Als Gott die Welt erschuf, so erzählen die Einheimischen die Geschichte ihres Landes, blieb am Ende ein Haufen Schutt übrig. Diese Brocken, die nirgends sonst hinpassten, sammelte Gott ein und schleuderte sie auf die Erde. Was dabei herauskam, wird heute Afghanistan genannt: Ein 650 000 Quadratkilometer umfassendes Staatsgebilde, das doppelt so groß ist wie die Bundesrepublik, gegliedert in 34 Provinzen und 399 Distrikte, die durch die bis zu 5000 Meter hohen Berge des Hindukusch getrennt sind und von mindestens 30 Ethnien bewohnt werden.
Wer die Lage in diesem Land bewerten will, muss zunächst einmal feststellen: Es gibt keine einheitliche Lage. Von Tal zu Tal, von Ort zu Ort liegen die Dinge anders. Das gilt es im Hinterkopf zu behalten, wenn die Repräsentanten der Internationalen Schutztruppe (Isaf) von einer "Trendwende" berichten und erstmals seit Jahren wieder Optimismus verbreiten. Wahr ist: Trotz der steigenden Zahl von Gefallenen und der fortwährenden Korruption gibt es regional militärische Fortschritte, es gibt Zonen bescheidener Prosperität, und es gibt die Ansätze eines politischen Prozesses zwischen der Regierung in Kabul und den Aufständischen. Nach neun Jahren des mehr oder weniger unkoordinierten Herumexperimentierens der verschiedenen Truppenstellernationen hat das Militär mit der Anfang 2010 beschlossenen neuen Strategie nun erstmals ein homogenes Konzept an die Hand bekommen, tatsächlich eine nachhaltige Verbesserung der Sicherheitslage zu erzielen. Durch die Aufstockung der alliierten Truppen auf 140 000 Soldaten wurde die Möglichkeit geschaffen, einerseits offensiv gegen die Aufständischen vorzugehen und andererseits den Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte massiv voranzutreiben. Damit wird die Isaf in die Lage versetzt, einmal eroberte Gebiete auch zu halten und ein einigermaßen gesichertes Umfeld für den wirtschaftlichen Aufbau und die Entwicklung von Verwaltungsstrukturen einzurichten. "Käseglocken der Sicherheit" sollen so geschaffen und peu à peu ausgeweitet werden, bis sie sich schließlich berühren.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Der Fortschritt in Afghanistan bemisst sich in Zentimetern, und er muss mit hohem Risiko erkämpft werden. In der Provinz Kundus hat die Bundeswehr vorige Woche die Operation "Halmazag" (Blitz) begonnen. Vier Tage standen die Soldaten mit ihren afghanischen Partnern in Gefechten von einer Intensität und Dauer, wie sie die deutsche Armee kaum je erlebt hat. Fernab des befestigten Feldlagers wurde unter extremen klimatischen Bedingungen operiert, gegen einen Gegner, der sich an keine Regeln hält. Danach waren die Aufständischen vertrieben, das Gebiet wurde gesichert, um in den folgenden Tagen mit der Lieferung von Kies für neue Straßen und dem Aufbau eines Stromnetzes zu beginnen. Nur: Mit diesem Einsatz ist der Großteil von einem der drei im Norden stationierten Bataillone gebunden. Und das eroberte Gebiet ist sechs mal zehn Kilometer groß - insgesamt umfasst das von der Bundeswehr verantwortete Regionalkommando Nord 162 151 Quadratkilometer.
Während das Bataillon in Kundus immerhin schon einsatzfähig ist, befinden sich die beiden anderen noch im Aufbau. Auch bei Quantität und Qualität der auszubildenden afghanischen Soldaten und vor allem Polizisten ist noch viel zu tun, ehe man wirklich flächendeckend operieren kann. Und damit ist der Knackpunkt der neuen Strategie benannt: Wenn westliche Politiker den Eindruck erwecken, man könne in vier Jahren so weit sein, das Land in einem halbwegs geordneten Zustand an die Afghanen zu übergeben, dann ist das ein Rückfall in frühere Verschleierungstaktik. "Wir sind auf dem richtigen Weg, aber die neue Strategie braucht vor allem eines: Zeit", das sagen alle Soldaten, die an der Front im Einsatz sind. Selbst unter Berücksichtigung des korrigierten Ziels - nicht mehr der militärische Sieg über die Taliban und der Aufbau einer Westminster-Demokratie wird angestrebt, sondern ein erträgliches Maß an Sicherheit - ist der versprochene Beginn des Abzugs der Truppen schon im nächsten Jahr eine Illusion.
Die Abzugsdebatte, erklärbar durch die Kriegsmüdigkeit an den Heimatfronten von Europa bis Nordamerika, nutzt allein den Taliban, für die sie Durchhalteparole und Verweigerungsgrund für ernsthafte Verhandlungen mit Präsident Karsai darstellt. Wer sie dennoch weiterführt, konterkariert die bescheidenen Erfolge, nimmt das Scheitern des finalen Kraftakts der Weltgemeinschaft in Afghanistan billigend in Kauf - und wird am Ende nur eines hinterlassen: einen Haufen Schutt