Pro Mittelstand NRW

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Ägypten

Mit einem Klick im Knast  Die Welt 29.12.2010

Karim Amer ist Ägyptens prominentester Blogger. Gerade wurde er nach vierjähriger Haft entlassen. Das Regime und die Geistlichen hassen ihn. Unser Korrespondent traf ihn in Kairo

Digitale Dissidenten werden in Ägypten und andernorts im Nahen Osten immer härter verfolgt

In Kairo

Abdul Karim Nabil Suleiman wirkt deutlich älter als 26 Jahre. Wenn er mal ein schüchternes Lächeln wagt, dann sieht man, dass ihm einige Vorderzähne fehlen. Sein Gesundheitszustand sei "nicht besonders gut", hat sein Anwalt zu Beginn der Veranstaltung gesagt. Aber er wolle sich nach der Freilassung unbedingt persönlich bei seinen Freunden und Unterstützern bedanken. An diesem Abend haben sich die Menschen durch die immer verstopften Straßen der ägyptischen Hauptstadt gequält, um in einer kleinen Wohnung hinter der hochgesicherten Zentralbank zu hören, was Suleiman über seine Zeit in einem ägyptischen Gefängnis berichtet.

Doch zunächst spricht der Anwalt: Karim Amer - so lautet sein Bloggername - sei "ein Mensch, der für sein Recht auf freie Meinungsäußerung einen sehr hohen Preis gezahlt habe", sagt er. Er, der doch nur ein wütender junger Blogger sein wollte, sei heute ein "Held der Meinungsfreiheit". Dem Helden aber sind die Lobeshymnen sichtlich unangenehm, er schaut verlegen auf den Boden. Als Karim das Wort ergreift, spricht er leise.

Vier Mal sei er verprügelt worden, flüstert er, zwei Mal während der fast einjährigen Untersuchungshaft, zwei Mal während der folgenden vier Jahre im Gefängnis. Er sagt das merkwürdig unbeteiligt, als würde er von einer Einkaufsliste ablesen. Einmal sei er von einem Aufseher gemeinsam mit einem Häftling angegriffen worden. Als er Beschwerde eingereicht habe, sei er mit Einzelhaft bestraft worden. Doch die anhaltende Aufmerksamkeit der internationalen Medien habe ihm Schlimmeres erspart: "Sie konnten mich nicht mit gebrochenen Knochen und grün und blau geschlagen entlassen", sagt er und zeigt wieder sein schüchternes, lückenhaftes Lächeln. Warum hat ihn der Sicherheitsdienst nach der Entlassung noch einmal zehn Tage in Gewahrsam genommen? Er schüttelt nur den Kopf. Vielleicht weiß er es nicht, vielleicht will er darüber nichts sagen.

Irgendwo in dem kleinen Zimmer, daran zweifelt niemand, sitzt auch der ägyptische Geheimdienst. Später, in einem der Cafés in den immer stinkenden Seitenstraßen, klingt Karim schon wieder etwas trotzig: "Wenn ich die letzten Jahre noch einmal durchleben dürfte, würde ich genau dasselbe noch einmal tun", sagt er. Natürlich habe er mit einer so harten Strafe nicht gerechnet, doch an seinen Zielen habe die Haft nichts geändert. "Ägypten muss sich verändern."

Karim Amer hat seiner Unzufriedenheit mit den herrschenden Zuständen im Internet Luft gemacht und sich dabei mit den größten Mächten im Land angelegt: der religiösen Führung und dem Regime von Präsident Husni Mubarak.

Seine Rebellion kam unerwartet. Immerhin hatte er 18 Jahre in den Bildungseinrichtungen der religiösen Al-Azhar-Universität zugebracht, die manche den Vatikan des sunnitischen Islam nennen. Er hatte dort die Schule absolviert und war zum Studium geblieben. 2005 begann er, für verschiedene Internetseiten zu schreiben, erzählt er. Und machte sich prompt unbeliebt - etwa bei einem koptisch-christlichen Portal. "Die wollten mich nur den Islam kritisieren lassen, ich hatte aber auch Kritisches über die Christen zu sagen", sagt er.

Ein Jahr später, nach der Aufführung eines Theaterstücks, in dem ein koptisches Mädchen von Muslimen zur Konvertierung überredet wird, kam es zu tödlichen Unruhen in seiner Heimatstadt Alexandria. Aufgebracht schrieb Karim, die Muslime hätten "ihre Masken abgelegt und zeigen nun ihr wahres, hasserfülltes Gesicht". Endlich sei deutlich für die Welt, dass die Muslime "den Höhepunkt der Brutalität, Barbarei und Unmenschlichkeit" verkörperten. Das hielten nicht nur seine Feinde für eine grobe Verallgemeinerung - doch Amer schrieb, was er wollte. Er fühlte sich befreit von den religiösen Zwängen seiner tief gläubigen Familie und der Universität.

Anfang 2006 schloss ihn die al-Azhar aus, weil er einigen besonders konservativen Professoren vorgeworfen hatte, sie ließen kein freies Denken zu und würden deshalb "in der Mülltonne der Geschichte" landen. Die Uni sei nichts anderes als eine "Schule des Terrors". Eine Vorladung der Universitätsleitung bezeichnete er als Treffen mit der "Inquisition". Und er setzte sich für Frauenrechte ein. Schließlich klagten die Professoren: Amer gefährde die "öffentliche Sicherheit". Er habe Präsident Mubarak als "Symbol der Tyrannei" bezeichnet. "Normalerweise können die Religiösen die Regierung ja auch nicht ausstehen, aber sie wussten, dass meine Strafe so deutlich höher ausfallen würde", meint Amer.

Er wurde festgenommen, erst Monate später folgte die Anklage - sie enthält Dinge, die in keiner westlichen Demokratie strafbar wären: Karim wird des Atheismus bezichtigt, weil er bloggte, es gebe "keinen Gott außer den Menschen". Er habe "aus Boshaftigkeit zur Revolution angestiftet", dem Ruf Ägyptens geschadet und gegen den Islam gehetzt. Hier sollte ein Exempel statuiert werden. Der Staatsanwalt verkündete: "Ich bin in einem Heiligen Krieg. Wenn wir solche Dinge ungestraft lassen, wird es ein Feuer geben, das alles zerstört." Kein Blogger musste je eine längere Strafe absitzen. Doch sein Fall erregte Aufsehen. Menschenrechtsorganisationen, US-Kongressabgeordnete, Europaparlamentarier und Regierungen drängten auf seine Freilassung. Das Regime blieb hart.

Anderen Bloggern ergeht es noch schlechter. In Tunesien wurde Zuhair Yahyaoui, ein Web-Verleger, von Sicherheitskräften aus einem Internetcafé verschleppt und so lange gefoltert, bis er das Passwort für seinen Rechner herausgab. Yahyaoui hatte ein satirisches Quiz über Tunesiens Präsidenten veröffentlich. Im Juni wurde in Ägypten der 28 Jahre alte Regierungskritiker Chaled Said von Sicherheitsbeamten in einem Internetcafé befragt, geschlagen und festgenommen. Wenig später wurde die Leiche vor demselben Internetcafé aus einem Wagen geworfen - Fotos zeigen einen bis zur Unkenntlichkeit geschlagenen Menschen, der gewiss nicht, wie es offiziell hieß, an versehentlich verschluckten Haschischzigaretten erstickt war. Es dauerte nicht lang, bis die Seite "Wir sind alle Chaled Said" im sozialen Netwerk Facebook einige Hunderttausend Anhänger hatte

 




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Stand: 05. Januar 2011.