf den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien wie Wind- und Sonnenkraft.

Gelesen werden diese Konzepte selten. Doch die medial verbreiteten Überschriften prägen sich ein: 100 Prozent erneuerbare Energien sind machbar. Eine Aussage, die für die abschließende Meinungsbildung vieler Menschen offenbar schon ausreicht. Nach den Prämissen, Kosten und Konsequenzen der vorgeschlagenen Strategien wird nicht lange gefragt. Warum auch? Wenn es denn geht, dann bloß weg mit den Atommeilern, koste es, was es wolle. Dieser Impuls ist angesichts des nuklearen Desasters in Japan verständlich. Niemand sitzt gern unter dem atomaren Damoklesschwert, ganz gleich, wie gering das Restrisiko einer vergleichbaren Katastrophe auch immer sein mag.

Der Verzicht auf Atomkraftwerke in Deutschland ist zwar machbar, daran gibt es wenig Zweifel. Doch wer den Atomausstieg will, muss auch die Konsequenzen tragen wollen. Konsequenzen, über deren Tragweite sich derzeit niemand einen genauen Begriff macht. Die Politik braucht aber Konzepte, wie sie jede einzelne der nötigen Kompensationsmaßnahmen um- und durchsetzt. Dass das im Einzelfall nicht einfach sein dürfte, hat jüngst das Fiasko bei der Einführung des Biosprits E10 gezeigt. Was hat Biosprit mit Atomkraft zu tun? Sehr einfach: Verkehr und Stromversorgung sind über den Emissionshandel Teile eines großen Gesamtsystems. Mithilfe der Atomkraftwerke spart Deutschland derzeit pro Jahr in etwa so viel CO2 ein, wie der gesamte deutsche Straßenverkehr in die Atmosphäre bläst. Wer also die größte CO2-freie Energiequelle Deutschlands einfach ausknipst, muss den Klimaschutz an anderer Stelle entsprechend verschärfen.

Und da geht es dann ans Eingemachte, wie ein Blick in das Konzept "Energie 2050" der Grünen zeigt. Tempolimit 120 auf allen Autobahnen, Tempo 80 auf allen Landstraßen. 15 Prozent Biokraftstoffe bis 2020. Belastung des Flugverkehrs mit Kerosinsteuer und CO2-Abgaben - also das Ende der Billigfliegerei, wie wir sie kennen. Die bisher gültigen Abstands- und Höhenbegrenzungen für Windkraftanlagen fallen weg. Die Windparks können damit ganz nah an die Dörfer und Städte heranrücken. Auch in Wäldern und Naturschutzgebieten wird man künftig auf Windräder stoßen.

Man kann all das wollen und für erträglich halten. Es ist ja "immer noch besser, als den Strahlentod zu sterben", wie es in den Internetforen heißt. Aber es bleibt fraglich, ob all diese Einzelmaßnahmen jeweils gegen Partikularinteressen durchsetzbar sein werden. Schon im vergangenen Jahr löste der Versuch der Bundesregierung, das Null-Energiehaus zum Standard zu erklären und Immobilienbesitzer zu kostenträchtigen Sanierungen zu verpflichten, einen Aufstand von Hauseigentümern und Mietern aus. Die Einführung des Bio-Sprits E10 droht derzeit am Kaufboykott der Autofahrer zu scheitern. Umweltschützer protestieren gegen die Anlage von Stauseen im Schwarzwald, obwohl die als Ökostromspeicher dringend gebraucht werden, wenn mit der Atomkraft kurzfristig ein Viertel der deutschen Stromversorgung ersetzt werden muss. Wird die Akzeptanz für solche Maßnahmen in der Bevölkerung plötzlich da sein, nach Fukushima?

Zweifel sind erlaubt. Denn einmal wird die Erinnerung an die japanische Katastrophe verblassen, und dann werden wieder Klimaängste oder Konjunktur- und Arbeitsplatzsorgen in den Vordergrund drängen. Bis zu diesem Zeitpunkt könnten die finanziellen Kosten des Systemumbaus aber eine Dimension erreicht haben, die die ökologische Energiewende auch zu einer sozialen Frage macht. Die Gefahr "energiepreislich bedingter Armut verschiedener gesellschaftlicher Gruppen" thematisieren auch die Grünen in ihrem Energiekonzept. Deshalb sollen für einkommensschwache Haushalte "Fonds" aufgebaut, Zuschüsse, Anreize und Förderungen ausgeteilt werden. Geben das die öffentlichen Kassen auf einmal wieder her?

Politisch durchsetzbar, das ist zumindest die Lehre aus dem E10-Desaster, sind kostenträchtige Einschnitte nur, wenn das Gesamtkonzept dahinter stimmt. Doch sind die Energiewendekonzepte wirklich plausibel? Die Grünen gehen davon aus, dass sich der Stromverbrauch in Deutschland bis 2020 um zwölf Prozent verringern lässt. Bislang aber hat der Trend zu größeren Wohnflächen, zu Single-Hauhalten und mehr elektronischen Haushalts- und Unterhaltungsgeräten alle politisch verordneten Energiesparprogramme überkompensiert. Soll halt "die Industrie" mehr Energie sparen, heißt es dann oft etwas hilflos. Ein Argument, das übersieht, dass Deutschland bereits zu den drei energieeffizientesten Volkswirtschaften der Welt gehört. Lässt sich unter diesen Voraussetzungen also der deutsche Stromverbrauch in kürzester Zeit um zwölf Prozent senken, wenn zugleich noch zwei Millionen Elektroautos bis 2020 auf die Straße sollen? Unwahrscheinlich, dass so ein ambitioniertes Ziel ohne dirigistische, planwirtschaftliche Maßnahmen und ohne fühlbare Einschränkungen der Lebensqualität umsetzbar sein soll.

Es gibt aber auch eine Alternative: Wir lassen uns mehr Zeit. Die Kosten des Atomausstiegs fallen umso höher aus, je rascher er umgesetzt werden soll. Eine hektische Energiewende trägt wegen der absehbar hohen Folge- und Nebenkosten den Keim des politischen Scheiterns bereits in sich. Oder wir verfolgen bei der ökologischen Energiewende einen überlegten, besonnenen Kurs, dessen Erfolg nachhaltiger ist, weil er die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Systemumbruchs berücksichtigt und mildert. Die Bundesregierung muss ihre aktionistische Atompolitik beenden. Das wäre schon mal ein Anfang.

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Apokalypse jetzt! Wir Deutschen sollten uns schämen  die Welt 28.3.2011

Nirgends sonst wird so rücksichtslos und falsch über das Atomunglück in Japan geredet wie hier. Eine Empörung.

Wir haben die Freundschaft der Japaner in ihrer größten Krise nach dem Zweiten Weltkrieg bitter enttäuscht. Es stimmt: In vielen Ländern reagierten die Medien und die Menschen verstört, schockiert, ungläubig auf die Ereignisse in Japan.

Aber Hysterie, Unprofessionalität und vor allem Gefühl- und Taktlosigkeit bis zum Zynismus: das war das ganz besondere Markenzeichen der deutschen Reaktion. Und zwar nicht nur der Medien. Die deutsche Haltung zu Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe war eine Aneinanderreihung von peinlichen Desastern.

Apokalpyse – ein "angebrachter" Begriff?

Es war, als ginge für die Deutschen eine Welt unter. Weniger, weil man Angst um Landsleute hatte (die hatte man auch, wie Außenminister Guido Westerwelle gleich in seinen ersten Stellungnahmen taktvoll betonte), sondern weil Theologieprofessor Jürgen Manemann schon am 12. März die Schicksalsfrage aufwarf: "Bleiben wir weiterhin apokalypseblind?" Nein, das wollten die Deutschen sich keineswegs vorwerfen lassen.

Ein Vergleich auf Google Trends belegt: In keiner anderen Nation des Westens wurde nach dem 11. März so häufig und intensiv über die Apokalypse gesprochen wie in Deutschland. Nach Meinung von Bundeskanzlerin Angela Merkel besaß die Katastrophe "ein geradezu apokalyptisches Ausmaß" – "durchaus ein angebrachter Begriff", wie auch EU-Energiekommissar Günther Oettinger befand.

David McAllister, Ministerpräsident von Niedersachsen, wollte wegen der Apokalypse auch nicht gleich wieder "zur Tagesordnung übergehen". Genausowenig die Grünen in Bayern und Hessen, die eine "Apocalypse now! einforderten.

"Apokalpyse" gibt es im Japanischen nicht

Die evangelische Kirche veröffentlichte ein dazu passendes Gebet mit dem Titel "Apokalypse Japan". Evangelikale Christen sahen das Geschehen in einem Land, dessen Bevölkerung zu 99 % nicht an den christlichen Gott glaubt, als "ein apokalyptisches Zeichen im biblischen Sinn".

VELKD-Bischof Gerhard Ulrich sagte in einer Predigt noch am 20. März, seit Tagen tobe in Japan die Apokalypse. Das bewog die "Spiegel"-Redaktion, in einer stundenlangen Redaktionskonferenz, verstärkt durch gebürtige Japaner, darüber nachzudenken, was "Apokalypse" auf Japanisch heißt.

Ich konnte es ihr auch nicht erklären. Denn dieses Wort gibt es im japanischen Sprachschatz nicht. Sehr zum Erstaunen der deutschen Öffentlichkeit wollen sich die Japaner auch nach gut zwei Wochen noch nicht damit abfinden, dass die Sonne, bildlich gesprochen, für sie untergegangen sein soll.

Kein Massenumzug von Japanern in die BRD

Und das, obwohl Tausende von Deutschen von Herzen kommende, aber grausam taktlose Evakuierungsangebote machten: Man habe noch ein Landhaus am Gardasee, da könne man eine vierköpfige Familie unterbringen – und dergleichen.

Bislang ist von einem Massenumzug von Japanern ins kalte Deutschland allerdings nichts zu spüren. Eine "Spiegel"-Redakteurin fragte deshalb halb entrüstet bei dem Philosophen Kenichi Mishima nach, warum denn die Japaner so verbohrt seien, weiterhin in Japan leben zu wollen?

Ob es dafür kulturelle oder philosophische Gründe gebe? Mishima entschied sich, darauf nicht zu antworten. Der "Frankfurter Rundschau" warf er angesichts ähnlich absurder Fragen vor, ihn, den Linksintellektuellen, zum Abwehrnationalismus verführen zu wollen.

Der Japan-Einsatz des Technischen Hilfswerks

Wenn denn die Japaner nicht nach Deutschland kommen wollten: Sollte man dann nicht zu ihnen gehen und ihnen beim Weltuntergang helfen? Das Technische Hilfswerk zum Beispiel war ganz schnell in Japan – "trotz Strahlungsgefahr", wie man gleich großspurig lesen durfte, denn, so sagte der THW-Präsident Broemme: "Hier schwingt schon ein bisschen Angst mit."

Dass die Deutschen dennoch kamen, wurde in japanischen Medien dankbar vermerkt. Ein blonder junger Freiwilliger aus Deutschland erklärte stolz in einem Fernsehinterview, die THW-Helfer seien professionell auf ihre Mission vorbereitet. Drei Einsätze führte das THW in Japan durch: der erste wurde wegen einer Tsunami-Warnung abgebrochen – das war unvermeidlich.

Der zweite wurde abgebrochen, weil die Dunkelheit hereinbrach – da hätte auch ein rechtzeitiger Blick auf die Uhr helfen können. Und der dritte wurde abgebrochen wegen heranziehender Radioaktivität. Das war offenbarer Verfolgungswahn.

THW spricht von einem "chaotischen Einsatz"

Die Japaner waren höflich genug, die Deutschen danach noch kurzzeitig in der Etappe einzusetzen, um die Einsätze anderer ausländischer Teams zu koordinieren. Anschließend geleiteten die deutschen Spezialisten "einige deutsch-japanische Ehepaare" aus der Gegend um Sendai nach Tokyo. Nach sieben Tagen reiste das THW ab: Es gebe nichts mehr zu retten. Das Rettungsgerät ließ man übrigens in Japan zurück.

Einen Tag später traf das türkische Hilfsteam in Japan ein. Das koreanische Team, ungefähr dreimal so groß wie das deutsche und gleichzeitig eingetroffen, verließ Japan erst am 23. März.

Da hatte das THW in Deutschland bereits zwei Botschaften verbreitet: Man sei haarscharf nicht radioaktiv verseucht worden (das interessierte die deutsche Öffentlichkeit am meisten), und es sei "ein eher chaotischer Einsatz" gewesen – was natürlich nicht den Deutschen anzulasten war, sondern den Japanern, von denen Bayerns Innenminister Herrmann behauptete, "die Funktionsweise ihres Katastrophenschutzes ist offensichtlich nicht optimal."

Lufthansa stellte ihren Flugverkehr schnell ein

Zu dieser Zeit hatte der japanische Katastrophenschutz gerade 400.000 Menschen unter schwierigsten Umständen zu betreuen. Ein anderer deutscher Rettungsdienst zog es vor, am Flughafen umzukehren.

Am 24. Januar, dem 150. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Preußen und Japan, taufte die Deutsche Lufthansa in Tokyo-Narita einen Airbus 380 auf den Namen "Tokyo"; natürlich mit Sake.

Vorstandschef Franz sagte damals vollmundig: "Wir bekräftigen mit diesem Bekenntnis unser Engagement in Asien." Am 15. März war die Lufthansa die erste große Fluggesellschaft, die bekannt gab, "aufgrund stark eingeschränkter Abfertigungsmöglichkeiten auf dem Tokioter Flughafen Narita" die japanische Hauptstadt nicht mehr anzufliegen.

Air France war die ganze Zeit weitergeflogen

Natürlich wussten die deutschen Medien sofort, dass der wahre Grund die deutsche Angst vor der Radioaktivität war. Peter Gauweiler war der einzige Prominente, der dagegen protestierte: "Das ist für das Ansehen unseres Landes, dessen Namen die Lufthansa zu tragen die Ehre hat, verheerend."

Hat das die Lufthansa gekümmert? Aber nein. Erst am 23. März gab sie bekannt, den Boykott Naritas aufzugeben. Der Konkurrent Air France/KLM war die ganze Zeit über weitergeflogen. Übrigens auch die Lufthansa-Tochter Swiss.

Das Gerücht, Lufthansa nutze den zusätzlichen Zwischenstop in Seoul, um die deutsche Crew durch eine japanische der Partnergesellschaft ANA zu ersetzen, wollte eine Pressesprecherin der Lufthansa "so nicht bestätigen".

NDR verwendete den Begriff "Wegwerfarbeiter"

Wäre es wahr, dann hätten wir einen deutschen Fall von "Wegwerfarbeitern". Jedenfalls wäre das wohl die Wortwahl des NDR-Reporters Robert Hetkämper gewesen. Hetkämper verkündete am 17. März, als er auf Anweisung der NDR-Zentrale wegen bedrohlicher Radioaktivität (immerhin 0,05 Mikrosievert/h) aus Tokyo geflohen war, in der MDR-Sendung "Brisant" und in der vom WDR produzierten "Aktuellen Stunde", im Kraftwerk Fukushima wie andernorts würden Obdachlose, Gastarbeiter und Minderjährige als "Wegwerfarbeiter" eingesetzt.

Der Begriff existiert im Japanischen nicht, aber das kann Hetkämper nicht wissen, weil er kein Japanisch spricht.

Berichte über "AKW-Zigeuner" gibt es schon lange

Er hätte wissen können, dass es seit Jahrzehnten Berichte über so genannte "AKW-Zigeuner" gibt, die unter dubiosen Umständen an der Grenze des Legalen Drecksarbeit in den Kraftwerken leisten.

Wahrscheinlich war es das, was Hetkämper von seinem Gewährsmann, einem Arzt in Osaka, erfuhr. Aber natürlich war Hetkämper nicht in Fukushima I, das er höchst suggestiv mit Hitlers Führerbunker verglich, und natürlich hat er nicht mit den Leuten gesprochen, die dort unter extremen Bedingungen extrem gefährliche Aufgaben verrichten.

Einige von ihnen haben japanischen Journalisten Interviews gegeben, aber Hetkämper kennt diese Journalisten anscheinend nicht.

Medien greifen Hetkämpers Behauptung auf

Nachdem Christoph Neidhart in der "Süddeutschen Zeitung" wenige Tage später erklärte, es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass in der gegenwärtigen Lage im AKW Fukushima I "Wegwerfarbeiter" eingesetzt würden, bequemte sich Hetkämper zu einem mehrdeutig formulierten Dementi: Der "Tagesschau" erklärte er in einem eigens zu diesem Zweck geführten Interview, es gebe "keine Bestätigung" für seine kühne Behauptung.

Außerdem räumte er noch ein paar Schnitzer ein, wie zum Beispiel die voreilige Meldung über eine Kernschmelze in Fukushima, die prompt von der Tagesschau verbreitet worden war. Alle diese Kleinigkeiten gingen aber wahlweise auf das Konto "einer ausländischen Zeitung" oder einer japanischen Nachrichtenagentur.

Inzwischen hatten sich aber die deutschen Medien landauf, landab die Behauptung Hetkämpers zu eigen gemacht – und jetzt wusste jeder Durchschnittsdeutsche, informiert durch "Spiegel", "Bild" und "Handelsblatt" in ewig gleichen Formeln: In Fukushima I sterben nicht Helden, sondern "Wegwerfarbeiter", Leibeigene, bedauernswerte Opfer einer vormodernen, menschenverachtenden Gesellschaft.

Die Angst – ein Meister aus Deutschland

Da war sie auf einmal wieder, die Angst vor dem "Arbeitsstaat Japan" mit seinen unterwürfigen gelben Ameisen, Samurai und Kamikazefliegern. Die den Irrsinn wagen, mit Wasserwerfern und Betonpumpen gegen hinterhältige Strahlenherde anzugehen. (So hieß es jedenfalls, bevor bekannt wurde, dass die fragliche Betonpumpe "Made in Germany" ist.)

Getarnt als Kulturkritik, wahlweise auch als Sozialkritik, entsteigt die Gelbe Gefahr ihrem Grab und geht um in Deutschland. Die Angst ist heute ein Meister aus Deutschland.

Wer solche Freunde hat, braucht keinen Super-GAU.

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Deutsche in Japan fühlen sich verhöhnt die Welt 23.3.2011

 

In Japan lebende Deutsche ärgern sich maßlos über die Atom-Hysterie ihrer Landesleute. Berichte vieler deutscher Reporter halten sie für "haarsträubend".

 "Für alle Märchenliebhaber! Wir sitzen auf der verstrahlten Terrasse und genießen radioaktiv verseuchte Lebensmittel!!!" So und ähnlich beginnen E-Mails von Deutschen in Japan an die Daheimgebliebenen, in denen die deutsche Atompanik aufs Korn genommen wird.

In Japan lebende Deutsche kritisieren, die deutsche Berichterstattung sei zu sehr auf das havarierte Kernkraftwerk konzentriert, während die Opfer des Tsunamis fast schon in den Hintergrund gerieten. Auch der gebürtige Passauer Christian Thoma, der seit 1981 in Japan lebt und heute in Tokio seine eigene Firma leitet, ist entsetzt angesichts der, wie er schreibt, "verdummenden Informationsstrategie, die nicht nur dem japanischen Volk Unrecht tut, sondern das Leid der Betroffenen und Angehörigen in einer unvertretbaren Weise eskaliert“.

 Die deutsche Berichterstattung über die Ereignisse in Japan nennt Thoma "haarsträubend“ und "schamlos“, wie etwa Berichte darüber, dass Bürger in Tokio Supermärkte stürmen, um ihre Keller und Tiefkühltruhen zu füllen. "Ich frage mich: welche Keller? Die meisten Häuser in Tokio haben weder Keller noch Tiefkühltruhen.“

 

"Haarsträubende" und "schamlose" Berichterstattung

 

Auch von einem "Stürmen“ der Supermärkte kann seiner Erfahrung nach keine Rede sein: "Die Kunden stehen sehr diszipliniert an der Kasse.“ Andere Medienberichte schildern das wirtschaftliche Chaos, da die Infrastrukturen wie Brücken und Straßen im gesamten Land zerstört seien. "Welche ein Unsinn!“, schreibt Thoma. "Zerstört ist lediglich die Infrastruktur der betroffenen Gebiete. Die Infrastruktur in den anderen Teilen Japans, die ca. 80 Prozent der Wirtschaftsleistung erzielen, ist völlig unversehrt.“ So überlebten zwei Japaner neun Tage unter Trümmern. Auch darüber, dass in der westlichen Welt das Tragen von Atemschutzmasken als Zeichen der Panik interpretiert werden, können deutsche Expatriates in Japan nur lächeln. In jedem Winter tragen Millionen von Japanern solche Masken, um sich vor Viren zu schützen. Zudem gehen viele Menschen hier zur Arbeit, obwohl sie krank sind. Um ihre Arbeitskollegen zu schützen, tragen sie Masken.

 Aber es ist nicht nur die Medienberichtserstattung, die unter Deutschen in Tokio Groll erzeugt. Auch, dass die deutsche Botschaft sich fluchtartig nach Osaka "verkrümelt“ hat, aber weiterhin vollmundig per E-Mail jede Unterstützung zusagt, wird als "blanker Hohn“ beschrieben. Auch Thoma kritisiert die deutsche Botschaft als verantwortungslos, denn "obwohl viele in der Botschaft registriert sind, hält man es nicht einmal notwendig, die Deutschen in Japan zu kontaktieren, weder per E-Mail, noch per Telefon.“

 Auch für die Aufforderung vieler deutscher Unternehmen, ihre deutschen Angestellten mögen das Land verlassen, hat Thoma kein Verständnis. "Gott sei dank gibt es auch noch einige Firmen, deren deutsche Vorstände in Japan bleiben, um ihren Angestellten in der Not beizustehen.“ Eigentlich sei dies eine Selbstverständlichkeit, "wohl aber nicht für viele große Firmen, deren hoch bezahlte Vorstände das Weite suchen und ihre Mitarbeiter im Stich lassen. Diese Leute werden auch häufig Führungskräfte genannt“, resümiert Thoma sarkastisch.

."Wir schätzen die Anteilnahme wirklich“, ist in einer anderen E-Mail ist zu lesen, "aber wenn ich internationale TV-Sender einschalte oder die eingehenden Mails lese, fühle ich mich plötzlich, als ob ich einen Drink oder eine tröstende Umarmung bräuchte.“ Das immer wiederkehrende Motiv vieler Wut-Mails aus Fernost lautet: Wir bleiben in Tokio, nicht, um als Helden in die Geschichte einzugehen, sondern weil wir es der japanischen Gesellschaft gerade jetzt schuldig sind, unsere Aufgaben zu erfüllen.

 

Keine Panik, keine Gewalt, keine Plünderungen

 

Und für westliche Beobachter noch erstaunlicher: "Es gibt keinerlei Panik in der Stadt, keine Gewaltausbrüche, keine Plünderungen. Japan ist völlig sicher.“ Ein anderer Mailschreiber stellt die rhetorische Frage, wie er "jemals wieder vor Studenten stehen und ihnen etwas von Wirtschaftsethik, Unternehmensführung, Verantwortung, Vorbildern und Führungsstärke beibringen soll, wenn ich mich nicht entsprechend verhalte?“ Schließlich wisse jeder, der nach Japan geht, dass sich hier jederzeit Erdbeben ereignen können. Traditionell werden Leichen in Japan verbrannt. Doch wegen der Vielzahl der Opfer, und weil Krematorien zerstört wurden, muss vorerst meist beerdigt werden – auch in Massengräbern.Erschütterung erzeugt auch die Konzentration auf die Unfälle in Fukushima, während die Tausenden Opfer des Tsunamis fast schon in den Hintergrund geraten. "Diese Leute interessieren sich nicht für Merkels Notfallprogramm für den eigenen Machterhalt“, ist zu lesen. Manch einer möchte sich angesichts der Art und Weise, wie Fukushima "für alle möglichen Agenden in Deutschland missbraucht wird“, fast schon "schämen, Deutscher zu sein“. Sarkastisch auch diese Zeilen: "Bei den deutschen Medien möchte ich mich dafür entschuldigen, dass wir hier immer noch keinen Super-GAU wie in Tschernobyl haben.“ "Natürlich“, so ist in einer weiteren E-Mail zu lesen, sei es "more sexy, über Reaktorkatastrophen zu reden. Wenn ich das so lese, habe ich das Gefühl, als ob es manche kaum abwarten können, bis das hier tatsächlich in die Luft geht.“ "Zum Glück“, fasst der Autor jener Vermutung zusammen, "lesen Japaner aber dieser Tage kaum ausländische Presse

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Ganz nah am Reaktor die Welt 20.3.2011

Deutschland streitet wieder über die Kernkraft. Doch wie denken jene Menschen über Fukushima, die unsere Meiler steuern? Ein Ortstermin im Atomkraftwerk Brokdorf

Zwischen Elbe-Deich und dem Wassergraben, der das Kernkraftwerk Brokdorf umgibt, steht ein kleiner Gedenkstein mit einer verwitterten Holztafel. Auf der Inschrift steht: "Den Toten, Kranken und Vertriebenen von Tschernobyl." Verharrt man drei Minuten vor der kleinen Gedenkstätte, kommen zwei stämmige Mitarbeiter des Werkschutzes in einem silbernen Kleinwagen vorgefahren und erkundigen sich freundlich, ob sie helfen könnten. Weggeräumt wird die mit einem Kreuz verzierte Mahntafel im Schatten der Doppelzäune jedoch nie.

Brokdorf ist eines von 17 deutschen Atomkraftwerken in Deutschland. Die Katastrophe in Japan hat die Meiler hierzulande zurück ins Bewusstsein geholt. Es wird wieder über einen Atomausstieg gestritten, fünf alte AKW wurden vom Netz genommen, zwei stehen ohnehin seit Jahren still. Brokdorf kann nach der Laufzeitverlängerung noch bis 2033 Strom erzeugen. Oder erzwingt die Debatte ein früheres Aus?

An diesem nasskalten März-Donnerstag ist die Grenze zwischen der hellgrauen Reaktorkuppel und dem wolkenverhangenen Himmel kaum auszumachen. Der kleine Ort an der Elbemündung hat zwar nur 1000 Einwohner, er kann sich aber dennoch ein Sportzentrum, ein beheiztes Freibad mit Riesenrutsche und eine Eislaufhalle leisten.

Eine tiefrote Bandenwerbung zeigt, wem der Ort diesen Luxus zu verdanken hat: der "E.on Kernkraft GmbH". Die Leute hier wissen das. Mag Atomkraft jetzt wieder viele Gegner haben: In der Wilstermarsch, im äußersten Südwesten Schleswig-Holsteins, kommt keiner auf die Idee, zur Menschenkette um den Meiler zu trommeln.

500 Männer und Frauen aus Brokdorf, Glücksstadt oder Itzehoe steuern ihre Mittelklassewagen jeden Tag durch das stählerne Werkstor, strömen durch die Personenkontrolle sowie die "Vereinzeler" genannten Zutrittsschleusen und verteilen sich über das weitläufige Gelände hinter dem Deich. Besuchergruppen sind jetzt seltener geworden, seit die Bilder der japanischen Atomkatastrophe die Zeitungen und Fernsehkanäle füllen. Erst am Montag hatte eine Realschulklasse aus Glücksstadt ihre AKW-Besichtigung abgesagt. "Ich kann jetzt einfach kein Atomkraftwerk betreten", hatte die Lehrerin gesagt.

Hauke Rathjen schüttelt darüber den Kopf. "Gerade jetzt sollte man sich doch informieren", sagt der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit in Brokdorf. Er konnte die Pädagogin nicht umstimmen und bleibt nun auf seinen rot-gelben AKW-Anstecknadeln mit der Aufschrift "Klimaschützer - bitte nicht abschalten" ebenso sitzen wie auf den Broschüren mit dem Titel: "Warum Tschernobyl bei uns nicht passieren kann."

Der Vorfall ist symptomatisch: Obwohl Analysen über das japanische Unglück oder neue Erkenntnisse über deutsche Meiler noch nicht vorliegen, sind viele Menschen von der Macht der Bilder überwältigt. Die Leute sehen die verzweifelten Rettungsversuche in Fukushima, in ihren Köpfen sind die Bilder der Explosionen abgelegt. Da können die Atomtechniker in Brokdorf noch so argumentieren: Gegen die Bilder aus Japan kommen sie nicht an. Und regelrecht wütend werden sie, wenn sie die Diskussionsrunden im Fernsehen verfolgen.

"Es drängt sich der Eindruck auf, dass wir einfach nur zum Abschuss freigegeben wurden", sagt Joachim Stüber, 57 Jahre alt und stellvertretender Produktionsleiter in Brokdorf. Kaum einer zeige wirklich Erkenntnisinteresse. Anklagend ist die Tonlage, die Leute wie Stüber von draußen erreicht; drinnen im Atomkraftwerk ist die Stimmung auch deshalb leicht gereizt. Die ganze Debatte, so sehen es die Techniker und Ingenieure, wird ohne jene geführt, die am meisten Sachkenntnis beizutragen hätten.

Das Kernkraftwerk Brokdorf ist 1986 ans Netz gegangen, drei Monate nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Es war weltweit der erste Meiler, der nach dem GAU in der Ukraine in Betrieb genommen wurde. Das Kraftwerk, das mit 1460 Megawatt zu den leistungsstärksten in Deutschland gehört, gilt selbst unter Atomkritikern als eher unauffällig. Erst ein Mal ereignete sich dort ein sogenannter INES-1-Vorfall - das ist die unterste Stufe auf der "International Nuclear Event Scale", die die Schwere von Reaktorpannen in sieben Kategorien einteilt. Im vergangenen Jahr zählte Brokdorf zu den drei produktivsten Kraftwerken der Welt. Der Meiler erzeugte zwölf Milliarden Kilowattstunden Strom. Hätte man diese Menge Elektrizität mit dem durchschnittlichen deutschen Kraftwerkspark produziert, wären 13 Millionen Tonnen Kohlendioxid mehr in die Atmosphäre gepustet worden. Aber auch die Angst vor dem Klimawandel hat derzeit keine Chance gegen die Bilder aus Japan. Kurz gesagt: Die Mitarbeiter in Brokdorf empfinden es als ziemlich unausgewogen, wie derzeit über die Vor- und Nachteil von Atomkraft diskutiert wird.

"Man geht schon mit einem anderen Gefühl zur Arbeit", sagt Hans-Dieter Dirksen, 54. Und damit ist nicht gemeint, dass er an seinem Job zweifelt. Der Ingenieur hat seinen Arbeitsplatz im Allerheiligsten des Kernkraftwerks, der Leitwarte. Sie liegt im inneren Sicherheitsbereich hinter einer vierzig Zentimeter dicken Stahltür und ist nur durch eine weitere Personenschleuse zu erreichen. Am zentralen Pult der Leitwarte überwacht der Schichtleiter auf zahllosen Monitoren und Messinstrumenten, dass in allen Rohren der Druck stimmt und die Temperaturen stets der Norm entsprechen. Dirksen trägt mit seinen Mitarbeitern die unmittelbare Verantwortung für den reibungslosen Betrieb des Atomkraftwerks Brokdorf.

Seine Augen blicken durch eine Nickelbrille über die Monitore vor ihm. Hat sich etwas für ihn geändert, seit in Fukushima die Sicherheitsstandards der Atomindustrie in Rauch aufgegangen sind? Schleicht die Angst, die weite Teile der Bevölkerung ergriffen hat, auch in die AKW-Leitwarten? "Angst habe ich nicht", sagt Dirksen. "Wir haben Vertrauen zu dieser Technik." Und das "Restrisiko", das jetzt alle diskutieren und neu bewerten? "Ich kann mit dem Restrisiko leben und damit umgehen."

In Japan kämpfen 50 Männer unter Einsatz ihres Lebens gegen den Super-GAU. Käme es hier in Brokdorf zur Katastrophe, wären Dirksen und sein Kollege Stüber womöglich auch Teil einer solchen Gruppe. Können sie sich vorstellen, ihr Leben ebenso einzusetzen wie es die japanischen Kollegen gerade tun? Diese Frage beschäftigt Joachim Stüber seit Tagen. "Ich vergleiche das mit der Situation, in der wir hier bei den jährlichen unangemeldeten Sicherheitsübungen sind", sagt er. "Da muss man unter Aufsicht von Gutachtern völlig krasse Szenarien meistern, die zum Teil technisch oder physikalisch sogar unmöglich sind. Man spielt dann nur seine Rolle, schaut nicht auf die Uhr, man trinkt und isst nichts und vergisst stundenlang alles um sich herum, bis die Aufgabe gelöst ist." So, sagt Stüber, stellt er sich das auch bei den 50 Helden von Fukushima vor.

Mitarbeiter deutscher Atomkraftwerke müssen regelmäßig Sicherheitslehrgänge besuchen. In einem "Simulatorzentrum" in Essen sind die Leitwarten aller Atomkraftwerke eins zu eins nachgebaut. Dort wird der Ernstfall trainiert. Stüber absolvierte seinen letzten Kurs wenige Tage vor dem Atomunfall in Japan. "Es war Zufall, aber wir hatten dort gerade einen 'Station Black Out' geübt." Das ist ein kompletter Stromausfall der gesamten Anlage. So wie er in Fukushima durch den Tsunami ausgelöst wurde. Die Betriebsmannschaft muss dann ohne externe Hilfe versuchen, den Reaktor zu stabilisieren. Was im Simulator gelang, ging in Japan daneben. "Wenn man drei Tage später im Fernsehen diese Bilder sieht, wird man doch etwas nachdenklich", sagt Stüber.

Uwe Jorden, 55, gehen die Vorgänge in Japan besonders nah. Der Leiter des Kernkraftwerks Brokdorf hatte Ende der 90er-Jahre zwei Wochen lang das Kernkraftwerk Onagawa in Japan besucht. "Mein Betreuer hatte mich damals auch in Sendai zu sich nach Hause eingeladen", sagt Jorden: "Die Stadt ist heute dem Erdboden gleichgemacht." Für die Kollegen in Japan empfindet Jorden ein sehr "schmerzliches Mitgefühl".

Auch den Brokdorf-Chef bewegt seit gut einer Woche ständig die Frage, ob und wie er selbst so eine Situation meistern würde. "Ich versetze mich natürlich in die Situation meines Kollegen an derselben Stelle in Japan", sagt Jorden. "Würde ich bleiben? Natürlich. Und dessen ist sich auch meine Frau bewusst: ,Du bist der Kapitän auf dem Schiff', hat sie gesagt."

Wenn man in die Situation hineinwächst, glaubt Jorden, "dann hat man nur sein Ziel und die Aufgabe vor Augen - und blendet die Gefahr für das eigene Leben aus". So ein Verhalten habe man schließlich schon bei anderen existenziellen Krisen und Katastrophen beobachtet: "Die Leute tun, was getan werden muss. Sie brechen, wenn überhaupt, erst hinterher zusammen."

Der technische Standard, die sogenannte Auslegung des Atomkraftwerks Brokdorf, ist mit derjenigen in Fukushima nicht zu vergleichen. Hier ein einzelner Druckwasser-Reaktor mit zwei getrennten Wärmekreisläufen, dort eine ganze Kette von sechs Siedewasser-Reaktoren mit jeweils einzelnen Wasserkreisläufen. Das Abklingbecken für benutzte Brennstäbe liegt in Japan außerhalb des Sicherheitsbehälters, in Deutschland ist es innerhalb des "Containments". Anders als Fukushima verfügt Brokdorf über einen Bunker mit einer zweiten "Notleitwarte", vier weiteren Diesel-Aggregaten und zusätzlichem Kühlinventar. Wasserstoff-Explosionen, wie sie in Fukushima die Reaktorgebäude zerfetzten, sind in Brokdorf unwahrscheinlich, weil hier unter der Reaktorkuppel in Deutschland chemische Katalysatoren verbaut sind, die durch eine "autokatalytische Verbrennung" die Bildung von Knallgas von vornherein verhindern. Brokdorf werde ständig nachgerüstet, sagt Jorden: "Wir investieren pro Jahr zwischen 40 und 50 Millionen Euro in die Anlage."

Trotz dieser Unterschiede könne er die Entwicklung des dramatischen Störfalls in Japan nicht bewerten, sagt Jorden. Was dort falsch gelaufen ist, vermöge er aus dieser Entfernung nicht zu beurteilen. "Ich maße mir nicht an, da irgendeine Kritik zu üben", sagt er: "Ich habe auch zu keinem Zeitpunkt gedacht: 'Wie konntet ihr nur'?" Gerade deshalb hat der Kraftwerksleiter auch nicht viel Verständnis für die von der Bundesregierung gerade angeordnete Abschaltung der sieben ältesten deutschen Meiler für drei Monate.

An der Sicherheit der Anlagen habe sich ja schließlich nichts geändert. Und sicherer würden sie durch die Betriebsunterbrechung auch nicht. "Es macht mich fassungslos, wie in Deutschland damit umgegangen wird", sagt Uwe Jorden. "Das ist nur Aktionismus, ohne Sinn und Verstand."

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Das atomare Feuer bändigen

Auch das Problem des Atommülls wird der technische Fortschritt lösen: Forscher arbeiten bereits an seiner Umwandlung in Strom - und an neuen Kernkraftwerken, die keinen GAU mehr kennen

Eine Million - die Eins mit sechs Nullen. Schon immer steht der Begriff, aus dem Italienischen stammend, für eine der faszinierendsten Zahlen und bedeutet übersetzt so viel wie "Großtausend", Synonym für das unendliche Viel. Ein reicher Mensch ist ein Millionär. Eine besonders lange Zeit dauert, nein, nicht tausend, sondern eine Million Jahre - kein historischer Zeitraum mehr, sondern ein geologischer, wie der Wissenschaftler sagt. Derzeit ist besonders oft von einer Million Jahren die Rede, von einer Million Jahren Schuld, die unsere Generation gerade auf sich lädt, "fast die kriminellste Generation, die je gelebt hat", wie der Künstler Klaus Staeck in der ARD-Talkshow "Anne Will" bemerkte. "Fast", sagte er. Die Generation derjenigen, die den Einstieg in das - nur - Tausendjährige Reich feierten, hat also auch noch eine Chance auf den Spitzenplatz.

Staecks Urteilsbegründung: Bis zu einer Million Jahre, so lange wird nach seiner Ansicht der Atommüll, den wir heute produzieren, weiterhin gefährlich strahlen. Der Präsident der Berliner Akademie der Künste steht damit nicht allein. Allenthalben wabern derzeit sechs- und siebenstellige Jahreszahlen mit der Wucht ihrer vielen Nullen durch die wieder aufgekochte Debatte über den Atommüll. Gewiss, aus den Tabellen über die Halbwertzeiten der hoch radioaktiven Elemente lassen sich solche Zeiträume mathematisch ableiten. Aber können die dort stehenden Zahlen wirklich etwas darüber aussagen, was in einer Million Jahren in Gorleben los sein wird, wie die Menschen bis dahin mit dem Inhalt der Fässer tief unten im Salzstock - oder in irgendeinem anderen Atommülllager - verfahren haben werden? Schätzungsweise 30 000 Generationen weiter? 30 000 Generationen nicht etwa von niedlichen, hilflos den Hinterlassenschaften unserer heutigen Technik ausgelieferten Enkelkindern, sondern 30 000 Generationen höchst motivierter Forscher, eine Million Jahre wissenschaftlicher Fortschritt, dessen Dynamik immer mehr Fahrt aufnimmt.

Die Diskussion über solche Zeiträume ist unsinnig, besonders im Zusammenhang mit dem Atommüll. Wir haben keine Vorstellung davon, wie die Welt in einer Million Jahren aussehen wird, auch nicht in tausend, nicht mal in hundert. Eine Ahnung immerhin haben wir davon, was in einem Jahrzehnt geschehen könnte. Da nämlich dürfte zum Beispiel die Pilotanlage im belgischen Mol stehen, deren Errichtung die EU unlängst beschlossen hat: Eine Anlage, die den Einstieg bewerkstelligen soll in die "Transmutation": nicht weniger als die Umwandlung des hoch radioaktiven Atommülls in schwächer und vor allem nur noch wenige Hundert Jahre strahlende Materie.

Die Transmutation - mithilfe von Teilchenbeschleunigern und Neutronenbeschuss - ist noch Zukunftsmusik, gewiss. Joachim Knebel aus Karlsruhe, der auf deutscher Seite führend an dem Forschungsverbund zu dieser Technologie beteiligt ist, sagt, es werde insgesamt wohl noch 20 Jahre dauern, bis abgebrannte Brennstäbe in gewünschten Mengen entschärft werden könnten. Grundsätzlich sei der Transmutationsprozess vielfach erfolgreich getestet, für den industriellen Maßstab müssten allerdings noch die Verfahrenstechniken optimiert werden. Auch bereite die Trennung der unterschiedlichen Elemente im Atommüll noch Schwierigkeiten, sie schreite aber zufriedenstellend voran. Ziel ist es, die Transmutationsanlagen als Reaktor zur Stromgewinnung zu betreiben. Der Atommüll wird sich also vom Teufelszeug zum Energierohstoff wandeln, ohne CO2-Ausstoß. Der technisch-wissenschaftliche Fortschritt macht es möglich - vorausgesetzt, er wird nicht unterbunden, wie es Rot-Grün mit seinem Ausstiegsgesetz einst bei wichtigen Forschungslinien praktizierte. Es ist absurd, dass im letzten Bundestagswahlkampf ein SPD-geführtes Bundesministerium dem CDU-geführten Forschungsministerium vorwarf, in diesem Sektor Forschungen zu betreiben - und dabei heimlich selbst forschen ließ, wie sich hinterher herausstellte.

Andere europäische Länder sowie die USA, Japan, China und vor allem Indien lassen ihre Wissenschaftler arbeiten. Und so ist die Erwartung durchaus realistisch, dass schon dieses Jahrhundert die schlimmsten der heute so apokalyptisch vorgetragenen Probleme der Atomkraft einer Lösung näherbringen wird. Reaktoren mit unterkritischem Betrieb werden beim besten Willen auch von Terroristen nicht mehr zum GAU zu treiben sein. Andere Baulinien - wie jene Transmutationsanlagen - werden ihren Atommüll weitgehend selbst verwerten. Was bleibt: die Gefahr der Proliferation, der Herstellung und unkontrollierten Verbreitung von Bombenmaterial.

Grundsätzlich stellen auch die Kritiker der Atomkraft das Funktionieren dieser neuen AKW-Generationen nicht infrage. Abgelehnt werden sie dennoch, eine erfolgreiche Forschung in dieser Richtung stünde der Mobilmachung gegen die Kernenergie noch wirkungsvoller entgegen als ein gefundener und akzeptierter Standort für das Endlager. Wenn der Sprecher von Greenpeace aber erklärt, ihm sei die Endlagerung lieber als die Transmutation, so ist dies zynisch, wenn seine Organisation mit all ihrer medialen Macht und ihren artistischen Showeinlagen gegen jedes Endlager zu Felde zieht. Eine bemerkenswerte Ausnahme: die "Anti-Atom-Nachrichten" der Website contratom.de. Die Atomkritiker stellen sehr informativ, durchaus positiv kommentierend und ausführlich das Transmutationskonzept vor. Hier scheint man im Gegensatz zur restlichen Szene in der Tat den Atommüll als Problem anzusehen und nicht als willkommene - und bewährte - Waffe im gesellschaftlichen Wandel.

Es stimmt schon: Unsere Enkelkinder werden uns wohl - vollkommen zu Recht - verurteilen. Aber nicht, weil wir ihnen den Atommüll hinterlassen, sondern weil wir ihnen und den 29 999 Folgegenerationen nicht zutrauen, ein Problem zu beseitigen, das wir selbst sogar noch ein gutes Stück lösen werden. Nach uns die Dummheit? Welch eine Hoffärtigkeit, welch ein Zweifel daran, dass auch unsere Nachkommen den technischen und wirtschaftlichen Fortschritt beherrschen werden, und zwar nach allen Regeln der Wissenschaftsgeschichte besser als wir. Bestenfalls lachen sie über uns. Wie wir heute über die Menschen aus dem Jahr 1900 lachen, die aus der damaligen Entwicklung messerscharf ableiteten, dass binnen hundert Jahren der Pferdemist die Straßen von New York bis zum zweiten Stock aufgefüllt haben werde.

Gehen wir zur Abwechslung mal eine Million Jahre nicht nach vorn, sondern zurück: ein Zeitraum, der gut sechsmal so groß ist wie das Lebensalter der Gattung Mensch, des Homo sapiens. Was wurde in der letzten Million Jahre geleistet? Sechs- bis siebenhunderttausend Jahre ist es mindestens her, dass der Mensch das Feuer nutzte und bewahrte. Danach geschah Hunderttausende von Jahren nichts, bis der Mensch das Feuer selbst zu entfachen lernte. Das war der Takt des Fortschritts beim Homo heidelbergensis. Schon zügiger, etwa in Tausendjahresschritten, ging es nach der Neolithischen Generation vor 12 000 Jahren weiter, als der Mensch sesshaft wurde, dank einer Überschussproduktion nun die Arbeitsteilung aufkam und kluge Köpfe Zeit fanden für die Erfindung des Rades, des Segels, der Mühle und anderem Praktischen.

Wieder drei Jahrtausende später dann begannen besonders kluge Köpfe, griechische Philosophen wie Aristoteles etwa, sogar weit voraus zu denken: Ob man wohl mal wird fliegen können? Sogleich kam eine gewisse Portion Technikskepsis auf: Wer zu hoch fliegt wie Ikarus, so hieß es nun, der stürzt ab. Kein Grund war dies aber (anders als es heute in Deutschland der Fall wäre), den Traum vom Fliegen zu stigmatisieren. Gut eineinhalb Jahrtausende später tüftelte Leonardo die ersten Flugapparate theoretisch aus, wieder knapp drei Jahrhunderte darauf stieg der erste Ballon auf. Eine Ungeheuerlichkeit, und doch war es der Anfang eines sich fortgesetzt dynamischer drehenden technischen Fortschritts, über Propellerflugzeuge zum Überschall. Zwischen Jules Vernes erstem Traum von der Mondfahrt bis zur Landung von Apollo 11 waren es dann nur noch 100 Jahre. Von der Verfilmung von Vernes Buch bis zum 3-D-Kino waren es 60 Jahre, und heute werden wir fast täglich von einer neuen Generation multimedialer Apparaturen überrascht.

Und nehmen wir nur den Fortschritt auf dem Gebiet der Medizin und der gesünderen Nahrung, der die Lebenserwartung etwa des Durchschnittsdeutschen jedes Jahr um schwindelerregende drei Monate verlängert. Während wir in den 60er-Jahren noch von der flächendeckenden Verbreitung der Rohrpost fabulierten, überholte uns schon das Fax. Als die Spionagetechnik - eigentlich stets Vorreiter - noch daran arbeitete, Briefe immer spurloser zu öffnen, kam schon der Computerhacker durch die Telefonleitung. Dabei hilft uns der Computer, dieser größte Fortschrittsbeschleuniger, erst seit drei, vier Jahrzehnten. Er wird die Taktzeiten weiter herunterdrücken, erst recht, wenn er sich selbst reproduziert.

Von der ersten Entdeckung strahlender Materie dauerte es 150 Jahre bis zur ersten künstlich eingeleiteten Kettenreaktion, von da an nur noch 20 Jahre, bis der erste Atomreaktor Strom lieferte - nach einem Prinzip, das von der Transmutation gar nicht so weit entfernt ist. Wenn etwas unheimlich wird, dann nicht der Atommüll, sondern die immer schnellere Lösung von Problemen. Auch weil vielerorts die Lösungen die Probleme bereits überholt haben, früher da sind, als sie überhaupt gebraucht werden.




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Stand: 03. Mai 2011.